Böses Christentum

„Daniel Regli“ via EuroPrideTV:

Diese ewige Anklage des Christenthums will ich an alle Wände schreiben, wo es nur Wände giebt, — ich habe Buchstaben, um auch Blinde sehend zu machen … Ich heisse das Christenthum den Einen grossen Fluch, die Eine grosse innerlichste Verdorbenheit, den Einen grossen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist, — ich heisse es den Einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit … (Friedrich Nietzsche)


28 Antworten auf „Böses Christentum“


  1. Gravatar Icon 1 Printe 01. Juni 2009 um 15:01 Uhr

    Und das an Pfingsten [-(

  2. Gravatar Icon 2 Entdinglichung 01. Juni 2009 um 17:53 Uhr

    zu der fundamentalistischen Knallpfeife im Interview kann noch angemerkt werden, dass er Kommunalpolitiker am rechten Flügel von Blocher’s SVP ist und als weiteres Steckenpferd die „Kritik an 1968″ reitet

  3. Gravatar Icon 3 lysis 02. Juni 2009 um 0:32 Uhr

    Ich würde es nicht nur mit einem politischen Links-Recht-Schema, sondern auch mit dem Calvinismus in Verbindung bringen. Der Typ ist Calvinist, also Mitglied der „reformierten Kirche“ – jener zweifelsohne ekelerregendsten Erscheinungsform, die sich das Christentum je gegeben hat. Mit seiner Prädestinationslehre war der Calvinismus nicht nur die erste und konsequenteste Legitimation kapitalistischen Wirtschaftens überhaupt (wer arm ist, der ist es, weil Gott ihn von Geburt an hasst und für die ewige Hölle ausersehen hat); nein, der Calvinismus diente auch als religiöse Rechtfertigung für die Einführung des Apartheids-Systems in Südafrika.

    Needless to say, dass es auch die calvinistisch geprägten Staaten Europas waren, die in der Zeit der Aufklärung (!) die brutalste Form der Homosexuellenverfolgung praktizierten, die es in dieser Epoche gegeben hat. Da wurde nicht nur ertränkt, erdrosselt, gehängt und verbrannt, was das Zeug hielt, sondern – und das ist in der Tat einmalig – selbst eine nach katholischem Recht so lässliche „Sünde“ wie die wechselseitige Masturbation zweier pubertierender Jungen mit lebenslänglicher Kerkerhaft bestraft.

    Die Calvinisten haben während der Aufklärung einen Verfolgungseifer an den Tag gelegt, der sogar die Spanische Inquisition am Ende des Mittelalters wie Mutter Theresa aussehen lässt!

    Und zum Thema Meinungsfreiheit, das diese Leute beständig im Munde führen, sag ich nur so viel: lässt man etwa Nazis weiter gegen Juden hetzen? Nein, also warum dürfen sich dann Christen nach wie vor zu Leuten äußern, die sie früher bei lebendigem Leibe auf dem Scheiterhaufen verbrannten, ohne sich jemals auch nur mit einem Wort dafür entschuldigt zu haben? Gibt es denn keine historische Scham mehr, dass man solchen Leuten nicht endlich mit aller Gewalt des bürgerlichen Rechts das Maul stopft? Warum muss man sich mit jemandem, der „unter dem Niveau der Geschichte“ und „unter aller Kritik“ (Marx) steht, noch ernsthaft auseinandersetzen?

    Es war übrigens die Französische Revolution, die nicht zufällig in einem das Christentum verbot und gleichgeschlechtliche Lust erstmals seit dem Hochmittelalter wieder vollständig legalisierte. Dass man diesen historisch gewonnenen Kampf jetzt noch einmal gegen die marodierende Nachhut einer neuen christlichen Reaktion wiederholen soll, statt sie einfach wegzusperren, wenn sie unverschämt wird und mit ihren gierigen, notgeilen Fingern im Geschlechtsleben anderer Leute herumstochert, halte ich für eine Farce der Geschichte und eine Beleidigung des menschlichen Verstandes.

