Zur Lehre vom Ressentiment

Ein feiner Trick: das System zu kritisieren soll denen vorbehalten bleiben, die an ihm interessiert sind. Die anderen, die Gelegenheit haben, es von unten kennenzulernen, werden entwaffnet durch die verächtliche Bemerkung, daß sie verärgert, rachsüchtig, neidisch sind. Sie haben „Ressentiment“.
Demgegenüber sollte niemals vergessen werden, daß man ein Zuchthaus in keinem Fall und unter gar keinen Umständen kennenlernen kann, wenn man nicht wirklich und ohne Verkleidung als Verbrecher fünf Jahre dort eingesperrt war mit der Gewißheit, daß die goldene Freiheit, nach der man sich in diesen fünf Jahren sehnt, in einem nachträglichen Hungerleben besteht.
Es wirkt wie ein stillschweigendes Abkommen der Glücklichen, daß man über diese Gesellschaft, die weitgehend ein Zuchthaus ist, nur diejenigen als Zeugen gelten lassen will, die es nicht verspüren.

Kain und Abel

Die Geschichte von Kain und Abel ist die mythologisierte Erinnerung an eine Revolution, an eine Befreiungsaktion der Sklaven gegen ihre Herren. Die Ideologen deuteten den Aufstand sogleich als Produkt eines Ressentiments: „— und es verdroß den Kain sehr, und es sank sein Antlitz.“
Sollte die biblische Erzählung aber wörtlich zu nehmen sein, so hätte Kain jenen Begriff erfinden können, als das Blut Abels zum Himmel schrie: „Höre nicht auf dieses Schreien; es schreit aus Ressentiment.“

Aus: Max Horkheimer, Dämmerung.


1 Antwort auf „Zur Lehre vom Ressentiment“


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