Wider den antirevolutionären Verbalradikalismus – ein Blogsport-Battle mit Wendy

Wer weiß, was Wendy, unserer sagenhaften Bahamas-GSP-Schimäre, jetzt schon wieder über die Leber gelaufen ist. Erst beschimpft er den linken iranischen Schriftsteller Ali Schirasi auf meta.blogsport als „alten Hetzer“1 (obwohl der alles andere als ein Kumpan von Kriegstreibern und Rassisten ist, wie z.B. der von der Jungle World hofierte „Sprecher“ der imaginären Grünen-Partei des Iran, Kazem Moussavi). Und nun lässt er sich nicht lumpen, noch die revoltierenden persischen Massen, die im Kampf gegen das Mullah-Regime ihr Leben aufs Spiel setzen, als „Aufstandsbewegung von enttäuschten Islamisten“ zu denunzieren. Dafür reicht ihm allein die folgende Feststellung:

Die [iranische] Opposition, die dem deutschen Linken so schöne Wichsvorlagen liefert, begehrt nicht gegen Wahlen und Herrschaft, sondern gegen das schlechte Abschneiden ihres Kandidaten auf.

Dass noch fast jede Revolution mit Forderungen begann, die das System scheinbar nicht in Frage stellten, sondern sich in den approbierten herrschaftlichen Bahnen bewegten, ist Wendy offenbar ein Fremdwort. Dabei liefert Russland dafür das beste Beispiel: der sozialistischen Oktoberrevolution ging mit einiger Notwendigkeit die demokratische Februarrevolution voraus, die wiederum auf der russischen Revolution von 1905 aufsattelte, in welcher tatsächlich so „radikale“ Dinge wie eine konstitutionelle Monarchie gefordert wurden! Slavoj Žižek erklärt, was Wendy offenbar nicht verstehen kann oder will:

Die fundamentale Lehre des revolutionären Materialismus lautet, daß die Revolution aus Gründen, die ihrem eigenen Wesen innewohnen, immer zweimal zuschlagen muß. Die Kluft ist nicht einfach die Kluft zwischen Form und Inhalt. Die „erste Revolution“ verfehlt nicht den Inhalt, sondern die Form selbst, sie bleibt in der alten Form gefangen, indem sie meint, Freiheit und Gerechtigkeit ließen sich dadurch erreichen, daß wir uns einfach nur des bereits existierendenden Staatsapparats und seiner demokratischen Mechanismen bedienen müssen. […] Es ist dies eine perfekte Parallele zur frühen Neuzeit, als sich die Opposition gegenüber der ideologischen Vorherrschaft der Kirche ausgerechnet in Form einer anderen religiösen Ideologie als Häresie artikulierte. Auf dieselbe Weise wollten die Anhänger der „ersten Revolution“ die kapitalistische Vorherrschaft ausgerechnet in der politischen Form der kapitalistischen Demokratie unterwandern. Dies ist die Hegelsche „Negation der Negation“: Zuerst wird die alte Ordnung innerhalb ihrer eigenen ideologisch-politischen Form negiert, und dann muss diese Form selbst negiert werden. Die Schwankenden, diejenigen, die sich davor fürchten, diesen zweiten Schritt zu tun, sind diejenigen, die (um Robespierre zu zitieren) eine „Revolution ohne Revolution“ wollen – und Lenin entfaltet die ganze Stärke seiner „Hermeneutik des Verdachts“, wenn er die unterschiedlichen Formen dieses Rückzugs beim Namen nennt.2

Entsprechend ist Wendy auch unfähig, die Französische Revolution als solche zu begreifen. Er schreibt:

Der Wechsel von Monarchie zur, beaufsichtigten, Demokratie verdient hier wahrscheinlich den Namen „Revolution“ ebenso wie die anderen Scheiß-Veranstaltungen, die unter diesem Label firmieren, unter anderem also Frankreich 1789, Deutschland 1848, etc.