    Nein: „Gegen den Priester“, wenn er anfängt, die ihm durch die Aufklärung gesetzten Grenzen einer privaten, durch nichts belegten Glaubensidiotie zu überschreiten und Atheisten wie mich aufgrund der sadomasochistischen „Ethik“ seiner bekloppten Lügenbibel unsittlich anzufassen, zu belästigen und zum Objekt seiner öffentlichen Hetze zu machen, „hat man nicht Gründe, man hat das Zuchthaus.“ (Nietzsche)

  4. Gravatar Icon 4 Entdinglichung 02. Juni 2009 um 10:16 Uhr

    wobei die Prädestinationslehre von den meisten reformierten Kirchen nach 1800 fallen gelassen wurde und bspw. lokale reformierte Gemeinden (zumeist hugenottischer Herkunft) in der BRD in einigen Städten fester Teil von Antifabündnissen (z.B. Göttingen, Lübeck) sind … allerdings nicht wegen sondern trotz „Calvinismus“ und wenn mensch sich die Publikationen bspw. der ansonsten liberalen „Evangelisch-Reformierten Kirche in Hamburg“ zum Calvin-Jahr 2009 ansieht, so kann mensch das nur als Geschichtsklitterung (so zum Mord an Michel Servet) bezeichnen … ansonsten finde ich den historischen Lutheranismus mit seiner „Zwei-Reiche-Lehre“ zumindest genauso schlimm

  5. Gravatar Icon 5 andreas 02. Juni 2009 um 12:13 Uhr

    es sollte an dieser stelle aber auch angemerkt werden, dass calvinisten in (ihrem ursprungsland) frankreich ihrerseits jahrhundertelang verfolgt und unterdrückt wurden und (die wenigen verbliebenen) erst durch die franz. revolution gleichberechtigung erhielten (endgültig erst in der 3. republik)

  6. Gravatar Icon 6 lysis 02. Juni 2009 um 12:50 Uhr

    Die Französische Revolution hat zunächst einmal nicht Gleichberechtigung der verschiedenen Kulte, sondern Verbot und Abschaffung des Christentums gebracht.

    Ab Herbst geriet die Entchristianisierung zu einer vor allem vom Kleinbürgertum getragenen Massenbewegung; diese fand ihre Anhänger zuerst in den Provinzstädten südlich von Paris und in Lyon und äußerte sich oft in karnevalsähnlichen Umzügen mit Kirchengerätschaften, Entweihungen von Kirchen, Bilderstürmen oder Zeremonien für Revolutionsmärtyrer, die Gesandte des Nationalkonvents organisierten. Die Bewegung griff schnell auf das Zentrum über, und im Oktober verbot die commune (Gemeinde) von Paris die Abhaltung aller öffentlichen religiösen Zeremonien. […]

    Am 23. November 1793 verabschiedete der Nationalkonvent ein Gesetz, das alle Gotteshäuser von Paris den traditionellen Kulten entzog und zu Tempeln der Vernunft machte und dass an jedem décadi (zehnten Tag) des neuen Revolutionskalenders das Fest der Vernunft gefeiert werden solle. Die für die Entchristianisierung höchst bedeutsame Kalenderreform bezweckte, den ganzen bisherigen, christlich geprägten Lebensrhythmus der Menschen und damit den Ort, wo sich die Religion im Alltag besonders manifestierte, zu verändern. Diese Maßnahmen verbreiteten sich über staatliche und halbstaatliche Organe sowie Zeitungen (beispielsweise der Père Duchesne) von Paris aus über weite Teile Frankreichs. Orte und Straßen, deren Namen einen christlichen Gehalt hatten, verschwanden. So wurde im Departement Indre-et-Loire das Wort dimanche (Sonntag) abgeschafft, aus der Stadt Saint-Tropez wurde Héraclée.

    Die Wiedereinführung der Religionsfreiheit, erst mit Napoléon gänzlich besiegelt, war weniger ein vorweisbarer Erfolg der Französischen Revolution als Zeichen ihrer zunehmenden Kompromittierung durch den Herrschaftspragmatismus der neuen Eliten, die sich mit dem Papst und der katholischen Kirche peu à peu zu arrangieren begannen:

    Das Ende der revolutionären Hochphase bedeutete auch dasjenige der systematischen Unterdrückung und Behinderung der Kirche. Zu Beginn des Jahres 1795 erhielten die traditionellen Glaubensformen wieder einen gewissen Spielraum für ihre Ausübung, ein Gesetz vom 21. Februar 1795 erklärte, dass die Religionsausübung nicht gestört werden solle, und gestattete den allgemeinen Gottesdienst; Glockengeläut, Prozessionen und öffentliches Tragen des Kreuzes blieben aber verboten. Ein Gesetz vom 30. Mai 1795 erlaubte die Wiedereröffnung der Gotteshäuser, falls sie nicht einer anderen Verwendung zugeführt worden waren; […]

