Contra Dialektik

Der Blog Audoarchiv hat, neben manchem Schrott (sorry, meine Meinung!), dankenswerterweise auch eine ganze Reihe hörenswerter Vorträge zu verschiedenen, vor allem philosophisch-theoretischen Themen der hiesigen Linken online verfügbar gemacht. Darunter fällt auch ein Vortrag von Michael Koltan — aus seiner Reihe „Dialektik im 20. Jahrhundert“ — über Michel Foucault.

Zwar nervt ein bisschen die Arroganz des Referenten, der immer dort, wo die Sache selbst nicht für ihn oder seinen komischen Freund Hegel spricht, mit schier unnachvollziehbaren Taschenspielertricks oder dem Gestus autoritären Bescheidwissens von oben nachzuhelfen versucht. (Es könnte ja sein, daß der Hörer, wenn man ihn nicht permanent auf die Klugheit Hegels und die Banalität Foucaults hinwiese, sich am Ende noch seine eigenen Urteile macht!) Trotzdem gelingt es ihm durchaus, die wesentliche Gedankengänge von Foucaults Die Ordnung der Dinge (Les mots et les choses, 1966), das allgemein der ersten Phase seines Denkens — der sog. Archäologie des Wissens — zugeordnet wird, sachlich treffend wiederzugeben, weshalb ich das überhaupt nur guten Wissens empfehlen kann.

Allerdings manipuliert der Referent seine Zuhörer_innen auch hier, indem er die späteren Verschiebungen in Foucaults Schriften zugunsten der Konstruktion eines kohärenten Autor-Subjekts völlig unterschlägt. Aber das muss er wohl, wenn er das Label „Foucault“ als von der Linken abzuwehrenden „nihilistischen“ Frontalangriff auf Hegel und damit, in letzter Instanz, auf den Marxismus zeichnen will. Dass bereits Foucaults neun Jahre später erschienenes Werk Überwachen und Strafen (Surveiller et punir, 1975) eine deutliche Wiederannäherung an Marx — wenn auch nicht an Hegel — erkennen lässt, den er schon dadurch würdigt, dass er fortan immer wieder von einer „politischen Ökonomie“ (des Körpers, des Lebens usw.) sprechen wird, erfährt Koltans Publikum wohlweislich nicht.

Dafür wird im zweiten Teil des Vortrags als Alternative ein deutscher Linkshegelianer aus der Tasche gezogen. Diese zehntausendste Einführung in die Haltungs- und Stilphilosophie des letzten Schöngeists Adorno und seine Leidens an der „Tauschgesellschaft“ hab ich mir dann aber doch erspart…

PS: Die en passant aufgestellte Behauptung des Referenten, Friedrich Nietzsche sei ein Antisemit gewesen, ist übrigens eine degoutante Verdrehung der historischen Wahrheit, die vermutlich indirekt auf Foucault zielen soll. Tatsächlich hasste und beschimpfte Nietzsche Antisemiten wie kaum ein anderer seiner Generation: „Es gibt gar keine unverschämtere und stupidere Bande in Deutschland als diese Antisemiten… Dies Gesindel wagt es, den Namen Zarathustra in den Mund zu nehmen. Ekel! Ekel! Ekel!“ (Zit. n. Ursula Homann). Über Foucault selbst weiß man, dass seine Freundschaft mit Gilles Deleuze am Nahostkonflikt zerbrach, weil ersterer sich weigerte, gegen die Unterdrückung der Palästinenser Stellung zu beziehen — was ihm arabische Intellektuelle palästinensischer Herkunft wie Joseph Massad übrigens bis heute vorhalten.


43 Antworten auf „Contra Dialektik“


  1. Gravatar Icon 1 negative potential 27. Februar 2009 um 15:11 Uhr

    weisst du zufällig, auf welches werk von edward said der joseph massad sich bezieht in bezug auf foucault’s „anti-palestinian“ einstellung?

  2. Gravatar Icon 2 negative potential 27. Februar 2009 um 15:13 Uhr

    p.s. michael koltan ist heute bei die post-trotzkistische post-strukturalisten der „initiative jour fixe berlin“. ob sein haltung zu foucault immer noch so geblieben ist?

  3. Gravatar Icon 3 abdel kader 27. Februar 2009 um 18:58 Uhr

    weisst du zufällig, auf welches werk von edward said der joseph massad sich bezieht in bezug auf foucault’s “anti-palestinian” einstellung?

    Kein Werk, sondern ein Artikel:
    My Encounter with Sartre (nochmal auf deutsch)

  4. Gravatar Icon 4 lysis 27. Februar 2009 um 19:52 Uhr

    Ich möchte auch noch mal darauf hinweisen, dass Koltan die Chronologie in Foucaults Entwicklung verdreht und auf den Kopf stellt. So behandelt er zuerst einen Aufsatz Foucaults über die Genealogie, um dann die „Archäologie“, derer er sich in Die Ordnung der Dinge bedient, als eine Weiterentwicklung davon darzustellen. Tatsächlich ist der Genealogie-Aufsatz aber nicht nur fünf Jahre später verfasst worden als die Die Ordnung der Dinge, sondern bezeichnet auch einen wesentlichen Bruch in Foucaults Vorgehen. Mit der Genealogie ergänzt er seine epistemologische Fragestellung nämlich um die Ebene der Macht und schließlich die Modi der Subjektivierung, zieht also völlig neue Analyseebenen ein. Koltan kann das offenbar nicht wahr- oder zur Kenntnis nehmen, weil er Philosophen gemäß dem deutschen Genie-Kult als immer schon fertige Autor-Subjekte beschreibt.

    Es ist so ähnlich, wie die Leute mit Marx umgehen: man vermischt wahllos die Spät- mit den Frühschriften, so als hätte es in seinem Werk niemals einen epistemologischen Einschnitt, nie eine Weiterentwicklung gegeben; als hätte Marx seine späteren Erkenntnisse schon als 26-Jähriger antizipiert, ja im Grunde über sie verfügt, so wie wir heute darüber verfügen, indem wir einfach beides, ungeachtet seiner Chronologie, in eine Beziehung der Kopräsenz stellen. Das ist natürlich Blödsinn, aber gängige Methode, besonders unter Hegelianern wie Koltan, die alles auf einen finis gerichtet betrachten!

  5. Gravatar Icon 5 Hegel 28. Februar 2009 um 16:49 Uhr
  6. Gravatar Icon 6 lysis 28. Februar 2009 um 20:08 Uhr

    @Hegel: Wenn man einen Widerspruch entdeckt, hat man einen Fehler gemacht. Wer diesen Satz anzweifelt, steht nicht für die Vernunft, die ein Nietzsche hätte zerstören können!