Würde sich Wendy mit Geschichte mal wirklich befassen, statt sie bloß unter ihren Resultaten abzuheften, wüsste er, dass antiklerikale und sozialrevolutionäre Gruppen, die das Christentum verbieten, eine geplante Ökonomie einführen und sogar das Privateigentum an Grund und Boden abschaffen wollten, in der Französischen Revolution eine nicht gerade unbedeutende Rolle spielten. Den Jakobinern erschienen sie immerhin als so bedrohlich, dass sie aus Angst vor dem Vorwurf der „Mäßigung“, der zuvor schon den Girondisten den Kopf gekostet hatte, schließlich zum präventiven Massenmord an den „ultrarevolutionären“ Fraktionen der Hébertisten und Enragés übergingen. Erst dadurch wurden Religionsfreiheit und die Garantie des Privateigentums zu dem, was am Ende dieser Revolution heraussprang – und die ganze Scheiße wahrscheinlich gar nicht wert gewesen wäre. Aber Wendy kann es ja nicht lassen, soziale Aufstände entweder (wie im Iran) von ihrem bloßen Ausgangs- oder (wie in Frankreich) von ihrem bürgerlich-affirmativen Endpunkt zu beurteilen, weshalb er den Exzess der Möglichkeiten, der sich in der Kluft dazwischen abspielt, überhaupt nicht erst zur Kenntnis nimmt. Ginge es nach ihm, wäre die russische Revolution wahrscheinlich schon 1905 einfach abgesagt worden – als „Aufstandsbewegung enttäuschter Monarchisten“.

  1. Dieser geschmacklose Kommentar wurde umgehend gelöscht, was Wendy, wie eh und je, als schlimmen Eingriff in seine „Meinungsfreiheit“ wertet! [zurück]
  2. Slavoj Žižek, Die Revolution steht bevor : Dreizehn Versuche über Lenin (Ffm., 2002), 11 f. [zurück]

138 Antworten auf „Wider den antirevolutionären Verbalradikalismus – ein Blogsport-Battle mit Wendy“


  1. Gravatar Icon 1 kackbratze 17. Juni 2009 um 13:23 Uhr

    Das haben die Kommunisten wahrscheinlich vor 30 Jahren im Iran auch gedacht. Wahrscheinlich auch die Mullahs die sie vorsorglich gleich liquidiert hatten, bevor es soweit kommen konnte.

    Hier ist doch realistischerweise eher zu erwarten, sollte es tatsächlich zu einer Demokratisierung kommen, dass es bei Enttäuschung der Massen wieder zu einem islamistischen backlash, wie in den Nachbarstaaten kommt. Sollte die Demokratie sich überraschenderweise halten, dann wird sie auch nicht mehr von irgendwelchen Linken ernsthaft in Frage gestellt. Kommunismus ist dort überhaupt kein Thema. Man kann sich das gern anschauen, aber versprechen sollte man sich davon nichts.

  2. Gravatar Icon 2 lysis 17. Juni 2009 um 13:40 Uhr

    Sorry, aber du bist ein Dummkopf. Den Aufstand hedonistischer Jugendlicher gegen die Beschränkung ihrer Freiheit durch einen autoritär-islamistischen Gottesstaat – ein Aufstand, der sich vorerst noch in den immanenten Bahnen eines Protests gegen Wahlmanipulation äußert – mit dem Bündnis zu vergleichen, das die sowjettreue kommunistische Tudeh-Partei 1979 mit den Islamisten eingegangen ist, das ist einfach nur absurd.

    Im Übrigen ist der größte Teil der iranischen Wirtschaft bereits verstaatlicht, so dass ich mich auch wundern würde, wenn das die Hauptforderung des Protests wäre.

  3. Gravatar Icon 3 kackbratze 17. Juni 2009 um 13:57 Uhr

    Soso, aber du bist dir nicht zu schade den Aufstand hedonistischer Jugendlicher mit den Revolutionen in Frankreich und Russland zu vergleichen. Da bin ich mit einem Studentenstreiks aber näher dran.

    Im Übrigen ist der größte Teil der iranischen Wirtschaft bereits verstaatlicht, so dass ich mich auch wundern würde, wenn das die Hauptforderung des Protests wäre.