    Zwar kam es nach 1795 immer noch zu Verhaftungen und Deportationen von Priestern, aber die emigrierte Geistlichkeit begann gleichwohl zurückzukehren, und 1797 konnte sich die katholische Kirche neu konstituieren. Die Lage der katholischen Kirche verschärfte sich allerdings ab 1798 nochmals, als es zum Krieg Frankreichs mit dem Kirchenstaat kam, an dessen Stelle eine kurzlebige französische Tochterrepublik, die erste Repubblica Romana der Neuzeit gesetzt wurde; Papst Pius VI. starb in französischer Gefangenschaft. […]

    Der neue Papst Pius VII. schloss nach mehrmonatigen Verhandlungen schließlich mit Napoléon Bonaparte am 15. Juli 1801 ein Konkordat, das den Fortbestand des Kirchenstaates sicherte, wofür er im Gegenzug die staatliche Kirchenordnung Frankreichs guthieß. In der Präambel wurde die katholische Religion als die „der großen Mehrheit der französischen Bürger“ bezeichnet, ohne dass von einer „Staatsreligion“ die Rede war. Das Konkordat anerkannte die Pluralität der religiösen Bekenntnisse, die Freiheit der Kultusausübung und die Republik als solche.

  7. Gravatar Icon 7 truys 02. Juni 2009 um 13:20 Uhr

    „dass man solchen Leuten nicht endlich mit aller Gewalt des bürgerlichen Rechts das Maul stopft?“

    Finde ich irgendwie seltsam, dass du jetzt echt den Staat als Verteidiger der Aufklärung inszenierst. Hier ist das der gleiche Staat der §175 bis 1994 aufrechterhalten hat. Bei den Feministen hast du doch z.B. genau dieses Anrufen des Staates kritisiert.

    Ich kann die „Ohnmacht“ sehr gut verstehen die man fühlt, wenn derartige Arschlöcher ihren Mist ausbreiten und einem ganz konkret das Leben schwer machen durch ihre Politik. Den bürgerlichen Staat halte ich nur für den falschen Adressaten, wenn man dieses Elend abschaffen will.

  8. Gravatar Icon 8 lysis 02. Juni 2009 um 14:02 Uhr

    Es ist eine Sache, wenn man den Feminismus dafür kritisiert, dass er sich zum motorisierten Grenzpfosten im bundesdeutschen Migrationsregime macht oder den Staat im Verbund mit den Konservativen zur Wiederverschärfung des Sexualstrafrechts in Fragen wie Pornographie-Zensur, Anhebung des „Schutzalters“ und Verbot der Prostitution anstachelt.

    Eine ganz andere Sache ist es doch aber, wenn der Staat etwa zur Unterdrückung von Hate Speech, also zur militanten Verteidigung emanzipatorischer Errungenschaften, benutzt wird, wie es teilweise schon in einigen Ländern der Fall ist, wo rassistische und homophobe Hetze mit empfindlichen Geldstrafen geahndet wird. Ich halte das nachweislich für ein sehr mächtiges Werkzeug einer (natürlich wie immer: bürgerlich beschränkten) Emanzipation, die einem zumindest die ärgsten Vertreter der Reaktion vom Hals schafft – mit denen sich inhaltlich auseinanderzusetzen nicht nur peinlich und anachronistisch, sondern auch vergeudete geschichtliche Zeit ist. Wo könnten all diese verschwendeten Antifa-Energien hinfließen, wenn man endlich mal das Nazi-Problem von Grund auf beseitigen und den Faschisten jede Form der politischen Betätigung untersagen würde?

    Die generelle „Staatsphobie der Linken“ (Foucault) hab ich nie geteilt, denn auch nach einer Revolution würde man wohl kaum umhin kommen, die Reaktion mit gewaltsamen Mitteln zu unterdrücken, wenn man seine politischen Errungenschaften sichern und gegen konterrevolutionäre Aktivitäten verteidigen will. Alles andere ist meines Erachtens illusionär.