  7. Gravatar Icon 7 Delure 28. Februar 2009 um 20:32 Uhr

    Hegels ‚Widersprüche‘ sind ‚Gegenteile‘, also konträr (sowohl als auch), nicht kontradiktisch (entweder-oder) und mit der Logik vereinbar.

  8. Gravatar Icon 8 lysis 28. Februar 2009 um 22:30 Uhr

    Na, erzähl das mal dem Bruhn!

  9. Gravatar Icon 9 Ernst 05. März 2009 um 2:06 Uhr

    Ja, das ist schon interessant, dass Bruhn, obwohl seinem Selbstverständnis nach (soweit ich weiß) „Hegelmarxist“, die erscheinenden Gegensätze dann doch nicht als „dialektische Widersprüche“ auflöst, sondern als Kantische „Antinomien“ behandelt.

    Die drübersteherische Art, die du bei Koltan bemängelst, hatte Adorno übrigens in seinem Hegelvortrag abgelehnt mit dem Kommentar, wer eine Philosophie (gemeint war allerdings jene Hegels) von oben betrachtet, betrachte sie letztlich von unten. Mensch muss durch eine Philosophie hindurchgehen, um ihr gerecht zu werden. Oder wie Hegel schreibt: „Das leichteste ist, was Gehalt und Gediegenheit hat, zu beurteilen, schwerer, es zu fassen, das schwerste, was beides vereinigt, seine Darstellung hervorzubringen.“ (Vorrede der Phänomenologie des Geistes). …, was – so möchte mensch hinzusetzen – genau das Projekt der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie ist.

    Die Qualität Hegels besteht darin, die Welt als ein Ganzes denken zu wollen, in dem die Dinge nicht unverbunden neben einander stehen, sondern auf irgendeine Weise doch mit einander vermittelt sind, eine „höhere Einheit“ bilden, einen inneren Zusammenhang haben. Das ist zwar bei ihm insofern problematisch, als dass er als Idealist das Geistige für wirklich und das Wirkliche nur für eine Verwirklichung des (Welt-)Geistes hält. Aber an sich erscheint dieser Anspruch („Methode“ wäre ein falsches Wort, weil die Dialektik nicht eine Denkart, die den Dingen übergestülpt wird, sondern das geistige Nachvollziehen der Bewegung der Dinge selbst ist, was gegen jedem Schematismus eine Absage erteilt) doch sinnvoll. Vor allem, wenn mensch die Geschichte (auch die Biographie Marxens) als eine Dialektik von Bruch und Kontinuität betrachtet, in der auch nichts völlig unvermittelt passiert. Die Fragestellung wäre dann: Zieht sich sich etwas durch das Leben und Werk Marxens, was im Ansatz rechtfertigt, dass er uns zu einer einzigen „Idee von Marx“ wird? Fast alle sich auf Marx berufenden Denker müssen ihn irgendwie zerreißen, mit seinen Wandlungen und Ambivalenzen irgendwie umgehen (oder schlechterdings schlicht ignorieren): Der „doppelte Marx“ der Wert(abspaltungs)kritik (affirmativer Modernisierungstheoretiker vs. Modernisierungs- & Formkritiker) ist genauso ein Beispiel dafür wie der „frühe und späte“ Marx oder, wie Bruhn einmal sagt, der „kritische“ und der „vorkritische“ Marx (auf letzteren gehe der „Marxismus“ zurück), was ironischerweise wieder auf Kant verweist… Worauf ich hinaus will – und ich bitte um Verzeihung für die Planlosigkeit und fehlende Stringenz dieses Beitrags – ist: Auch hier müsste mensch – mit Hegel – durch das Marxsche Werk hindurch, seine innere Bewegung nachvollziehen, statt ihn willkürlich (ich möchte damit niemanden Willkür unterstellen oder vorwerfen – die werden schon alle ihre Gründe haben) zu zerreißen in zwei Phasen oder zwei Seelen, die, ach, in seiner Brust schlügen. Aber auf jeden Fall muss, wie du sagt, mit der Inkohärenz umgegangen werden, nicht wie beim GSP, der Marx einzig als „Kritiker der Ausbeutung der LohnarbeiterInnen“ versteht und verstanden wissen möchte und „nicht als Entfremdungsphilosoph“, als wäre er nicht gerade das auch zwischenzeitlich gewesen.

    Zum Schluss noch der Hinweis, dass es im Audioarchiv jetzt auch ein paar Beiträge zur „Postmoderne“ und Foucault gibt, die auf dein Urteil harren ;) Außerdem würde mich interessieren, was du von der Kurz’schen Kritik am Poststrukturalismus hältst (falls du mal vier Stunden Zeit hast und doch noch mal in den wertabspaltungskritischen Ansatz eintauchen willst).

  10. Gravatar Icon 10 lysis 05. März 2009 um 10:16 Uhr

    Ja, ich bin im Moment wirklich etwas kurz angebunden. Aber ich wollte auf jeden Fall noch für den Vortrag von Ingo Elbe werben, der mich nicht nur in seiner Kritik an Bruhn, sondern zugleich in seiner Rekonstruktion der Marxschen Darstellungsmethode doch sehr überzeugt hat.

    Ich denke, dass Marxens Dialektik – und ich spreche hier ausschließlich vom Marx des Kapital, nicht vom Marx der Frühschriften und auch nicht von Marx als Geschichtsphilosoph – sich aus der Sicht Elbes keineswegs als geistige Abbildung von etwas in der Wirklichkeit selbst Vorhandenem präsentiert. Seine Dialektik ist aus dieser Perspektive vielmehr reine Darstellungsmethode; der Versuch, sich in ein System hineinzuschrauben, in dem jede Kategorie die andere bereits voraussetzt, so dass, wo immer man anfängt, der Anfang sich notwendig als Abstraktion darstellen muss, die im Fortgang der Argumentation wieder „aufzuheben“ ist. Daher die Ähnlichkeit zu Hegel, der seine Kategorien, soweit ich das als Nicht-Philosoph überhaupt beurteilen kann, auf eine – wenigstens entfernt – verwandte Weise entfaltet.

    Extrem entgegengesetzt ist die Auffassung, Marx hätte Hegels Dialektik in seinem Gegenstand selbst wiederentdeckt – als inneres Prinzip, das die Bewegung der Wirklichkeit (in Gestalt des Kapitals oder der Geschichte) zutreffend beschriebe. Und gerade hier hab ich doch meine ärgsten Bedenken. Zwar findet eine solche Lesart Nahrung in den geschichtsphilosophischen Passagen des berühmten Vorworts von Zur Kritik der politischen Ökonomie (1859). Aber im Kapital zeigt sich davon keine Spur mehr. Es ist dies freilich, woraus im ML – mit großem Erfolg – der HISTOMAT wurde und wogegen Foucault tatsächlich mit aller Gewalt rebellierte.

