De Regli isch en Souhund

Zürich, 1482: Ritter Richard von Hohenburg wird mit seinem Burschen Anton Mätzler aus Lindau im Beisein von 10 000 Menschen wegen der "Ketzerei", die sie aneinander begangen hätten, lebendig verbrannt.Tagesanzeiger, 28. 4. 09:

Zum Eclat kams gestern im Kantonsrat direkt vor der Kaffeepause. Landwirt Michael Welz (Oberembrach), Sprecher der religiös-konservativen EDU, baute in seiner Fraktionserklärung alle Vorurteile gegen Schwule ein. Homosexualität sei nicht gottgewollt und «mit vielen gesundheitlichen Risiken behaftet». Wenn mit der Euro-Pride 09 in den nächsten Wochen schwul-lesbische Festivitäten unterstützt würden, sei das ein Propagandafeldzug «zur Beeinflussung unserer Jugend und Gesellschaft».

Die Stadt Zürich werde fünf Wochen lang zu einer Werbeplattform für den homosexuellen Lebensstil umfunktioniert und wende sich damit «vom Segen Gottes ab», sagte Kantonsrat Welz. Völlig unverantwortlich sei deshalb, dass mit der Unterstützung durch Zürich Tourismus, der SBB und der Stadt Zürich «staatliche Sponsorengelder» in diesen verwerflichen Anlass flössen. «Gott schenke Befreiung aus der Homosexualität», rief er vor konsternierten Zuhörern in den Saal.

Tagesanzeiger, 29. 4. 09:

Nach den Verbalattacken der EDU gegen die Euro-Pride 09 schäumt der Konflikt um das bevorstehende Schwulen- und Lesbenfestival in Zürich weiter hoch. Die Familienlobby Schweiz – ein freikirchlicher Verein mit Sitz in Zürich – sieht gemäss Homepage die traditionelle Familie von «linken Meinungsmachern» unter Beschuss genommen und will «unsere Gesellschaft vor dem wachsenden Einfluss der Homo-Lobby bewahren». Seit Monaten versucht der Verein, die Euro-Pride zu torpedieren. Der Anlass von 2. Mai bis 7. Juni in Zürich werbe «unlauter für einen Lebensstil, der erwiesenermassen in grosses Unglück stürzt».

Pink Police, Amsterdam 2007

In den vergangenen Wochen haben die Sympathisanten der Familienlobby ihren Widerstand intensiviert. Mit wachsender Kadenz haben sie Partner und Sponsoren der Euro-Pride mit Protestbriefen eingedeckt. Schweiz Tourismus etwa hat gemäss eigenen Angaben mehrere Hundert Schreiben in vorgefertigter Kartenform erhalten, Zürich Tourismus einige Dutzend.

Auch die Organisatoren der Euro-Pride haben Post gekriegt. Der Inhalt einiger dieser Schreiben sei «massiv diskriminierend und ehrverletzend», schreiben die Organisatoren in einer E-Mail, die dem TA vorliegt. «Von strafrechtlicher Relevanz» sei namentlich das Verhalten von Daniel Regli, dem Präsidenten der Familienlobby. Aus diesem Grund haben die Euro-Pride-Veranstalter gestern Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat eingereicht: gegen Regli sowie gegen unbekannt. Worauf genau der Verein Euro-Pride seine Anzeige stützt, will er erst heute Mittwoch bekannt geben, wie Sprecher Michael Rüegg auf Anfrage sagt. «Wir wollen nicht mehr weiter still hinnehmen, dass gewisse Leute ihre Ressentiments gegen uns ohne rechtliche Konsequenzen verbreiten dürfen.»

Der TA hat Auszüge aus den Schreiben gesehen. Darin werden Homosexuelle als «schwule Arschlöcher» betitelt; weiter heisst es, Homosexualität sei gegen Gottes Wille, «eine abnormale, perverse Art, eine Beziehung zu führen», eine menschheitszerstörende Sünde. Über einem Zeitungsartikel, der von einer Zunahme von HIV-infizierten Homosexuellen berichtet, steht in grossen Lettern: «Bravo!»

Terminhinweis:

Und auch ich werde im Rahmen der off_pride da sein: ;)

  • Vortrag und Diskussion: „Homophober Moslem, toleranter Westen? Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt“ – So, 7. Juni ’09, 11:00 Uhr, Les Complices, Anwandstr. 9, Zürich.

4 Antworten auf „De Regli isch en Souhund“


  1. Gravatar Icon 1 zürcher 04. Juni 2009 um 16:53 Uhr

    Die Familienlobby sollte in der Hinsicht nicht überbewertet werden. Die sind trotz ihres hochtrabenden Namens sehr, sehr unbedeutend aber geben halt eine gute Story für die Medien ab. Das heisst natürlich nicht, dass es in der schweizer Gesellschaft nicht haufenweise homophobe Tendenzen gibt aber organisiert sind die in der Regel nicht.

    Ein paar Faschos haben sich für Samstag ebenfalls angekündigt aber in Zürich hat der Revolutionäre Aufbau eine recht schlagkräftige Antifa und die Jungs und Mädels von der Pride wissen sich wohl auch zu wehren ;) Ausserdem sollte auch diese Ankündigung nicht überbewertet werden, in der Regel kriegen die Faschos in der Schweiz kaum was zu Stande und in Zürich erst recht nicht.

    Gruss aus Zürich

  2. Gravatar Icon 2 lysis 04. Juni 2009 um 18:02 Uhr

    Naja, ist ja auch eher boulevardesk, was ich hier mache, wenngleich in anderen Staaten (man denke nur an Osteuropa nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus) diese Art religiöser Hetze viel weniger harmlos und teilweise sogar politisch hegemoniefähig ist.

    Das Konzept „Familienlobby“ und die mit ihm verbundene Weise, seine Homophobie, ähnlich den Kreationisten, pseudowissenschaftlich zu fundieren, ist übrigens ein direkter Import der Strategien evangelikaler Gruppen aus den USA.

    Siehe z.B. hier:

    The Daily Show With Jon Stewart M – Th 11p / 10c
    Fruit Juice
    thedailyshow.com
    Daily Show
    Full Episodes
    Political Humor Economic Crisis

    Das ist als gesellschaftliche Groteske natürlich auch immer irgendwie ein Lacher! ;)

  3. Gravatar Icon 3 Entdinglichung 04. Juni 2009 um 18:28 Uhr

    „religiös-konservativ“ als Charakterisierung für die EDU ist eher noch eine Untertreibung und impliziert, dass der Haufen irgendwie mit CDU-Katholen oder -Evangelen gleichzusetzen sei … immerhin war eine der Hauptkomponente bei der Entstehung des Ladens eine Abspaltung der „Nationalen Aktion für Volk und Heimat“, der ersten seit den „Fronten“ der 1930er Jahre auf Wahlebene erfolgreichen faschistischen Partei der Schweiz … ansonsten ist noch wichtig, dass derartige nationalreligiös-fundamentalistischen Tendenzen kein US-Import sondern Eigengewächse mit langer Tradition aus dem schweizerischen bible belt (v.a. Teile des Berner Oberlandes) sind

  4. Gravatar Icon 4 lysis 04. Juni 2009 um 20:10 Uhr

    Ich sag ja nicht, dass die Strömung selbst ein Import ist, aber die spezifische Argumentationsweise gegenüber Homosexuellen („riskanter Lebensstil“, „Homo-Lobby“ usw.) schon. Anders fiele es mir schwer zu erklären, dass mir das Ganze so wahnsinnig bekannt vorkommt!

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