    Genau, wird wohl eher auf das Gegenteil hinaus laufen:
    http://atimes.com/atimes/Middle_East/KF18Ak01.html

  4. Gravatar Icon 4 lysis 17. Juni 2009 um 14:09 Uhr

    Ach bitte, als ob’s da jetzt um Ökonomie ginge! Die ganze Spannbreite von neoliberalen Privatisierern bis zu sozialistischen Planwirtschaftlern findest du auch innerhalb des Mullah-Regimes selbst. Dafür bräuchte es keine Revolution. Das unterscheidet ja nicht mal „Reformer“ von „Konservativen“.

  5. Gravatar Icon 5 kackbratze 17. Juni 2009 um 14:15 Uhr

    Die korrupte Riege neoliberaler Privatisierer ist aber bisher nicht zum Zuge gekommen und hatte auf Mussavi gesetzt. Was glaubst du denn, wer den Wahlkampf finanziert hat?

  6. Gravatar Icon 6 lysis 17. Juni 2009 um 14:21 Uhr

    Klar, die revoltierenden Massen kämpfen eigentlich für die Privatisierung der Wirtschaft und die Deregulierung der Märkte! So wird’s sein.

  7. Gravatar Icon 7 l 17. Juni 2009 um 14:24 Uhr

    Sollte die Demokratie sich überraschenderweise halten, dann wird sie auch nicht mehr von irgendwelchen Linken ernsthaft in Frage gestellt.

    aber jetzt schon?

    nein:

    Kommunismus ist dort überhaupt kein Thema.

    keine frage: die blogsport-helden würden ein zweites mal auf die sozialfaschismus-these setzen.

  8. Gravatar Icon 8 kackbratze 17. Juni 2009 um 14:32 Uhr

    Klar, wenn Politik im Spiel ist, gehts nur um solche Sachen, wie ob man sich schminken darf oder nicht oder auch mal ein kritisches Buch verlegen kann. Sowas wie, dass man sich von der Orientierung am Westen auch privat ökonomische Vorteile verspricht, sowas wirds natürlich nicht sein.

  9. Gravatar Icon 9 Entdinglichung 17. Juni 2009 um 14:39 Uhr

    was mir bei dem ganzen „ultralinken“ (sorry, echte Ultralinke wie die IKS sind da sogar solidarischer) Gedisse der derzeitigen Bewegung im Iran auffält, ist, dass die Argumentation dieser Herrschaften [sic!] von keinerlei Sachkenntnis der realen Zustände im Iran getrübt ist sondern eher aus einer Mischung abstrakter Weisheiten mit ein wenig Zeitungslektüre besteht … und was in iranischen Knästen abgeht oder unter was für Zuständen Frauen im heutigen Iran leben müssen scheint jenen Gestalten ohnehin egal zu sein

  10. Gravatar Icon 10 kackbratze 17. Juni 2009 um 14:59 Uhr

    Deswegen soll ich mit Hinz und Kunz solidarisch sein, obwohl nicht mal klar ist, dass die sich in der Mehrheit überhaupt für Frauenrechte und Knäste (solange sie selbst betroffen sind, na klar, und danach?) interessieren? Außerdem hängt von meiner Solidarität sowieso nichts ab. Da kann ich es mir auch auf dem Beobachterposten bequem machen, und erstmal abwarten, analysisieren und mich über den Hühnerhaufen der linken Szene lustig machen, der wieder ein neues Identifikationsobjekt gefunden hat, in das je nach eigener Einstellung die gewünschten Vorstellungen von einer iranischen Opposition rein projeziert wird.

  11. Gravatar Icon 11 MPunkt 17. Juni 2009 um 15:02 Uhr

    Dieser Konter geht an Wendys Kritik doch echt mal vorbei. Die kritisiert halt den Willen, welchen die jetzt demonstrierende iranische Opposition vorträgt: den von ihr gewählten Islamisten als Herrschaftsfigur über sich zu haben. Dagegen sagst Du, dass die Revolte sich ja anders entwickeln könnte, wenn sich die Protestierenden einen anderen Willen zulegen würden. Ja, wenn deren Willen anders wäre, würde Wendys Kritik an dem jetzigen Willen den nicht treffen. Ist er aber nicht. Weshalb Du auch nix weiter zu sagen hast, als Wendy die Nichtberücksichtigung Deiner Hoffnung auf einen imaginären anderen Willen, den sich die Protestierenden zulegen könnten, vorzuwerfen.

