Marxismus-Mystizismus III

Ich fand „Wertkritik“ ja mal interessant. Aber der Versuch, alles in eine hegelianische Wesens-Erscheinungs-Logik zu pressen, führt mittlerweile zu einem Obskurantismus, bei dem es einem nur noch die Sprache verschlägt. Michael Reich beobachtet das an einem Text des EXIT!-Redakteurs Martin Dornis, der nicht davor zurückschreckt, sogar noch den Tod aus der Marxschen Kategorie des Werts zu deduzieren:

Nun kann man auf diese Art und Weise Alles und Nichts aus Jedem und Etwas ableiten, es bleibt von der logischen Struktur der Argumentation her immer wahr. Wenn der Wert alles ist, ist Alles der Wert und so auch der Tod. Vielleicht ist das richtig, vielleicht auch nicht, zeigen könnte man das nur am Material und dieses Material wäre nicht in der Deduktion irgendwelcher Eigenschaften aus dem Wertverhältnis zu suchen, sondern nur in einer Analyse der Verhältnisse des Sterbens selbst. Aber Martin Dornis‘ Text enthält nichts dergleichen. Daher wäre wohl die einzig richtige Überschrift: Der Wert und der Wert.

Spannend ist allerdings auch, dass Dornis, nach einer pflichtschuldigen Distanzierung von den „Antideutschen“ kurz nach Beginn des Irak-Kriegs vor fünf Jahren, jetzt wieder zu seinen Leipziger Szene-Wurzeln zurückkehrt. Denn im Grunde ist sein Text „Der Wert und der Tod“ nichts anderes als eine Paraphrase auf Gerhard Scheit, der in der Sachsen-Metropole noch immer als ein bedeutender Theoretiker und wichtige Referenzfigur gilt.

War die Kritik an den „Antideutschen“ also bloß Spaß? Will sich EXIT! jetzt mit Café Critique wiedervereinigen? Und ist wenigstens die KRISIS noch immun gegen den gequirlten Schwachsinn aus Österreich?

Fragen über Fragen. Aber vielleicht sollte man sich auch einfach von dem Theorieprojekt „Wertkritik“ und seiner streng vereinfachten Konstruktion der Gesellschaft als einer „expressiven Totalität“ (Althusser), die sich aus einer einzigen Kategorie ableiten ließe, verabschieden. Und einsehen, dass es sich — trotz Verortung in der neuen Marx-Lektüre —, am Ende doch nur um eine Neuauflage des alten Weltanschauungsmarxismus handelt, „der zu allen Fragen aus Geschichte, Gesellschaft und Philosophie die Antworten bereits kannte“ (Heinrich).

„Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung“, schrieb Lenin 1913. Und erschreckenderweise bezeichnet genau das auch die Herangehensweise von Dornis & Konsorten, welche zumindest in dieser Hinsicht vom verschmähten „Traditionsmarxismus“ nie auch nur ein Jota abgerückt sind. Schade drum!


6 Antworten auf „Marxismus-Mystizismus III“


  1. Gravatar Icon 1 Angelus Novus 08. Juni 2008 um 18:17 Uhr

    wer wie Kurz ein europäisches Großmachtprojekt nicht erkennen will, auch die positiven Bezüge der Globalisierungskritiker auf ein sozialeres Europa, auf ein Europa der Regionen, auf die Illusion eines wohlfahrtsstaatlich-keynesianisch organisierten Kapitalismus, auf Antizionismus und Antiamerikanismus weniger prägend findet. Dieser unangenehme Eindruck verstärkte sich noch, als Kurz eine bislang nicht bekannte Erklärung für seinen Bruch mit der „antideutschen Ideologie“ abgab: Demnach reagierten Kurz und die Krisis auf Überlegungen des Wissenschaftlichen Beirats von Attac, Robert Kurz für seine Krisentheorie und den amerikanischen Intellektuellen Moishe Postone für seine Überlegungen zum strukturellen Antisemitismus unter dem Label „Bellizisten“ zu führen und sie so als wenig vorbildlich für die Attac-Bewegung zu deklarieren. Um „diskursfähig“ zu bleiben, so Kurz, sollte sich von den Antideutschen getrennt werden.

    Phase 2

    Tja, und heutzutage darf Kurz nicht mehr in Jungle World oder Konkret veröffentlichen, hat es aber auch nicht geschafft, in ATTAC Kreisen als „diskursfähig“ betrachtet zu werden.

    Und mittlerweile hat ihn Michael Heinrich von seinem Platz als „Marx-Kenner Nummer Eins“ im linksradikalen Milieu verdrängt.