    Auch ich denke, dass es heute gute Gründe gibt, sich von einer ontologischen Deutung der Marxschen Anleihen bei Hegels „dialektischer Methode“ zu verabschieden. Sie ist Darstellungsform, nichts weiter; kein inneres Prinzip der Natur (Diamat), des Kapitals (Bruhn) oder der Geschichte (Histomat). Elbe gehört zu denen, die das mit klarem analytischen Verstand erkannt und am logischen Aufbau des Kapital – jedenfalls für mich – überzeugend belegt haben. Deswegen schätze ich ihn.

  11. Gravatar Icon 11 Neoprene 05. März 2009 um 13:02 Uhr
  12. Gravatar Icon 12 lysis 05. März 2009 um 13:33 Uhr

    Ja. Das Ganze gibt es auch ausgearbeitet als Artikel. Anhören ist aber natürlich weniger Arbeit! ;)

    Elbe hat übrigens vor kurzem auch seine 600-seitige Dissertation über die neue Marx-Lektüre in der BRD veröffentlicht…

  13. Gravatar Icon 13 lysis 05. März 2009 um 13:52 Uhr

    PS: Eine gute Einführung in diese Lesart ist, nebenbei, der Artikel „Dialektische Darstellungsmethode“ auf Wikipedia – wer immer ihn verfasst hat.

  14. Gravatar Icon 14 Neoprene 05. März 2009 um 13:55 Uhr

    „Elbe hat übrigens vor kurzem auch seine 600-seitige Dissertation über die neue Marx-Lektüre in der BRD veröffentlicht… “

    Ja, leider nur für stolze 50 € zu haben!

  15. Gravatar Icon 15 bigmouth 05. März 2009 um 17:57 Uhr

    @neo: biblitoheken schaffen so was oft gerne an, wenn man nur drum bittet. auch unibibliotheken gestatten „laien“ oft ausleihe

    @lysis: offenbar ein älterer marxistisch orientierter nachbar von dir: http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Alex1011

  16. Gravatar Icon 16 abdel kader 05. März 2009 um 19:11 Uhr
  17. Gravatar Icon 17 laylah 08. März 2009 um 19:37 Uhr

    ich hab mir den vortrag angehört und kopfschmerzen bekommen. ein mann, ein mikro, das kann doch nicht so schwer sein..? da ist lesen doch weniger „arbeit“.

  18. Gravatar Icon 18 Neoprene 08. März 2009 um 21:53 Uhr

    Ich hab mir den Vortrag auch angehört und auch Kopfschmerzen bekommen. Mich ärgern sowieso Vorträge, wo einfach nur Behauptung auf Behauptung folgt. Als wenn das Reden einen von Belegen befreien würde.

  19. Gravatar Icon 19 nope 08. März 2009 um 23:13 Uhr

    Erst einmal Dank an lysis für das Posting: das Blog ist mir bislang vollends unbekannt gewesen, scheint aber eine interessante Ressource zu sein.

    Anmerkung zur Elbe-Dissertation: Der Gegenstandpunkt hat in einer Fußnote zur Heinrich-Kritik dagegen polemisiert in universitärer Manier epistemologische Fragestellungen im Werke Marxens zu wälzen. Tatsächlich berge dies nach wie vor Potentiale für noch so manche Dissertation, wobei die Kritik des Kapitalismus selbst mehr und mehr einer Kritik der Rezeption (des Marxschen Werkes) weiche, was natürlich nicht daran hindert, sich gerade auch mit solchen Positionen auseinanderzusetzen.

    Allerdings – und das fällt mir beim synchronen Hören des recht monotonen (haha) Vortrags doch auf –, bieten diese formellen Fragestellungen keinen Erkenntnisgewinn, wenn es um die Frage nach dem „Was“ des Kapitalismus gibt. Übrigens ist die Abwatschung Foucaults in dem Vortrag offensichtlich nur die Prolongation des immer wieder gern referierten Antimarxismus Foucaults. In etlichen Einführungen zu Foucault wird gerade die Möglichkeit verschiedener (marxistischer wie nicht-marxistischer) Lesart als eine Fortführung der Identität von Erkenntnisinteresse und Forschungsgegenstand fortgeschrieben. De facto weist gerade „Überwachen und Strafen“, das aus, was Foucault (wie nicht zuletzt die noch immer nicht komplett veröffentlichten Vorlesungsmanuskripte aufzeigen) im Wege der „Freischälung“ und Prozessualität der Wissensevolution nahezu „unabsichtlich“ nachzuweisen suchte und in dem Ausspruch „Die Machtverhältnisse durchziehen das Körperinnere“ pointiert formulierte: sich auf Marx als eine Ressource zu bedienen ohne ihn explizit zu zitieren, sei ebenso lachhaft, als wenn Physiker beständig auf Einstein und Planck rekurrieren würden. Eine Albernheit dahingehend, da spätestens ab der Anerkennung von Relativitätstheorie bzw. energetischen Wirkungsquantum in der herrschenden Lehre kein Mensch mehr davon als zu zitierender Ressource ausgeht. Die Latenz ist das Wesentliche: was als „richtig“ bzw. „bewiesen“ verstanden wurde, stellt den Ausgangspunkt, jedoch nicht das Zentrum der weitergehenden Analyse dar und insofern kann man Foucault ganz jenseits (nur angeblicher) hegelianischer Verabschiedung lesen. Im übrigen tut der Referent gerade so, als erweise sich dialektisches Denken nur in der konsequenten Fortschreibung eines auf Universalismus zielenden Systems.

    Das Feiern je verschiedener Theoretiker führt uns in der Durchdringung des Alltags jedoch kaum weiter, wenn es nur um jeweilige Abgrenzungen geht. Insofern sollte vielmehr das gemeinsame, jedoch unterschiedlich artikulierte Denken zusammengefasst und auf den Punkt gebracht werden. Es ist nur konsequent Nietzsches Moralkritik einzubeziehen und mit Foucault Subjektivierungs- und Gouvernementalitätsprozesse auszuleuchten, die Marx schlicht nicht zum Programm hatte (wie die Untertitel seiner Schriften stets beweisen!).

    Um nicht auch in die Kopfschmerzen wie die Vorredner zu verfallen, ist der Vortrag bereits wieder aus. Dies wohl das einzige Manko des Blogs: die Monotonie. Obwohl das gar nicht sein müsste, ob der gegebenen „Vielstimmigkeit der Rede“.