  12. Gravatar Icon 12 MPunkt 17. Juni 2009 um 15:06 Uhr

    Nachtrag: es gibt doch keinen Automatismus, dass sich der Wille durch Teilnahme an Protesten oder meinetwegen auch Revolten ändert. Sondern das ist immer eine Entscheidung der Leute. Weswegen auch der Verweis auf die Geschichte nix taugt. Denn dass sich genügend Leute in Russland damals entschieden haben, eben nicht mehr eine konstitutionelle Monarchie, sondern Sozialismus als Vorstufe zum Kommunismus zu wollen, ist eben gar kein Argument dafür, dass sich auch die Leute im Iran so umentscheiden werden. Und falls sie sich umentscheiden, kann man die Kritik an denen dann ja immer noch bleiben lassen und sie unterstützen. Wie Wendy auch explizit schreibt.

  13. Gravatar Icon 13 l 17. Juni 2009 um 15:15 Uhr

    Sondern das ist immer eine Entscheidung der Leute.

    echt?

  14. Gravatar Icon 14 tee 17. Juni 2009 um 15:45 Uhr

    Wer weiß, was Wendy, unserer sagenhaften Bahamas-GSP-Schimäre, jetzt schon wieder über die Leber gelaufen ist.

    das übliche verlangen nach klicks?

    disclaimer: nein, wendy ist natürlich trotzdem keine „link- und klicknutte“.

  15. Gravatar Icon 15 negative potential 17. Juni 2009 um 16:05 Uhr

    in wackrer Mann bildete sich einmal ein, die Menschen ertränken nur im Wasser, weil sie vom Gedanken der Schwere besessen wären. Schlügen sie sich diese Vorstellung aus dem Kopfe, etwa indem sie dieselbe für eine abergläubige, für eine religiöse Vorstellung erklärten, so seien sie über alle Wassersgefahr erhaben. Sein Leben lang bekämpfte er die Illusion der Schwere, von deren schädlichen Folgen jede Statistik ihm neue und zahlreiche Beweise lieferte. Der wackre Mann war der Typus der neuen deutschen revolutionären Philosophen.

  16. Gravatar Icon 16 negative potential 17. Juni 2009 um 16:12 Uhr

    what Marx said was: We’re not talking about going door-to-door and making workers into ideal socialists. You’ve got to take workers as they are, with all their contradictions, with all their nonsense. But the fact that society forces them to struggle begins to transform the working class. If white workers realize they can’t organize steel unless they organize black workers, that doesn’t mean they’re not racist. It means that they have to deal with their own reality, and that transforms them. Who were the workers who made the Russian Revolution? Sexists, nationalists, half of them illiterate. Who were the workers in Polish Solidarity? Anti-Semitic, whatever. That kind of struggle begins to transform people.

    - Martin Glaberman, „Worker’s Reality“ http://www.marxists.org/archive/glaberman/1997/xx/workersreality.htm

  17. Gravatar Icon 17 im*moment*vorbei 17. Juni 2009 um 17:34 Uhr

    mich hat kackbratze überzeugt:
    „Hier ist doch realistischerweise eher zu erwarten, sollte es tatsächlich zu einer Demokratisierung kommen, dass es bei Enttäuschung der Massen wieder zu einem islamistischen backlash, wie in den Nachbarstaaten kommt. Sollte die Demokratie sich überraschenderweise halten, dann wird sie auch nicht mehr von irgendwelchen Linken ernsthaft in Frage gestellt. Kommunismus ist dort überhaupt kein Thema.“
    die da unten, diese wüstenmenschen, bei denen wird das nichts mehr mit dem kommunismus. nun müssen wir nur noch überlegen, was wir machen, wenn wir hier kommunismus haben. bauen wir ne mauer zu denen oder rotten wir sie einfach aus? andere vorschläge?