  2. Gravatar Icon 2 martin dornis 11. Mai 2010 um 15:00 Uhr

    mit der exit hab ich nun schon länger nichts mehr zu tun. Die wege haben sich halt getrennt.kommt vor im leben. Aber derartig infame Lügen, wie sie hier verbreitet werden, hauen dem Fass nun wirklich den Boden aus. Was der Gruppe um Kurz ja nun wirklich hoch angerechnet werden sollte: das sie jene bekämpft, die sie als Gegner der gesamtmenschlichen Emanzipation betrachtet und auf „Diskursfähigkeit“ dabei gerade keine Rücksicht nimmt. Und im übrigen war es damals Kurz, der nicht mehr in der Phase 2 schreiben WOLLTE, nicht andersrum. Und wenn lysis jetzt die wertkritik ablehnt, dann können kurz und co ja doch nicht alles falsch gemacht haben, gelle?
    md

  3. Gravatar Icon 3 Jona 27. September 2010 um 14:16 Uhr

    Ich habe neulich sehr hämische Äußerungen von Martin Dornis über Michael Heinrich gelesen („Weichspültheoretiker Michael Heinrich“ http://www.conne-island.de/nf/177/18.html ). Warum diese unterirdische Art der Auseinandersetzung zwischen Leuten sein muss, die sich von außen betrachtet doch recht nahe stehen, weiß nur Herr Dornis selbst. Wahrscheinlich hält er die für einen Normalmenschen marginalen Differenzen zwischen Heinrich und seiner Wertkritik für ALLES entscheidend usw. Seufz!

    Ebenfalls ganz schlimm und bemitliedenswert sind die Auslassungen von DKP-Theoretikern zu Heinrich und Co., d.h. zu einem „Non-Bullshit-Marxism“, wie es mal hier so schön hieß. Aktuell in der jungen welt vom 21.9.10 zu bewundern ein Text von einem Werner Seppmann. Eine Kritik daran gibts auch schon unter http://davidoseunomia.wordpress.com/

  4. Gravatar Icon 4 martin dornis 07. Juni 2011 um 15:54 Uhr

    Warum die Bezeichnung „Weichspültheoretiker“ „unterirdisch“ sein soll, ist mir nicht klar. Man lese etwa die ersten drei Kapitel von Marx im Kapital 1 (oder am besten in der Erstauaflage das erste kapitel: Ware und Geld)bzw. das „Kapitel vom Geld“ in den Grundrissen und halte Heinrichs Ausführungen in seiner Einführung dagegen. Unschwer lässt sich feststellen, dass die philosophische und erkenntnistheoretische Schärfe, die das Marxsche Werk kennzeichnet – und die namentlich von adorno und besonders Sohn-Rethel weitergetrieben wurde – von heinrich nicht gehalten wird. Heinrich präsentiert uns einen Marx, der völlig vom „hegelschen Ballast“ gereinigt ist. An sich wäre das nicht weiter wild – es könnte halt eine position unter mehreren zum Thema Marxsche Kritik der politischen Ökonomie sein. Wenn allerdings – wie ich das bei Vorträgen bei Leuten aus linken Gruppen desöfeteren gehört abe – Heinrich an Stelle von marx gelesen wird, dann wird die sache haarig.
    Heinrich ignoriert die Perspektive der Marxschen Erkenntniskritik vollständig, blendet aus dass das marxsche Werk eine grundlegende Kritik dessen nach sich ziehen muss, was heute unter „Wissenschaft“ verstanden wird – was sich auch darin ausdrückt, dass er aus der Marxschen kritik eine „Wissenschaft vom Wert“ macht.Ebenso unklar ist mir, wieso für das Urteil über die Marxinterpretation plötzlich „Normalmenschen“ herhalten sollen bzw. wieso eine Betrachtung „von außen“ der Maßstab sein soll. Für Gesellschaftskritik hängt alles davon ab, was für einen Begriff von Gesellschaft jemand entfaltet. Und diesbezüglich sind die Unterschiede tatsächlich grundlegend. Das die Wichtigkeit dieser Problematik nicht gesehen wird, verführt mich nun meinerseits zu einem „seufz“.

  5. Gravatar Icon 5 bigmouth 08. Juni 2011 um 0:49 Uhr

    marx lesen und glauben, Sohn Rethel wäre die korrekte fortsetzung… fremdscham!

  1. 1 classless Kulla Trackback am 08. Juni 2008 um 19:28 Uhr
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