  9. Gravatar Icon 9 lysis 02. Juni 2009 um 14:54 Uhr

    Und darin lag die Größe Lenins, nachdem die Bolschewiki die Macht errungen hatten: Im Gegensatz zur hysterischen revolutionären Inbrunst derer, die lieber in Opposition bleiben und es (öffentlich oder insgeheim) vorziehen, der Last der Machtübernahme aus dem Weg zu gehen – also den Wechsel von der subversiven Aktivität zur Verantwortlichkeit für das reibungslose Funktionieren des gesellschaftlichen Gefüges scheuen –, nahm er die schwerwiegende Aufgabe der tatsächlichen Staatsführung auf sich, zu der die notwendigen Kompromisse genauso gehörten wie die notwendigen harten Maßnahmen, um die Macht des Bolschewismus zu sichern. […]

    Der Test, ob wir es mit einem wahren Revolutionär zu tun haben oder aber mit diesem Spiel hysterischer Provokation, prüft die heroische Bereitschaft, die Konversion der subversiven Unterminierung des bestehenden Systems zum Prinzip einer neuen positiven Ordnung zu ertragen, die dann diese Negativität verkörpert – oder mit Badiou gesagt, die Konversion der Wahrheit zum Sein.

    —Slavoj Žižek, Die Tücke des Subjekts

  10. Gravatar Icon 10 Neoprene 02. Juni 2009 um 15:02 Uhr

    Also, Lysis, da muß ich als alter Leninist schon schlucken, wie du flugs den „notwendigen harten Maßnahmen“ der Bolschewiki, um die Oktoberrevolution abzusichern (da war bekanntlich z.B. ein ganzer Bürgerkrieg nötig, um sich die Weißen und deren demokratische Freunde vom Hals zu halten) genauso das Wort redest, wie den Hate-Speech-Gesetzen genau dieser imperialistischen Demokratien. Staat ist Staat, Hauptsache, der macht was „Richtiges“?
    Da hege und pflege ich doch lieber die von dir so locker abgetane „Staatsphobie der Linken“. Jedenfalls bei der BRD z.B.. Die hat es nämlich verdient. Gerade jetzt, wo sie so schön strahlend dasteht, nach all den 60 Jahren, wo wir sie nicht weggekriegt haben.

  11. Gravatar Icon 11 lysis 02. Juni 2009 um 15:28 Uhr

    Frag dich doch lieber mal, was die tatsächliche Politik der BRD ist. Es ist doch genau die liberale Duldung der Nazis, es ist die im „Dritten Reich“ eingeführte Kirchensteuer und die öffentliche Finanzierung des Religionsunterrichts. Es sind die Privilegien der christlichen Kirchen und die Anerkennung ihrer verquasten Positionen zu Abtreibung, Verhütung und „Homosexualität“ als relevante Beiträge zu einer öffentlichen „Werte“-Debatte. Es ist der Schutz der Religion. Was staatsphobe Linke nicht verstehen, ist, dass nicht nur die Repression, sondern auch die Gewährung Teil staatlicher Politik ist. Der Schutz von Eigentum, die Einsetzung von Glaubensfreiheit und die Indienstnahme der Religion für eine staatliche Sittenpolitik, die auf solche Irrationalismen offenkundig angewiesen ist.

    Sich dazu nicht kritisch zu verhalten, ist in Wirklichkeit eine Affirmation dieser liberalen Herrschaftstechniken, deren Prinzip nicht das Verbot, sondern die Anreizung und Ermöglichung ausbeuterischer oder religiös normierender Praktiken, kurz: die Einsetzung bürgerlicher „Freiheiten“ ist.

  12. Gravatar Icon 12 Neoprene 02. Juni 2009 um 15:44 Uhr

    Jetzt verstehe ich dich erst Recht nicht: Du führst ellenlang und völlig korrekt aus, wie diese Republik (und zu einem recht erheblichen Teil auch ihr Vorgänger, das Nazi-Deutschland) reihenweise gute Gründe hatten, „ihre“ christlichen Kirchen nach Strich und Faden zu päppeln und zu schützen. Mitsamt dem Dreck, den die so zu verbreiten pflegten und pflegen. Und jetzt soll gerade dieser Staat der Adressat werden, dir mal was Nettes zu gewähren wie meinetwegen ein Blixa-Redeverbot? Das nenne ich nun wiederum affirmativ.