  20. Gravatar Icon 20 nope 08. März 2009 um 23:35 Uhr

    Ergänzung zum Erkenntnisgewinn epistemologischer Fragestellungen*:

    Was Marx nicht zuletzt in den Thesen zu Feuerbach schon sehr früh in seinem Werk ausweist:

    „Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. die Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens – das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.“

    *Hier jedoch eindeutig der Widerstreit nur verschieden angewandter Methoden. Die von Foucault angestoßenen Fragen nach den „episteme“, die unser Wissen als auch den Evolutionsprozess innerhalb der modernen Humanwissenschaften durchdrungen habe, hat jedoch eine viel tiefergehende Stoßrichtung, insofern sie dazu beiträgt Essentialisierungen und überzeitliche Konstanten des Wissens auf ihren historisch-politischen Gehalt hin zu reflektieren. Dies mit Sicherheit auch der breite Anknüpfungspunkt für viele Wissenschaftler in den heterogensten Disziplinen (eben das sog. Werkzeugkastenprinzip, das er selbst stets in Bezug auf die Rezeption seines Werkes postulierte). Insofern denke ich, ist eher hinderlich Denkverbote und Abgrenzungen aufzustellen einerseits, wie auch nur formelle Fragestellungen zu beackern andererseits, wo es vielmehr um eine Kritik gehen sollte. Da Foucault explizit eine Kategorienkritik – Was ist der „Trieb“?, „Was ist das Wesen“ – „Was ist die Natur“ – „Was ist Wissen“? – vorträgt (nicht zuletzt in Bezug auf Psychiatrie und Psychologie wie in „Überwachen und Strafen“ und „Die Anormalen“ vorgestellt, ist er ein nützliches Komplent zu Marx‘ KdpÖ und den Hegemoniekonzepten von Gramsci und Boudieu).

  21. Gravatar Icon 21 lysis 10. März 2009 um 4:13 Uhr

    Man soll das Erkenntnisvermögen erkennen, ehe man erkennt

    Wieso „ehe“? Und warum soll das Erkennen sich nicht selbst zum Gegenstand machen? Das ist kein Widerspruch, sondern Reflexivität. Naja, ein typischer Hegel halt. Und der gute Kant kann sich nicht mehr wehren!

  22. Gravatar Icon 22 Hagel 10. März 2009 um 9:27 Uhr

    „Reflexivität“

    ist in der Erkenntnistheorie keine Analyse von Denkprozessen, sondern der Skeptizismus, es gäbe Methoden für das Denken selbst. Das ist ein Widerspruch, weil das Instrument zur Ermittlung der Methoden gar nichts anderes ist als das, was angeblich untersucht werden soll. Beurteilungen von Gegenständen werden als Ergebnis der FÄHIGKEIT, passende Methoden für das Nachdenken über sie finden zu können, verkauft, um eigene Untersuchungsergebnisse als Erfolg der eigenen „Denkmethode“ zu behaupten.

  23. Gravatar Icon 23 lysis 10. März 2009 um 10:26 Uhr

    Also erst mal ist es überhaupt kein Widerspruch, eine Methode auf sich selbst anzuwenden. Wenn das ein Widerspruch wäre, gäbe es keine rekursiven Funktionen in der Mathematik. Hier operiert Hegel mit einem Argument, das keines ist.

    Dass die Resultate des Urteilens auf der Fähigkeit beruhen, überhaupt Urteile fällen zu können, ist zwar eine Banalität, aber mir scheint es fast so, als hättest du an dieser Aussage trotzdem irgendetwas auszusetzen! Kannst uns gerne sagen was.

    Dass Kant seine Kritik unternommen hätte, um „eigene Untersuchungsergebnisse als Erfolg der eigenen ‚Denkmethode‘ zu behaupten“, kann ich so nicht nachvollziehen, zumal es Kant gar nicht um Methoden zur Rechtfertigung von irgendwelchen Untersuchungen, sondern, wie du richtig sagst, um die Fähigkeit des menschlichen Verstandes ging, richtige Urteile über die ihm erscheinende Sinneswirklichkeit zu fällen, und die Unmöglichkeit, über Dinge etwas auszusagen, die jenseits dieser empirischen Erscheinungswelt liegen. Deswegen nennt sich das Ganze auch eine Kritik, weil sie mit Religion und Metaphysik radikal aufräumt.

    Hegel ging es dagegen um eine Restitution von Religion als Wissenschaft, als welche er die Philosophie definierte. Und das versuchte er dadurch zu erreichen, dass er Kant einen angeblichen Widerspruch unterschob, wo es sich in Wirklichkeit nur um eine rekursive Anwendung der Vernunft handelte, mit dem Ziel, ihre eigenen Voraussetzungen und Grenzen zu überprüfen sowie deren spekulative Überschreitung in Gestalt religiöser Urteils- und Wahnsysteme à la Hegel und Ratzinger vorwegnehmend zu kritisieren.

  24. Gravatar Icon 24 lysis 10. März 2009 um 13:45 Uhr

    PS: Kant sticht Hegel, so wie Foucault Adorno sticht! ;)

  25. Gravatar Icon 25 Hagel 10. März 2009 um 15:52 Uhr

    Stimmt, es ist eine gute Idee Methoden daran zu messen, ob sie sich an sich selbst überprüfen lassen. Wenden wir dieses Verfahren doch mal auf die erkenntnistheoretische Skepsis an:

    War der Foucault beim Erfinden solcher Theorien Opfer seines „Dispositivs“, sind Saussures oder Derridas Behauptungen bloß ihrer „Struktur“ geschuldet, ist Lorenz Anhängsel seiner evolutionsbedingten „Wahrnehmungsmuster“ usw. usf.

    Die Erkenntnistheoretiker selbst scheinen sich mit ihrer Theorie immer vom eigenen Vorbehalt auszuklammern, wenn das Dogma ansteht, Erkenntnis zu relativieren. Auch Sokrates wollte mit seinem Ausspruch, er wisse nichts, nicht bloß seine Dummheit kundtun, sondern die Seifenblase loswerden, Erkenntnis werde unsicher durch den „geschickten“ Vergleich mit der ALLWISSENHEIT. DAS wollte er aber schon erkannt haben … 8-|

    Hegels Argument ist schlicht: Wer für das Denken eine Methode behauptet (die Dialektik ist entgegen dem Postulat von Philosophen gar keine!), kann über die Methode erst etwas sagen, wenn er schon gedacht hat – also keine Methode mehr braucht.

    Kants „Fähigkeit, richtige Urteile über die ihm erscheinende Sinneswirklichkeit zu fällen“ ist umgekehrt recht eingeschränkt, wenn er die Richtigkeit seiner Urteile als idealistischen Vergleich von Sollen und Sein konstruiert.

