Honeckers wehrhafte Demokratie — eine Bilanz

Nachdem ich einem Freund ein paar alte Ausgaben der Bahamas aus den späten 90ern verliehen hatte, kam ich auf den Gedanken, mal selbst wieder in den ein oder anderen Artikel zu schauen und ein kleines Cut-up von Texten aus einer Zeit zu erstellen, als diese Leute noch nicht ganz zur Vorhut eines neuen Rassismus vom Schlage Herres und Ulfkottes verkommen waren. — Der folgende Text von Justus Wertmüller aus der Nr. 25 (1998) ist eine — darf man’s sagen? — leninistische Intervention gegen die Renaissance des demokratischen Sozialismus in der Programmatik der „Radikalen Linken“ (RL), die 1989 mit der Parole „Nie wieder Deutschland“ zum Kristallisationspunkt für die Entstehung der ersten Generation Antideutscher geworden war, mit den heutigen Kindersoldaten der NATO bis auf den Namen allerdings nicht viel gemein hat:

In seiner Einlassung vor dem Berliner Landgericht am 3.12.92 zog Erich Honecker die Lehren aus der Geschichte so: „der unmittelbare Beginn des Elends der deutschen Geschichte der Neuzeit ist das Jahr 1933 … Bei der Abstimmung zum Ermächtigungsgesetz waren die kommunistischen Abgeordneten bereits aus dem Reichstag entfernt. Viele Kommunisten waren inhaftiert oder lebten illegal. Schon damals begann mit dem Verbot der Kommunisten der Untergang der Demokratie in Deutschland.“ (Richter, Kurzer Prozeß, S. 167)
Honeckers Bekenntnis zur Demokratie unterscheidet sich von den beiden westdeutschen im wesentlichen dadurch, daß dem positiven Rekurs auf eine überhaupt nicht antifaschistische Staatsform immerhin 40 Jahre konsequentes Handeln vorausgegangen waren. Er zog, wie die westdeutschen Staatsgründer, aus der Zerstörung der Demokratie durch die Nazis die bleibende Lehre: dieselbe nunmehr von staatswegen zu schützen. Was sich damals auf den antifaschistischen Weg machte, folgte aber dem sehr viel älteren staatssozialistischen Programm, die bürgerlichen Ideale endlich zu verwirklichen und den Sozialismus als wahre Demokratie zu installieren.
Aber Demokratie ist nichts anderes als der staatliche Rahmen warenproduzierender Gesellschaften. Die Besinnungslosigkeit des Mehrheitsprinzips, das im vernünftigen Gesetz sich Bahn brechen sollte, war der politische Ausdruck der gesellschaftlichen Basis, des Warentausches. […]
Obwohl die Notwendigkeit, die unter den Herrschaftsbereich der DDR gelangten Deutschen von der freien Artikulation ihrer Gesinnung abzuhalten, antifaschistisch begründet wurde, beerbte das Konzept der Erziehungsdiktatur in erster Linie die radikalbürgerliche Forderung nach der besseren Demokratie, also den Bourgeois im — nunmehr sozialistischen — Staatsbürger aufgehen zu lassen. DDR-Kommunisten wollten tatsächlich das Vernünftige für den Einzelnen und die Menschheit in einem zutiefst unvernünftigen Verfahren aufgehoben wissen und vollzogen deshalb im Namen der Vernunft den Anschlag auf den Kommunismus. […]
Die Honeckersche sozialistische Demokratie ähnelt im Jargon und im Appell an die Massen nur allzu sehr ihrem westlichen Widerpart. Daß sie in der Sache etwas anderes war, liegt allein an der Mauer. Die Mehrheitsmeinung derer, die zum Glück nicht frei wählen durften, war in den Verlautbarungen der DDR-Demokratie immer so weit aufgehoben, als sie betont national waren, ohne den Antikommunismus hochzuhalten, geschichtsmetaphysisch, ohne geschichtsrevisionistisch zu werden und im Kern völkisch, obwohl jeder Rassenlehre abhold. Der historische Auftrag, nämlich dem ganze Volke dienen zu wollen, wurde aus der entsprechend zurechtfabulierten Nationalideologie von Friedrich II über Luther zu Bismarck […] gewonnen. Was die Mehrheitsmeinung nicht schätzte, wurde ihr volksgerecht zubereitet. […]
Zwar wurde der Antifaschismus mit einiger Konsequenz gegen besonders belastete alte und aktive neue Nazis durchgesetzt, doch die wesentlichen „antifaschistischen Maßnahmen“, Enteignung der herrschenden Klasse und Eindämmung der freien Marktwirtschaft, wurden um eines volksstaatlichen […] Prinzips willen alles andere als eine Erziehungsleistung von Rang. Sie blieb nur der erfreuliche Schlag gegen jene, die von der Barbarei am meisten profitiert hatten. Die Zurückdrängung der „raffgierigen Schweine“ (Gremliza) erfolgte jedoch auf Kosten der Kritik an den „mordbrennenden Idioten“ (Gremliza), jenen also, die schon lange vor 1989 fit für Deutschland waren.
Anders als die Brachial-Leninisten, Stalinisten, Maoisten und Trotzkisten der Neuen Linken West […] sind die Ulbrichts und Honeckers nie in den Verdacht geraten, es mit der Demokratie zu halten oder mit Deutschland. Daß sie freie Gewerkschaften, Frauenorganisationen, Meinungsfreiheit und was sonst so im westsozialistischen Hirn herumtobte, nicht zuließen, war ihr Verdienst. Opposition war schon in der CSR theoretisch und praktisch eine Hinwendung zum Kapitalismus pur, in der DDR konnte der Zug in die wahre Freiheit natürlich nur einer nach Deutschland sein. […]
Wie die sozialistischen Partnerländer war die DDR ein Staat, in dem sich wie im Westen fast jede Schweinerei ereignet hat, in der Verblendung, Dummheit und Bösartigkeit fast so skrupellos den sozialistischen Gang bestimmten wie im Westen den freiheitlichen. Doch dieses fast, auf das es für Kommunisten, die es besser machen möchten, so dringend ankommt, scheint in den jüngsten Diskussionen, in denen sich eine Goldhagendebatte gefährlich mit einer Schwarzbuchdebatte zu überschneiden droht, völlig zu verschwimmen.