  18. Gravatar Icon 18 Tioum 17. Juni 2009 um 17:38 Uhr

    NP: Deine Grundsatzkritik am Idealismus des GSP in Ehren, aber magst du wirklich das ständige Spiegelbild von MPunkt darstellen und dir dabei Finger und Nerven abnutzen?

    Lysis: Hier findest sich ein Beitrag zur kritischen Hinterfragung der Rolle Moussavi durch „enttäuschte Islamisten“ und „Demokratieidealisten“ (Vielleicht weiss sich Wendy dann mal zu entscheiden, als welche homogene Gruppe er die momentanen Protestler kategorisieren will).

    http://shooresh1917.blogspot.com/2009/05/students-grill-moussavi-about-1988.html

  19. Gravatar Icon 19 Neo-Ultramontanist 17. Juni 2009 um 17:56 Uhr

    „You’ve got to take workers as they are, with all their contradictions, with all their nonsense.“

    - klingt nach ner Stelle in Lenins „Staat und Revolution“.

    negative potential = posttrotzkistischer Sozialarbeiter! :o

  20. Gravatar Icon 20 Besserscheitern 17. Juni 2009 um 18:02 Uhr

    Wendy kann nicht verstehen, was Slavoj Žižek erklärt, weil er den, wenn er konsequent ist, als bürgerlichen Theoretiker abtun muss(is ja schließlich Prof an ner Uni). Wat anderes als dat Heftchen aus München kommt ja offenbar nich aufn Tisch.