    Deine und Kants „rekursive Anwendung der Vernunft“ ist also sehr unvernünftig, weil Voraussetzungen der Denkfähigkeit ein medizinisches Thema wäre, die biologischen Bedingungen des Denkapparat betreffend. Wenn es aber eine Denkmethode, eine Denkstruktur, ein Denksystem gäbe (DAS ist der Wahn!), wären die Ausführungen der Philosophen eben auch bloß Ausfluss davon und die Methode, die Struktur, das System entzögen sich der Beurteilung.

  26. Gravatar Icon 26 www. 10. März 2009 um 15:55 Uhr

    Der eigentliche Schwachpunkt des Foucault´schenDenkens wird in dem Vortrag aber klar angesprochen:

    „Der Übergang von einer episteme zu einer anderen ist keineswegs ein Fortschritt des Wissens, die Ablösung einer unterlegenen Form durch eine überlegene. Vielmehr ist die Ersetzung einer episteme durch eine andere ein Ereignis, dem keine Kausalität oder Finalität entspricht. …

    Die Genealogie ist zwangsläufig wahr und falsch zugleich. Sie behauptet nicht, selbst eine überlegene Wahrheit zu verkünden, sondern sie zerstört, indem sie die ganzen kritischen Diskurse als substanzlos entlarvt, die Vorstellung von Wahrheit überhaupt. Das aber heißt, dass die genealogische Methode nicht allein destruktiv, sondern zugleich selbstdestruktiv ist.“ (S. 11)

    Ohne einen Begriff von Wahrheit kann man nichts kritisieren.

  27. Gravatar Icon 27 lysis 10. März 2009 um 18:19 Uhr

    @Hagel: Die Logik, Raum und Zeit, Kausalität, das tranzendentale Ich sind keine medizinischen Themen und lassen sich auch nicht in der Biologie dingfest machen. Das sind vielmehr Kategorien, die die Vernunft an sich selber beobachtet. Dass sie das tut, ist kein Widerspruch, sondern Selbstreflexion oder – wenn du so willst – die rekursive Anwendung ihres Erkenntnisvermögens auf sich selbst. Transzendentale Kategorien werden empirisch rekonstruiert, und dabei ist es unvermeidbar, in der Rekonstruktion sich genau jener transzendentalen Schemata wieder zu bedienen, die es empirisch offenzulegen gilt. Die Vernunft kann nicht aus ihrer Haut. Nichts anderes praktiziert ein Sprachwissenschaftler, der mithilfe der Sprache über Sprache spricht. Er kann nicht nicht-sprachlich über Sprache kommunizieren. Aber niemand bezweifelt, dass so etwas wie Grammatik möglich ist. (Außer vielleicht Hegel und du, die das für einen Widerspruch halten.) Die Analyse der Logik ist logisch. Die Logiker bedienen sich bei der Beschreibung der Logik logischer Kategorien. Sie können nicht jenseits der Logik über die Logik sinnieren. (Vielleicht kann das ja Hegel, ich hab seine „Wissenschaft der Logik“ nie gelesen.) Wo also ist dein Problem?

    Im Übrigen ist es völlig daneben, mit Blick auf Kant von Methodenforschung zu reden, da Methode insinuiert, dass es auch andere Methoden gäbe als die Methode der Vernunft. (Naja, vielleicht die Dialektik, aber wer weiß das schon!)

    Eine andere Sache ist es mit Foucault, der das, was bei Kant das Transzendentale heißt, historisiert (sein Begriff dafür ist der der Episteme). Das wirft nochmal gänzlich andere Fragen auf, etwa das von dir in den Raum geschleuderte, so genannte Relativimus-Problem. Dazu kann ich nur auf einen Artikel von Thomas Lemke verweisen, ohne das hier weiter diskutieren zu wollen.

    Mir kommt es in diesem Zusammenhang eher darauf an, dass der von dir gegen Kant gerichtete Relativismusvorwurf völlig an den Haaren herbei gezogen ist. Kants Vernunftkritik, die Hegel als „Erkenntnisskeptizismus“ zu denunzieren versucht, bezieht sich allein auf metaphysische und religiöse Fragetellungen (Unsterblichkeit der Seele, Unendlichkeit des Kosmos, Existenz Gottes, freier Wille usw.). Kant beweist, dass der bloße Versuch, auf diese Fragen eine rationale Antwort zu finden, unweigerlich zu logischen Widersprüchen oder, wie er es nennt: dialektischen Antinomien führt. Man kann mit den Mitteln der „reinen Vernunft“ ebensowohl beweisen, dass das All unendlich wie dass es endlich ist; dass die Zeit einen Anfang hat und dass sie keinen hat; dass der Wille frei ist und dass er determiniert ist. Das und nichts anderes sind die Grenzen der Vernunft, von denen Kant spricht: sich die Beantwortung solcher Fragen aufzugeben, ist ein Blödsinn, den man besser lassen sollte, um sich nicht selber hinters Licht zu führen. Kurz, worüber man nichts wissen kann, davon soll man schweigen!

    Das ist eine richtige Kritik am religiösen Denken und Hegel versucht, sie pseudo-argumentativ (s.o.) zu zersetzen, um das Christentum, die Idee Gottes und die Vorstellung einer messianischen Geschichte, die auf ein bestimmtes Ziel gerichtet sei, wieder zu restituieren. Da Kant diese Ideen zerstört hat, gilt er Hegel als Skeptizist und dir als Relativist. Ich denke mal, da wirst du mit deiner Kritik bei Ratzinger große Sympathien finden! Der würde Philosophie vermutlich auch gern wieder zur „Religon als Wissenschaft“ (Hegel) machen.

  28. Gravatar Icon 28 cannon fodder 10. März 2009 um 18:31 Uhr

    Wenn die Dialektik keine Methode ist – was ist sie dann?

  29. Gravatar Icon 29 Hagel 10. März 2009 um 19:10 Uhr

    „Die Logik, Raum und Zeit, Kausalität, das tranzendentale Ich sind keine medizinischen Themen …“
    Nicht mogeln. Raum/Zeit ist keine Voraussetzung für etwas Bestimmtes, sondern eine Abstraktion, an der entweder alles oder gar nichts hängt. Kausalität bzw. Logik muss sich auch niemand erklären können, um logisch nachvollziehbare Gründe für wasauchimmer angeben zu können. Umgekehrt UNTERSTELLT das Wissen über Logik bereits die Praxis von Bestimmungen, Widersprüchen, Schlüssen usw., hilft also beim Nachdenken über einen KONKRETEN Gegenstand nicht.