10 Antworten auf „Honeckers wehrhafte Demokratie — eine Bilanz“


  1. Gravatar Icon 1 classless 15. März 2008 um 12:29 Uhr

    Alles gut und schön – wo aber bleibt jetzt der Cut-up?

  2. Gravatar Icon 2 lysis 15. März 2008 um 14:34 Uhr

    Keine Ahnung. Ist das kein Cut-up?

  3. Gravatar Icon 3 lampeAN 15. März 2008 um 15:07 Uhr

    lol

  4. Gravatar Icon 4 classless 15. März 2008 um 15:15 Uhr

    Es ist eigentlich nur ausführlich mit Angabe von Quelle und Auslassungen zitiert. Keine Kollision, nur ein Rohstoff, keinerlei Zufallselement, maximal eine Bedeutungsebene. Tja.

  5. Gravatar Icon 5 w 15. März 2008 um 18:19 Uhr
  6. Gravatar Icon 6 classless 16. März 2008 um 14:37 Uhr

    Och, keine Ahnung, ich bin ja kein Styleguide.

    Ich hatte mich nur wirklich darauf gefreut, Bahamas-Cut-ups von Lysis zu lesen.

    Nu ja.

  7. Gravatar Icon 7 Dirk 19. März 2008 um 1:14 Uhr

    Die haben doch mit Honecker damals schon genau das durchgezogen, was sie heute mit Bush usw. abziehen – DDR nicht trotz, sondern wg. Mauer, nicht trotz „Demokratiedefizit“, sondern wegen…toll.
    Wahrscheinlich hat auch Stalin nur nicht deutschgründlich genug gesäubert…

    Iss alles schon da. Ist irgendwie wie schlechte Poplinke, die irgendwelche super banalen Objekte intellektuell überfrachten, die sich nun aber Objekte wie Honecker und den Rest der Weltgeschichte vornehmen.
    Heute schützen halt andere vor „freie(n) Gewerkschaften, Frauenorganisationen, Meinungsfreiheit“ usw.
    Und wahrscheinlich – ich lese diese Leute schon lange nicht mehr – schreiben sie auch über Irak usw., dieser Krieg sei so wahnsinnig geil, nicht weil er den Untermenschen Demokratie und Menschenrechte und Freiheit brächte, sondern gerade, weil er das nicht tut…
    Und Frauenorganisationen, na ja…

    Dirk

  8. Gravatar Icon 8 bikepun 089 19. März 2008 um 14:02 Uhr

    Ich hab mich auch mal an diesem Cut-up business versucht. Zu Honecker habe ich nichts beizutragen.

  9. Gravatar Icon 9 honey 25. April 2008 um 16:17 Uhr

    „die DDR ein Staat, in dem sich wie im Westen fast jede Schweinerei ereignet hat, in der Verblendung, Dummheit und Bösartigkeit fast so skrupellos den sozialistischen Gang bestimmten wie im Westen den freiheitlichen.“

    Ob realer Sozialismus oder soziale Marktwirtschaft, beide Systeme scheinen sich am Staatsideal des Schreibers vergangen zu haben. Damit fällt der Autor allerdings auf denselben moralischen Systemvergleich zurück, der ein paar Zeilen weiter oben verrissen wird:

    „die bürgerlichen Ideale endlich zu verwirklichen und den Sozialismus als wahre Demokratie zu installieren.“

    „Verblendung, Dummheit, Bösartigkeit, Skrupellosigkeit“ SIND die Vokabeln für die Abweichung von Idealen wie „Kritikfähigkeit“, „Aufklärung“, „Gutmenschentum“ oder „Mitmenschlichkeit“ …

  1. 1 classless Kulla » Blog Archive » Bei Blogsport wird vorsichtig gecuttet Pingback am 18. April 2008 um 15:52 Uhr
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