Türkei: Ein Islam für das 21. Jahrhundert

„Hinter den Mauern eines modernen Verwaltungsgebäudes am Stadtrand von Ankara tut sich Unerhörtes. Experten des staatlichen Religionsamtes der Türkei arbeiten gemeinsam mit Islamwissenschaftlern daran, einen Islam für das 21. Jahrhundert zu formen.“ (via)


3 Antworten auf „Türkei: Ein Islam für das 21. Jahrhundert“


  1. Gravatar Icon 1 Wendy 25. September 2008 um 23:17 Uhr

    Hochinteressant. Sollte mensch mal den Leuten zeigen, die von „*der* Scharia“ reden, als wäre das irgendein monolithisches Gesetzbuch, in dem alles drin steht, was die Taliban gefordert und durchgesetzt haben…

  2. Gravatar Icon 2 lysis 26. September 2008 um 0:42 Uhr

    Man kann schon sagen, dass die Schari‘a seit dem 9. Jahrhundert das statische Fundament des orthodoxen, d.h. buchstabengläubigen Islam darstellt. Die Rechtsschulen haben ihre Auffassungen Jahrhunderte lang tradiert, ohne Grundsätzliches daran zu verändern. Aber es gab immer auch bedeutsame Widerstandsbewegungen gegen die Schari‘a — wie etwa die Assassinen, Gnostiker und „schiitischen Übertreiber“, die das islamische Gesetz nicht etwa zu reformieren oder, wie jetzt, kosmetisch zu behandeln versuchten, sondern es im Ganzen stürzen wollten:

    Eine Sekte von ihnen [die Hattābīya] …. erklärte alle verbotenen Dinge wie Unzucht, Analverkehr (liwāt), Diebstahl und Weintrinken für erlaubt …“ … Der Sohn des Milchhändlers [Ibn al-Labbān] trat hervor und … erklärte alle Begierden, ob erlaubt oder verboten, für frei … Er sagte: ‚Gott hat dies doch nur für seine Geschöpfe erschaffen; wie könnte es verboten sein?‘ Und er erklärte Unzucht, Diebstahl, Weintrinken … und Geschlechts­verkehr unter Männern [nikāh ar-ridschāl] für erlaubt.

    Die ‚Verfünffacher‘ sagten: „Die verbotenen Dinge – Hurerei, Weintrinken, Diebstahl, Analverkehr (liwāt) und alle schweren Sünden … – all dies bedeute [lediglich bestimmte] Männer und Frauen zu meiden und zu fliehen.“ Weiter: „… sie verwarfen die Almosensteuer, die Pilgerfahrt und die übrigen Pflichten und lehrten, die verbotenen Dinge wie Frauen und Knaben (ġilmān) seien erlaubt. Als Entschuldigung dafür führten sie Gottes Wort [XLII 50] an: “… oder sie zu Paaren macht – männlichen und weiblichen.“

    Muhammad b. Nusair an-Numairī [der Gründer der Nusairi] lehrte die Seelenwanderung und die Übertreibung bezüglich der Person des Abu l-Hasan [ʿAlī al-Hādī al-ʿAskarī], schrieb ihm Göttlichkeit zu, lehrte, daß die verbotenen Dinge erlaubt seien, und erklärte den Analverkehr unter Männern (nikāh ar-ridschāl) für erlaubt, denn er behauptete, dies sei ein Zeichen von Selbsterniedrigung und Demütigung.“

    Diese gewaltigen Widerstandsbewegungen werden gerne übergangen, weil die Geschichte von den Siegern geschrieben wird. Sie sind aber, trotz aller Verfolgung, noch heute millionenfach existent, wie z.B. in Gestalt der türkischen Aleviten oder der syrischen Nusairi, die zu den Nachfahren dieser schiitischen Häretiker zählen.

    Darüber hinaus entwickelte sich auch im Spektrum des orthodoxen Islam eine antiautoritäre Strömung — der sog. Sufismus —, der nicht das Gesetz, sondern die mystische Vereinigung mit Gott (und zwar oft in der Liebe zu jungen Männern) in das Zentrum seines Religionsverständnisses rückte. Max Weber bezeichnet den Sufismus auch als „Volks-“ im Gegensatz zum „Kirchen-Islam“, weil die Sufis alles andere als eine minoritäre Strömung waren: Ihnen hing im Osmanischen Reich die überwältigende Mehrheit aller muslimischen Gläubigen an.

    Darüber hinaus war vielen, wie man an der türkischen und arabischen Literatur sehen kann, die Schari‘a auch einfach herzlich egal. Das türkische Schattentheater z.B. machte sich explizit über die herrschenden Auffassungen der Orthodoxen lustig und bildete einen subversiven Gegendiskurs des Volkes gegen die Eliten. Und auch ein Großteil der avancierten arabischen Lyrik feierte seit Abu Nuwas genau das, was im Islam verboten war: das Weintrinken, den außerehelichen Geschlechtsverkehr mit Frauen und den Sex unter Männern — ohne dass die Orthodoxen eine Handhabe dagegen gehabt hätten! Die einzige Folge für die Dichter bestand in der Regel darin, dass sie vor Schari‘a-Gerichten nicht mehr als unbescholtene Zeugen zugelassen wurden.

    Es gab also zahlreiche historische Dynamiken und widerständige Bewegungen im Islam. Die Schari‘a war aber tatsächlich ein oder vielmehr sogar das statische Element in der Geschichte, und es ist kein Vorurteil, das so auszusprechen.

  3. Gravatar Icon 3 Entdinglichung 26. September 2008 um 10:03 Uhr

    btw … was Tendenzen zu einer historisch-kritischen Exegese/High criticism angeht gab es im Islam einige Jahrhunderte bevor dergleichen im christlichen Europa denkbar war, Ansätze, vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Mu%27tazila … nur gingen derartige Ansätze grösstenteils wieder verloren

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