    „Aber niemand bezweifelt, dass so etwas wie Grammatik möglich ist. (Außer vielleicht Hegel und du, die das für einen Widerspruch halten.)“
    Du hast die Widerlegung nicht verstanden: Ich sage NICHT (Hegel auch nicht), man könne sich über das Denken keine Gedanken machen (deine Erfindung), ich sage, dass Denkmethoden, -strukturen, -systeme widersprüchliche Erfindungen sind. Nicht, weil ich etwas gegen Methodik habe, sondern weil auch du es nicht schaffst, dir Methoden für etwas auszudenken, wovon du keine Ahnung hast. Wenn du umgekehrt eine für den Gegenstand passende „Denkmethode“ behauptest, kennst du den Gegenstand doch schon – das ganze ist also wissenschaftliche Heuchelei.

    Ein Paradebeispiel für diese zirkulären Verfahren bringst du selbst:

    „Die Analyse der Logik ist logisch“

    Na dann.

  30. Gravatar Icon 30 lysis 10. März 2009 um 19:41 Uhr

    Kant spricht nicht von erfundenen Denkmethoden, so wie man in der Wissenschaft von „Forschungsmethoden“ spricht, sondern von den tranzendentalen Schemata des Verstandes, derer sich jeder bedienen muss, sobald er denkt – ja sobald er die Augen öffnet und wahrnimmt. Da hast du an Kant einfach was gründlich missverstanden. Als ob der jemals über Methoden im Plural statt nur über die Methode des Verstandes geredet hätte!

    Kants zentrale Einsicht war, dass die Gegenstände der Erfahrung nicht unabhängig vom Verstand existieren, sondern von diesem konstituiert werden, wobei diese Gegenstände, weil es sich um präparierte Sinneseindrücke handelt, etwas anderes sind als die Dinge an sich, die uns mit Eindrücken versorgen (und über die im Grunde nichts Wirkliches gewusst werden kann).

    Der Kniff an Foucault – und ähnlichen Leuten – ist, dass die Konstitutionsbedingungen von Gegenständen, anders als bei Kant, als historisch gewordene bzw. gesellschaftlich gemachte enthüllt werden. Foucault spricht deshalb, in Anlehnung an und Abgrenzung gegen Kant zugleich, von einem „historischen Apriori“, das unserer Erfahrung zugrundeliegt – und das er seit seiner genealogischen Wende, ähnlich Marx, durchaus materialistisch zu bestimmen wusste: als ein Ensemble von Macht-Wissen-Komplexen, die im Kontext der kapitalististichen Gesellschaft und der mit ihr sich durchsetzenden „liberalen“ Regierungstechniken entstanden sind.

    Der ganze Philosophie-Kack dahinter ist an sich selbst eigentlich völlig uninteressant – jedenfalls für mich. Ich interessiere mich nur für Empirie, weshalb ihr über metaphysische Wahrheitsprobleme, die sich im Kontext von Foucaults Kritik angeblich stellten, mit jemand anderem diskutieren müsst. Für mich stellen sich diese Fragen einfach nicht. Es reicht mir völlig aus, wenn Foucaults historische Analysen in einem wissenschaftsmethodischen, vulgo: positivistischen Sinne zutreffend sind.

  31. Gravatar Icon 31 Neoprene 10. März 2009 um 21:38 Uhr

    „Kants zentrale Einsicht war, dass die Gegenstände der Erfahrung nicht unabhängig vom Verstand existieren, sondern von diesem konstituiert werden, wobei diese Gegenstände, weil es sich um präparierte Sinneseindrücke handelt, etwas anderes sind als die Dinge an sich, die uns mit Eindrücken versorgen (und über die im Grunde nichts Wirkliches gewusst werden kann)“

    Das hat so was schrecklich beliebiges: Den Mars als Erdtrabanten z.B. gab es schon lange, ehe der moderne Mensch ihn als solchen „entdeckt“ hat. Daß die Menschen sich eine lange Zeit ein falsches Bild über das Weltall gemacht haben, sprach auch nicht gerade für diese vor heliozentrische Sichtweise. Selbst Kopernikus, der schon recht viel rausgekriegt und vermutet hat, hat sich noch den Fehler erlaubt, von allzu einfachen Kreisbahnen für Planeten auszugehen. Jetzt weiß man es eben, daß die Dinger schon ewig anders rumgeflogen sind. Da war nichts zu „konstituieren“, sondern „einfach“ richtige Wissenschaft zu betreiben. Und so ist es dann letztlich auch gekommen.

  32. Gravatar Icon 32 lysis 11. März 2009 um 4:29 Uhr

    Ich glaube, dein Missverständnis besteht darin, dass du glaubst, Kant würde der Konstitution von Gegenständen der Erfahrung durch die menschliche Vernunft etwas Willkürliches andichten, so als könne man die Sache einfach auch anders denken. Als könne man sagen: eine Himmelserscheinung, die meine Sinne affiziert, existiere in Wirklichkeit gar nicht. Aber dass der Mars existiert; dass er die Sonne umkreist und dies sogar schon vor Entdeckung dieser Tatsache getan habe (worüber du ja eigentlich gar nichts aussagen kannst, weil du damals schließlich nicht in den Himmel geguckt hast), das weißt du nur aus der Vernunft, d.h. du weißt es deshalb, weil es anders nicht gedacht werden kann. Es wäre zu kompliziert, es sich anders vorzustellen, weshalb die Vernunft eine solche objektiv zwar gegebene, aber sinnvoll nicht denkbare Möglichkeit verwirft.

    Wohlgemerkt: sie weiß es im Grunde überhaupt nicht, denn wie soll sie wissen, dass etwas existiert habe, bevor sie es sinnlich wahrgenommen hat? Aber sie kann, aufgrund der verstandesmäßigen Prämisse der Objektkonstanz (die sich übrigens erst auf einer gewissen kognitiven Stufe entwickelt und von einem Kleinkind noch gar nicht besessen wird) nicht anders, als es sich auf diese Weise zurechtzulegen. Kant hat die Naturwissenschaften nicht in Frage gestellt – das ist ein Irrtum –, er hat ganz im Gegenteil versucht, sie philosophisch zu fundieren: als eine Wissenschaft nicht von den metaphysischen „Dingen an sich“, sondern von den sinnlichen Gegenständen der Erfahrung.

