Gesellschaftkritischer Offenbarungseid

Rüdiger Lohlker, Professor für Orientalistik an der Universität Wien und in dieser Funktion gegenwärtig mit der Erforschung von Islamismus und dem Aufkommen dschihadistischen Denkens befasst, rezensiert in der aktuellen Ausgabe der „Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes“ (WZKM) den 2008 von den beiden Österreichern Thomas Schmidinger und Dunja Larise herausgegebenen Sammelband Zwischen Gottesstaat und Demokratie, ein Werk, bei dem es sich — zumindest dem im Untertitel formulierten Anspruch nach — um ein „Handbuch des politischen Islam“ handeln soll.

Warum es diesen Anspruch nicht erfüllt, erklärt Lohlker ausführlich, über viele Seiten hinweg, an zahllosen, dem Band entnommenen Einzelbeispielen, in denen sich teils eine krasse Unkenntnis des Gegenstands, teils eine für ein Handbuch völlig unangemessene Neigung zum Tendenziösen und Pamphlethaften offenbart. Mehr noch aber zeigt sich in dem Werk ein gerade für linke Autor_innen — und als solche sollen sich Schmidinger und Larise nach wie vor verstehen — verblüffender Mangel, die eigene, „aufgeklärte“ Gesellschaft (Österreich!) noch kritisch ins Visier zu nehmen.

Die Folge ist eine Totalverschiebung jeglicher denkbaren Kritik an Verhältnissen, die für den Alpenstaat ganz und gar konstitutiv sind, wie Homophobie, Antisemitismus und politischer Konservatismus, auf den religiösen Anderen in Gestalt muslimischer Klein- und Kleinstverbände, die trotz ihrer oftmals moderaten Position auf dem Abweg einer „Hermeneutik des Verdachts“ samt und sonders in eine ideologische Nähe zur ägyptischen Muslimbruderschaft gerückt werden. Lohlker:

Auch mit Bezug auf den Kritikpunkt der Homophobie können die AutorInnen aus Platzmangel nur auf neuere Literatur wie die die Arbeiten von El-Rouayheb oder unlängst Georg Klauda verwiesen werden, die die kommode Konstruktion des Anderen des aufgeklärten Europa erschweren. Denn darum handelt es sich. Es geht um die Zuweisung von Phänomenen, die in Europa, dem Hort der Aufklärung, durchaus massiv präsent sind, an die ‚Anderen‘, hier nicht die Muslime, sondern die Islamisten u.ä. Die knapp sechszeilige Rückversicherung, dass es natürlich Antisemitismus und Homophobie in anderen Strömungen gebe (S.46), wirkt angesichts der seitenlangen eindeutigen Zuweisungen nur als Ornament am Rahmen eines eindeutigen Bildes. […]

Dass hier die „Universalität der Aufklärung“ zum Schibboleth wird, von dem jeglich kritischer Blick fernzuhalten ist, verwundert nicht. An solchen Stellen entpuppt [sich] der sich als „Handbuch“ objektiv gerierende Band als Tendenzschrift. Eine Tendenzschrift, die ihren eigenen Ausgangspunkt verbirgt. […]

Der Band ist Ausdruck einer affirmativ verstandenen Moderne, gegen die der politische Islam als Gegenbild konstruiert wird. Insofern ist er ein Teil des aktuellen Diskurses um die ‚europäischen Werte‘, die zur Ausgrenzung bestimmter Organisationen und Bevölkerungsgruppen konstruiert werden, einmal in einer christlichen (manchmal christlich-jüdisch u.a.m.), im vorliegenden Band in einer linken Variante – auch wenn sich die AutorInnen immer wieder gegen extremere rechte Varianten des Diskurses abgrenzen. Darauf, dass diese „dominierende Politik des Misstrauens und der Meidung“ fatale Folgen haben kann, hat unlängst Werner Schiffauer hingewiesen – aus empirischer Kenntnis der Verhältnisse (Werner Schiffauer: Parallelgesellschaften, Bielefeld 2008: 124). […]

Resümieren können wir nur, dass der Band „Zwischen Gottesstaat und Demokratie“ keinerlei fundierten Überblick bietet – nicht über den politischen Islam [im] allgemeinen und nicht über den in Österreich. Die Absicht mag lobenswert gewesen sein… Es ist allerdings ein Band herausgekommen, der wieder einmal davon zeugt, dass über ‚Islam‘ zu schreiben, den Verzicht auf Wahrung von Qualität rechtfertigt.


5 Antworten auf „Gesellschaftkritischer Offenbarungseid“


  1. Gravatar Icon 1 lahmacun 31. Dezember 2008 um 19:52 Uhr

    bitte, österreichische verhältnisse in den blick nehmen? witzbold!

    schmidinger ist ja – munkelt ‚man‘antirassist.

  2. Gravatar Icon 2 lysis 31. Dezember 2008 um 20:00 Uhr

    Naja, der hat halt „dazugelernt“. Wäre nicht der erste, der von der Bahamas vor sich her gescheucht und auf eine harte Linie gebracht wurde. Bozic ja auch!

    PS: Wenn ich mich nicht täusche, hat Schmidinger vor Jahren noch ein überaus empathisches Interview mit einem ägyptischen Muslimbruder geführt (google „Khalil Abd el-Karim“). Das muss er wohl jetzt aufarbeiten.

  3. Gravatar Icon 3 andreas 01. Januar 2009 um 12:04 Uhr

    schmidinger ist im vergleich zu den leuten in den kreisen, in denen er sich bewegt (wadi/leeza, gesellschaft f. kritische antisemitismusforschung, ökoli,…) ein experte für das, worüber er schreibt und ein kritischer geist. ich habe den eindruck, dass er seit dem buch zur rechtfertigung des irak-kriegs, dass er mitverfasst hat, etwas dazugelernt hat.

  4. Gravatar Icon 4 andreas 01. Januar 2009 um 15:21 Uhr

    wobei ich die betonung auf „..im vergleich zu..“ legen möchte.

  5. Gravatar Icon 5 some1inbln 01. Januar 2009 um 22:19 Uhr

    Wäre nicht der erste, der von der Bahamas vor sich her gescheucht und auf eine harte Linie gebracht wurde. Bozic ja auch!

    Ich muss da mal als jemand, der mit diesen Debatten und den sozialen Dynamiken in diesen Gruppen nicht vertraut ist, rückfragen: Ist der Einfluss dieses obskuren Periodikums wirklich so groß, die Leserschaft so einflussreich oder ist das jetzt etwas überspitzt? – Ich meine, die verlinkten Artikel aus dem Blatt sind argumentativ doch einfach schwach.

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