  13. Gravatar Icon 13 www. 02. Juni 2009 um 15:52 Uhr

    Man kann sich schon vorstellen, wie das laufen würde, wenn Leute wie Lysis das sagen hätten, ungefähr so wie in der Sowjetunion.

  14. Gravatar Icon 14 lysis 02. Juni 2009 um 15:57 Uhr

    Ja, aber es ist doch auch im Rahmen des bürgerlichen Staats eine emanzipatorisch begründete Abschaffung der Glaubensfreiheit denkbar (siehe Französische Revolution!). Und ich wüsste nicht, warum man solche partiellen Emanzipationsleistungen nicht würdigen sollte. Ich bin mir jedenfalls nicht zu fein, zu einem Volksentscheid hinzulaufen und gegen die Einführung des Religionsunterrichts an Berliner Schulen zu stimmen.

  15. Gravatar Icon 15 Neoprene 02. Juni 2009 um 16:08 Uhr

    Mit deinem Nein zum Berliner Religionsunterricht bist du ja nun wahrlich nicht allein. Die Spartakisten z.B. hatten auch zum Nein-Abstimmen aufgerufen. (http://www.icl-fi.org/deutsch/spk/177/reli.html)

    und zu www. „Man kann sich schon vorstellen, wie das laufen würde, wenn Leute wie Lysis das sagen hätten, ungefähr so wie in der Sowjetunion“.
    Im Umkehrschluß kann man bei Recht vielen, die die Stalinisten für ihre Gewaltanwendung kritisieren (regelmäßig ohne Roß und Reiter zu nennen) feststellen, daß sie für die demokratischen Gewalten ganz ganz viel Sympathien an den Tag legen können. Wahre Pazifisten gibt es doch erstaunlich wenige dieser Tage. Und selbst dann wäre es immer noch nicht gut.

  16. Gravatar Icon 16 Entdinglichung 02. Juni 2009 um 16:38 Uhr

    p.s.: in der Anfangsphase der Sowjetunion bis ca. 1923 genossen BaptistInnen und andere Evangelikale eine Reihe von Privilegien wie Befreiung vom Militärdienst und konnten expandieren, siehe Heather J. Coleman: Russian Baptists and Spiritual Revolution, 1905–1929 Indiana University Press (2005)

  17. Gravatar Icon 17 lysis 02. Juni 2009 um 17:55 Uhr

    Wikipedia sieht das ja gerade als Beleg für die Existenz einer „Christenverfolgung“ in der SU: „Zeitweise wurden sogar [!] Sekten, Freikirchen und die sowjetfreundliche ‚lebendige Kirche‘ staatlich gefördert, um die orthodoxe Kirche zu zerstören.“ ;-)

    Aber spätestens mit Stalin gab’s ja wieder das Bündnis zwischen Thron und Altar und die „Homosexualität“ wurde illegalisiert (scheinen wirklich zwei eng zusammengehörige Themen zu sein!).

  18. Gravatar Icon 18 andreas 02. Juni 2009 um 18:25 Uhr

    der calvinismus wurde IM ZUGE der franz. revolution dort legalisiert, ja, unter napoleon erst.

  19. Gravatar Icon 19 Entdinglichung 02. Juni 2009 um 18:43 Uhr

    die „Bolschewiki vor Stalin“ einerseits und Freikirchen sowie Raskolniki andererseits hatten mit der russisch-orthodoxen Kirche und dem Zarismus sowie dem Alkoholismus gemeinsame Feinde, zum anderen waren beide Ideen wie dem Genossenschaftswesen zugetan … ansonsten hatte Sowjetrussland/die Sowjetunion von 1918 bis 1930 mit Georgi Tschitscherin einen schwulen Aussenminister

  20. Gravatar Icon 20 lysis 02. Juni 2009 um 19:05 Uhr

    Ja, das sollte man jetzt nicht verharmlosen. Die Bolschewiki haben 1917 zwar zwischenmännliche Beischlafhandlungen legalisiert, aber nur um an die Stelle der Strafdrohung die Pathologisierung zu setzen – und das lange vor Stalin.

    In den muslimischen Sowjetrepubliken, wo „das Problem“ massenhaft in Erscheinung trat, wurden darüber hinaus – und dafür hab ich immerhin drei unabhängige Quellen! – auch staatliche Verfolgunspraxen initiiert (Näheres erfahre ich hoffentlich im Buch von Dan Healey, das mir in etwa zwei Wochen zugehen sollte).