    „Als Galilei seine Kugeln die schiefe Fläche mit einer von ihm selbst gewählten Schwere herabrollen, oder Torricelli die Luft ein Gewicht, was er sich zum voraus dem einer ihm bekannten Wassersäule gleich gedacht hatte, tragen ließ, oder in noch späterer Zeit Stahl Metalle in Kalk und diesen wiederum in Metall verwandelte, indem er ihnen etwas entzog und wiedergab; so ging allen Naturforschern ein Licht auf. Sie begriffen, daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, daß sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse, auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müsse; denn sonst hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf. Die Vernunft muß mit ihren Prinzipien, nach denen allein übereinkommende Erscheinungen für Gesetze gelten können, in einer Hand, und mit dem Experiment, das sie nach jenen ausdachte, in der anderen, an die Natur gehen, zwar um von ihr belehrt zu werden, aber nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles vorsagen läßt, was der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nötigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt. Und so hat sogar Physik die so vorteilhafte Revolution ihrer Denkart lediglich dem Einfalle zu verdanken, demjenigen, was die Vernunft selbst in die Natur hineinlegt gemäß, dasjenige in ihr zu suchen (nicht ihr anzudichten), was sie von dieser lernen muß, und wovon sie für sich selbst nichts wissen würde. Hierdurch ist die Naturwissenschaft allererst in den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht worden, da sie so viele Jahrhunderte durch nichts weiter als ein bloßes Herumtappen gewesen war“, KrV Vorr. z. 2. A. (I 26—Ro 20 f.). [Eisler – Kant: Naturwissenschaft]

    Mit anderen Worten: „Wenn daher auch die meisten glauben, bei der Naturforschung der Metaphysik leicht entbehren zu können, so bleibt sie doch hier allein die Helferin, welche das Licht anzündet.“ (Kant)

  33. Gravatar Icon 33 Neoprene 11. März 2009 um 10:04 Uhr

    Gerade mein Beispiel von der Astronomie zeigt doch, daß dein
    „dass der Mars existiert; dass er die Sonne umkreist und dies sogar schon vor Entdeckung dieser Tatsache getan habe (worüber du ja eigentlich gar nichts aussagen kannst, weil du damals schließlich nicht in den Himmel geguckt hast), das weißt du nur aus der Vernunft, d.h. du weißt es deshalb, weil es anders nicht gedacht werden kann“ schon rein faktisch nicht stimmt: Da haben sich mehr oder weniger vernünftige Menschen schon immer alles Mögliche zusammengereimt. Das hat die völlig unabhängig von ihnen existierende „Realität“ der Himmelskörper mehr oder weniger „korrekt“ beschrieben. Kopernikus mit seinen Kreisbahnen war da eben so „vernünftig“, wie er das anfangs hingekriegt hat.

    Und wenn eine bestimmte wissenschaftliche Erkenntnis stimmt z.B. die C-14-Methode (eine Methode zur radiometrischen Datierung von kohlenstoffhaltigen, vor allem organischen Materialien bis zu einem Alter von etwa 50.000 Jahren), dann kann ich eben mit Fug und Recht eben sagen, wie lange ein gefundener Steinzeitmensch schon tot ist. Da brauche ich nicht mehr dabei gewesen sein, um so was sagen zu können.

    Und auf Begriffe wie „kompliziert“ versus „einfach“ kann man das eh nicht reduzieren. Ein typischer Fehler vor- und frühwissenschaftlicher Überlegungen war es, sich die Erklärung von Phänomenen zu „einfach“ zu machen. Die C-14-Methode ist mit persönlich nun wirklich zu kompliziert, aber deshalb würde ich sie nun wirklich nicht als unwissenschaftlich verwerfen.

  34. Gravatar Icon 34 cannon fodder 11. März 2009 um 14:20 Uhr

    „Da haben sich mehr oder weniger vernünftige Menschen schon immer alles Mögliche zusammengereimt.“

    Man kann sich aber nur denkbares zusammenreimen! Außerdem bedeutet die Existenz unterschiedlicher Ansichten nicht, dass eine Beliebigkeit im Denken herrscht. Die lächerlichen Epizykel sind ja gerade deswegen entstanden, weil grundlegende Denkmethoden nicht mir nichts dir nichts entsorgbar sind und man den entstandenen Widerspruch irgendwie auflösen musste.

    „Und auf Begriffe wie „kompliziert“ versus „einfach“ kann man das eh nicht reduzieren. Ein typischer Fehler vor- und frühwissenschaftlicher Überlegungen war es, sich die Erklärung von Phänomenen zu „einfach“ zu machen. Die C-14-Methode ist mit persönlich nun wirklich zu kompliziert, aber deshalb würde ich sie nun wirklich nicht als unwissenschaftlich verwerfen.“

    Hier handelt es sich aber nicht um eine Hypothese (die in Konkurrenz zu anderen steht). Hier wird einfach nur das radioaktive Zerfallsgesetz angewandt. Die Anwendung anerkannter Gesetze ist frei von weiteren Voraussetzungen und daher ideal einfach.

  35. Gravatar Icon 35 Hagel 11. März 2009 um 14:30 Uhr

    Nur als Merker: Die Vernunft ist ein Abstraktum und nie Subjekt von irgendetwas.

    „[Kant] versucht, sie philosophisch zu fundieren“

    Dass Naturwissenschaftler Philosophie benötigen würden zur „Fundierung“, ist dummes Zeug, weil ein Gegenstandswechsel. Erkenntnisse über Schwerkraft oder Honigbienen werden fundiert physikalisch, chemisch, biologisch bewiesen oder bleiben ungewiss. Die Philosophie hilft einem keinen Millimeter weiter, wenn es um Erdanziehung oder Insektenstaaten geht.

  36. Gravatar Icon 36 Neoprene 11. März 2009 um 16:34 Uhr

    cannon fodder, mich wundert dein Einwurf „Man kann sich aber nur denkbares zusammenreimen!“

    Wieso denn „nur“? Die Unmenge von tatsächlich Gedachtem und später dann auch Geschriebenem füllt mittlerweile in jeder besseren Stadtbibliothek Regalkilometer.

    Wieso waren die Epizykel lächerlich? Der Ausgangspunkt, daß sich alle Planeten um die Erde drehen, der war falsch. Aber zu versuchen, die doch tatsächlich akribisch erfaßten „wahren“ Himmelsbewegungen mit einer Theorie nachzubilden, die auf der aufrecht erhaltenen Basis mit den Beobachtungen zusammenpaßte, das war per se nicht falsch. Hat ja auch halbwegs funktioniert. Bis es eben Johannes Kepler gelang, mit seinen „Keplerbahnen“ (zumeist Ellipsen) eine wirklich stimmige und exakte Prognosen erlaubende Himmelsmechanik hinzulegen.
    Erst damit waren seine „Gesetze“ für die bis dahin zweifelnde Schar der anderen Astronomen wirklich „anerkannt“.

  37. Gravatar Icon 37 cannon fodder 11. März 2009 um 17:06 Uhr

    1) Worauf ich hinauswollte ist, dass der vorhandene Reichtum des Denkens und Wissens nicht die Vermittlung und das „Ding an sich“ widerlegt.

    2) Solange es keine alternative Theorie gibt, die die beobachtete Bewegung der Himmelskörper besser erklärt, sind die Epizykel überhaupt nicht lächerlich. Aber sie werden in dem Moment grotesk, in dem sie nur noch dazu dienen, eine fragwürdig gewordene Theorie auf Teufel komm raus zu patchen, weil die plausiblere Konkurrenztheorie politisch nicht opportun ist.