  21. Gravatar Icon 21 UraltMG'ler 17. Juni 2009 um 18:23 Uhr

    Ach, M-Punkt, alter Willensmetaphysiker und Schopenhauer-Marxist! Auch der Aufklärungsidealismus der MG/des GSP hat ja seine handfesten – und sehr verständlichen – Wurzeln: Gegen die hastig-gierige Aneignung marxscher Theorie, gegen das Kurzschließen von Parteiaufbau und den flüchtigen Erscheinungen wilder Streiks in der BRD zu Beginn der 70er Jahre war ein Teil der Roten Zellen München so realitätsbewusst, sich auf eine lange Auseinandersetzung mit dem Klassenfeind einzustellen. Darüber musste Klarheit gewonnen werden, also gründete sich ein Arbeitskreis, der Resultate wissenschaftlicher Kritik vorlegen sollte. Et voila! Dass jede kommunistische Intervention in Massenbewegungen und Arbeitskämpfen wissenschaftlich fundiert sein muss ist das eine, das andere, und das ist der falsche Übergang, ist die Vorstellung, dass der Arbeiter nur »das Argument« sich einleuchten zu lassen bräuchte, und schon macht er, mit dem richtigen Willen beseelt, die Revolution.
    Lieber M-Punkt, ich habe eine beunruhigende Mitteilung: Es gab schon vor der Münchner AK-Fraktion Kommunisten! Und zwar Kommunisten, die an wissenschaftlicher Kritik interessiert waren und sich die Kämpfe ihrer Zeit genau angeschaut haben und die – was für ein Skandal! – auch die Geschichte herangezogen haben, nicht weil sich Geschichte wiederholt bzw. so gleichförmig wie ein Fußballspiel abläuft. Sondern weil man sich an geschichtlichen Vorgängen etwas verdeutlichen kann. Achtung, jetzt bitte nicht weiterlesen: Das nennt man »Historischer Materialismus« und soll von Marx und Engels höchstselbst betrieben worden sein!
    Dass Revolutionen nicht vom Himmel fallen und sich Kämpfe natürlich vorerst an und in den Spielräumen orientieren, die ihnen die Herrschenden bieten, mein Gott – wie banal. Die in Russland haben 1905 Ikonenbilder vor sich hergetragen und waren ganz fest der Meinung, der Zar würde sich angesichts ihres Elends sofort auf ihre Seite stellen. Und, nein, es gab keinen Petersburger Decker, der am Straßenrand stand und ihnen die Argumente einleuchtete. Das besorgten die Schüsse der Zarengarde.
    Revolutionen sind immanente Kritik in Praxis vollzogen. Wenn ein Regime noch nicht mal eine Demo für seine eigenen Ideale aushalten kann, dann sagt das einiges über das Regime aus. Und genau das ist die Chance für einen revolutionären Lernprozess bzw. einen Umschlag. Die alten Kommunisten hat niemals interessiert, Reformerfolg um Reformerfolg zu addieren, bis die schiere Masse der erfolgreichen Reformen den Kapitalismus in den Sozialismus umwuchten wird. Sondern es ging um Angriff und die Konzentration der Kräfte: Was sind eigentlich die Grenzen des Regimes? Wenn sie, wie in Russland 1905 und wie jetzt im Iran 2009, sehr eng gezogen werden, dann ist das doch ein erster Hinweis, wie fragil das System de facto ist, welche Widersprüche es auszubalancieren gezwungen ist.
    Der Vorwurf, die städtischen Massen Irans würden ja nur eine alternative Form der islamistisch-kapitalistischen Beherrschung verlangen, ist albern. Was sollen sie denn sonst verlangen? Den Einmarsch Barack Obamas auf einem weißen Ross? Ein Teach-in Freerk Huiskens, warum Koran-Schulen dumm machen? Ah, natürlich, sie sollen streiken, sich auf einen ökonomisch-proletarischen Egoismus konzentrieren. Das tun sie übrigens auch, man hört aus dem Iran immer wieder von teils heftigen, kompromisslosen Arbeitskämpfen, die regelmäßig mit der Verhaftung der Rädelsführer enden. Die Streiks bleiben bislang isoliert. Den Moment der Verallgemeinerung der Wut und der Frustration hat ihnen mit den Wahlen das Regime geliefert. Diesen nutzen sie jetzt aus. Es gibt dabei überhaupt keinen Automatismus. Gäbe es einen Automatismus, es bräuchte nicht nur keine Kommunisten – es hätte sie vermutlich nie gegeben. Das Automatismus-Argument ist doch der Popanz aller MGler. Nenn doch mal einen der Alten, der Automatist gewesen ist! Oder meinst Du Materialist? Wie Lenin schon sagte: »Wenn der Objektivist die Notwendigkeit einer gegebenen Reihe von Tatsachen nachweist, so läuft er stets Gefahr, auf den Standpunkt eines Apologeten dieser Tatsachen zu geraten. Der Objektivist spricht von „unüberwindbaren geschichtlichen Tendenzen“; der Materialist spricht von der Klasse, die die gegebene Wirtschaftsordnung „dirigiert“ und dabei in dieser oder jener Form Gegenwirkungen der anderen Klasse hervorruft.« (aus: Der ökonomische Inhalt der Volkstümlerrichtung)
    Aber wir können ja einen Faden eröffnen, um den Automatismus des GSP zu diskutieren – von wegen: Es bräuchte nur genügend Agitatoren zum Einleuchten, dann wird das vielleicht noch mal was …

  22. Gravatar Icon 22 Hosenstrumpf 17. Juni 2009 um 18:46 Uhr

    MPunkt rettet den Nachwuchs, der doch gar kein Nachwuchs sein will. Schon irre komisch…

    Btw: Lysis, es sind zwei verschiedene Sachen einen Gegenstand zu analysieren und in einen Kampf zu intervenieren. Aber eben mit der Analyse. Bei dir hört sich das dann aber doch so an, als wenn du da eine Ehrenrettung machen willst. Genauso wurden damals die Kader aller kommunistischen Gruppen und Grüppchen in ein vermeintliches Bündnis mit den Islamisten getrieben und was sie davon hatten, das wissen wir heute ja.

  23. Gravatar Icon 23 lysis 17. Juni 2009 um 20:30 Uhr

    Als ob ich in den Aufstand intervenieren könnte!