    Prominente Genossen, die wegen gleichgeschlechtlicher Eskapaden auffielen, wie Sergej Eisenstein in Mexiko – einem damals als sehr freizügig geltenden Land –, wurden zur Rückkehr erpresst und, als favorisiertes „Heilmittel“ (da die in einer medizinischen Sowjetenzyklopädie für die zukünftige Behandlung propagierten „Hodenverpflanzungen“ noch nicht funktionierten), in eine (Schein)Ehe gedrängt. Die „homosexuelle“ Avantgarde-Literatur, die seit 1905 entstanden war, wurde zwar nicht verboten, aber totgeschwiegen und nicht mehr rezensiert.

    Das war alles kein Paradies, glaub mir. Es war vermutlich eher sogar eine herbe Verschlechterung gegenüber dem Zustand vorher, da die Strafrechtsparagraphen, die Zar Peter der Große im Rahmen seiner Modernisierungspolitik aus Deutschland importiert hatte, vor ihrer Streichung in der Oktoberrevolution kaum angewandt worden waren. Am Hof des Zaren findest du auch prominente Beispiele für die öffentlich geduldete Praxis gleichgeschlechtlicher Liebe – und vermutlich mehr als in den Rängen der Bolschewiki.

    Mehr dazu, wenn ich das Healey-Buch gelesen habe. Im Moment kann ich mich nur auf einen Aufsatz von Simon Karlinsky aus dem Jahr 1989 beziehen, als die Staatsarchive noch nicht geöffnet waren. Der Forschungsstand (der ohnehin nicht besonders üppig ist) wird heute vermutlich etwas besser sein.

  21. Gravatar Icon 21 laylah 05. Juni 2009 um 12:09 Uhr

    lysis, wieso braucht man einen staat, um sich gegen die konterrevolution zu verteidigen? ich denke, dafür braucht man erstmal waffen.. wie man sich organisiert, wäre zu klären – aber sich dafür gerade den bürgerlichen staat zum vorbild zu nehmen, ist doch absurd.

  22. Gravatar Icon 22 truys 05. Juni 2009 um 12:49 Uhr

    @lysis: Versteh ich dich richtig, dass „wir“ hier jetzt (gezwungenermassen durch die geschichtliche Farce) die französische Revolution wiederholen sollen, um dann die Gewalt des bürgerlichen Staates gegen die Blixas und Reglis in Stellung zu bringen?

    Da mach ich lieber ne vernünftige Revolution.

    Wenn nicht:
    Glaubst du denn ernsthaft, nen Volksentscheid der Beckstein oder Ratzinger das Maul in diesen Fragen stopfen würde, hätte hier irgendeine Chance auf Erfolg?

  23. Gravatar Icon 23 www. 05. Juni 2009 um 14:14 Uhr

    Ja wenn das Volk nicht so will wie wir, dann müssen wir ihm wohl auf die Sprünge helfen. Wir dürfen dass, schließlich haben wir die richtige Gesinnung und die richtigen Bücher gelesen.

  24. Gravatar Icon 24 lysis 07. Juni 2009 um 22:45 Uhr

    www.: exakt.

  25. Gravatar Icon 25 Siggi 08. Juni 2009 um 0:05 Uhr

    „Wir dürfen dass“

    LOL. Jetzt sollen Revoluzzer schon um Erlaubnis fragen, wenn sie loslegen? Ich finde nicht, dass das eine überzeugende Gesinnung ist. Und von Büchern wie dem Revolutions-Knigge ist auch abzuraten, wenn man etwas ändern will.

  26. Gravatar Icon 26 helmut lampshade 08. Juni 2009 um 4:49 Uhr

    das ist doch echt blödsinnig den bürgerlichen staat heranzuziehen, damit der gegen die christen durchgreift. als würden die kirchen dem staat nicht einen bärendienst erweisen, indem sie für die begründung der bürgerlichen moral jeden sonntag bibelstellen heraussuchen. ob man im zuge einer proletarischen revolution „gotteshäuser entweihen“ sollte ? durchaus !

  27. Gravatar Icon 27 bigmouth 11. Juni 2009 um 10:33 Uhr

    wieso bärendienst?

  1. 1 De Regli isch en Souhund « Lysis Pingback am 04. Juni 2009 um 15:44 Uhr
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