  38. Gravatar Icon 38 Schiemann 11. März 2009 um 19:21 Uhr

    Das Sonnensystem ist das gleiche, egal ob man es nach Ptolemäus oder nach Kopernikus interpretiert.

    Die materielle Realität ist vor den Interpretationen des menschlichen Geistes vorhanden, denn wo sollte letzterer sonst herkommen? Selber geschaffen haben kann er sich ja wohl nicht.

  39. Gravatar Icon 39 lysis 12. März 2009 um 12:35 Uhr

    Na, was glaubst du, wozu Kant einen Begriff wie „Ding an sich“ geprägt hat? Weil er die materielle Realität außerhalb des Bewusstseins leugnen wollte? Das Problem ist nur, dass wir keinen anderen Zugriff auf diese Realität haben als den, der durch unser Bewusstsein vermittelt ist, womit es für uns dann praktisch doch nichts anderes gibt als „nur“ Interpretationen. Deine materielle Realität bleibt also nichts weiter als ein fiktiver Bezugspunkt, oder sagen wir’s doch so: eine plausible theoretische Vorannahme, die Sinn macht.

  40. Gravatar Icon 40 www. 12. März 2009 um 14:09 Uhr

    Das „Ding an sich“ gibt es nicht, genauso wenig wie das Transzendentale Subjekt. Es gibt nur die Realität, die wir wahrnehmen, und nichts dahinter. David Hume hatte das schon lange vor Kant sehr viel besser erkannt.

    Die Aufspaltung der Realität ist unsinnig und führt letzten Endes nur zum Solipsismus.

  41. Gravatar Icon 41 Hagel 12. März 2009 um 15:36 Uhr

    „Deine materielle Realität bleibt also nichts weiter als ein fiktiver Bezugspunkt“

    Fiktion ist es, den eingestandenen Zugriff auf die Realität (Konstruktivisten leugnen sogar den) zu einer „Vorannahme“ zu verrätseln, weil dieser Gedanke so gar nicht plausibel ist. Wäre Wissenschaft Fiktion, würde das doch als erstes für die Philosophie gelten, deren Hirngespinste bei Skeptizisten aber als etwas Reales gelten, also keineswegs mit dem eigenen erkenntnistheoretischen Vorbehalt relativiert werden.

    Man stelle sich einen Kant vor, der seinen kategorischen Imperativ(!) als „Arbeitshypothese“ betrachten würde. Als wenn der nicht geglaubt hat, etwas über Realität herausfinden zu können, um dann seine MAXIMEN auf den Markt zu werfen. Die Kantsche „Begründung“ von Pflicht, Neigung etc. hat der jedenfalls nicht erfunden, um ein Stück fiktiver Literatur zu verbreiten, da tut man dem Kant Unrecht.

  42. Gravatar Icon 42 Hyronimis Busch 17. März 2009 um 7:24 Uhr

    Kant geht es darum zu zeigen, wie wir NOTWENDIG denken MÜSSEN, um eine einheitliche Erfahrung der Welt zu haben (und die haben wir ja auch – sagt er). Von einer irgendwie gearteten „Methode“ kann da keine Rede sein, wie ja bereits serviert wurde.

    Foucault transzendiert noch die transzendentale Kritik, indem er den materialistischen Sprung ins Historische wagt. Da fühlen sich natürlich viele orthodoxe Marxisten an Bein gepinkelt in ihrer Wissenschaftsgläubigkeit, die diejenige der Naturwissenschaftler selbst noch lidschattiert. (dem Wortspiel – nicht dem alten Kumpel vom kf wegen)

    Die Außenwelt, eine böse Frage für manche. Manchen geht es da eher wie dem Panther im Käfig. Scheint nicht ganz auflösbar zu sein, denn das berühmte Stimmigkeitskriterium zieht da nicht. Wo ist da der Widerspruch in der Behauptung, ICH, das große ICH bin das einzig reale? Ihr seid alles nur Hampelmänner MEINER Illusion, ihr Deppen, bestenfalls Gehirne im Tank, versiefend in den Absonderungen der eigenen intellektuellen Selbstgefälligkeit.

    Aber man muss noch weiter gehen, sich auf die Schultern von Foucault und Nietzsche setzend, weitersehend als sie. Die Historie, die Sprache, die Stäbe vorm Käfig. Der Mensch ein Baumeister – ja wohl! Doch von der Biene nur graduell verschieden, sich verlierend in Netzen, die er emsig um sich selber webt, bis er in ihnen zum hängen und schlafen kommt.

    Da ist eine ordentliche Portion böser Skeptizismus :o und Relativismus :-ss genau die richtige Portion, um den deutschen Michel aus seinem dogmatischen Schlummer zu wecken. Gebt Zunder, Kameraden!

    Was bin schon ICH? Ich gehe soweit und spreche mich mit multiplen Frauennamen an. Da gibt es nichts außer eine wabbernde Substanz, die man „Sein“ oder auch „stinkenden Rotz“ oder auch „fefzbuzbuhlvuzc“ nennen könnte.

    Und die Männer in den Anzügen, weißen Kitteln und eng geschnittenen Schwarzhemden schütteln nur den Kopf, denn SIE wissen, was opiektief sei und was flach. Seid ihnen dankbar für ihre weise Verwaltung basierend auf Fakten, Fakten, Fakten, der Realität von Anusficker und Uranus. Aber kommt mir/uns/den Tieren bloß nicht zu nahe mit eurem offektieschituinio-Gewinsel!

    Und haltet den Weibern an eurer Seite nur das Maul zu, damit sie nicht soviel über euren Sexismus und eure verzweifelte Solaristik reden können!

    Und versteht mich nicht falsch: auch ich will keine Tafeln aufrichten. Alles muss minutiös dokumentiert werden in mühseliger Kleinarbeit. Doch ob sich nun die Katze in den Schwanz beißt oder andersrum – erstmal die Bürokraten des Geistes verkloppen, dann mit den Elfen Tango tanzen bis man uns endlich unsre Welt zurückgegeben hat, auf dass wir wildern gehen können. :))

    Wichtig ist, seinen eigenen Arsch zu retten und nicht von der Klobrille zu rutschen beim kacken. DAS ist, was zählt. Ob da nun Leute bekehren kann oder nicht – der Weltgeist und die OBJEKTIVITÄ des Fortschritts regeln es doch eh für einen, oder irre ich mich? :-?

  1. 1 Dialektik im 20. Jh. Folge 3: Foucault & Adorno « Audioarchiv Pingback am 27. Februar 2009 um 12:11 Uhr
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