  24. Gravatar Icon 24 nur so 17. Juni 2009 um 21:34 Uhr

    @UraltMG‘ler

    „… die Vorstellung, dass der Arbeiter nur »das Argument« sich einleuchten zu lassen bräuchte, und schon macht er, mit dem richtigen Willen beseelt, die Revolution.“

    Den richtigen Willen braucht’s eben schon. Den Kommunismus muss man schon wollen. Der kommt nicht von alleine. Von alleine kommt bloß die ganze Scheiße, die entsteht sozusagen naturwüchsig. Um die Revolution zu machen muss man sich schon paar Sachen klarmachen und die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Insofern bist eher du ein Anhänger des Automatismus, wenn du glaubst, dass ein paar schlechte Erfahrungen („Schüsse der Zarengarde“) das Ganze unmittelbar richten. Es gab in Russland zwar keinen „Decker, der am Straßenrand stand und ihnen die Argumente einleuchtete“, aber eine bolschewistische Partei, die nach der Maxime handelte, dass sich das sozialistische Bewusstsein nicht von selbst bildet, und ihre Leute geschult hat, die gab’s schon.

  25. Gravatar Icon 25 lysis 17. Juni 2009 um 22:04 Uhr

    Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern, von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist. (Z. B. bei Robert Owen.)

    Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.

    — Karl Marx, „Thesen über Feuerbach

    Frag dich doch mal, ob die Umwälzung der Gesellschaft durch den Bolschewismus nicht gerade deshalb so einen beschissenen Verlauf genommen hat, weil die Revolution schon recht bald in eine Erziehungsdiktatur durch eine selbsterklärte Avantgarde-Partei umschlug. Da kann man nur hoffen, dass diese Erfahrung den Iraner_innen erspart bleibt …

  26. Gravatar Icon 26 UraltMG\'ler 17. Juni 2009 um 23:09 Uhr

    @nur so
    Richtig, an den Schüssen allein liegt’s nicht. Bzw. Schüsse sind ja dazu, Bewusstsein zu töten, weil Kugeln mit Schüssen abgegeben werden, und die durchschlagen Körper, und dann ist man tot.
    Mensch, ist doch klar, dass die Leute damals in Petersburg ein bisschen was an Willen und Bewusstsein mitgebracht hatten, die sind ja nicht durch Zufall erschossen worden, sondern auf einer Demonstration. Die Schüsse vermitteln kein sozialistisches Bewusstsein, sondern sie zeigen die Grenzen des Regimes auf. Und wenn das Regime schon bei so verhältnismäßig bescheidenen Anlässen sich bedroht sieht und brutal zurückschlägt, dann kann man schon auf den Gedanken kommen, dass da was Grundsätzliches schief geht.

    Zu dieser legendären Partei, „die nach der Maxime handelte, dass sich das sozialistische Bewusstsein nicht von selbst bildet, und ihre Leute geschult hat“: Vielleicht doch mal in die Geschichte gucken? Oh, wir müssen gar nicht von Stalin reden, auch nicht von Kronstadt. Es gibt da z.B. ein bienenfleißig zusammengestelltes Buch von Koenker/Rosenberg „Strike and Revolution in Russia, 1917″ (Princeton University Press, 1989). Da kann man wunderbar nachlesen, dass die „geniale“ Initiative Lenins, im Oktober JETZT UND SOFORT zuzuschlagen, nicht vom Himmel fiel resp. nicht aus der Überlegenheit des Arguments geboren wurde: Es gab das ganze Jahr 1917 über eine Reihe von heftigen, autonom geführten Streiks in allen großen Städten Russlands – häufig ohne Beteiligung bolschewistischer Kader, teilweise sogar gegen den Willen der Bolschewisten, die zeitweise mit einem waffenstillstandsartigen Ausgleich mit der bürgerlichen Regierung liebäugelten und denen deshalb der ein oder andere militante Streik gar nicht gelegen kam. Es haben damals Leute gestreikt, von denen die Bolschewisten gar nicht vermuteten, dass sie zu Arbeitskämpfen in der Lage waren. Z.B. weibliche Wäschereiangestellte in Petersburg.
    Lenin hätte niemals seinen Putsch, für den, wer will das leugnen?, zu diesem Zeitpunkt eine Menge sprach, dieser schon prozessierenden Revolution draufsatteln können, wenn er nicht um diese sich verbreiternde Arbeitermilitanz gewusst hätte. Und er hätte niemals diesen Erfolg gehabt, wenn seine Partei nicht doch sich die Forderungen der Arbeiter zu eigen gemacht hätte. Also umgekehrt: Arbeiter lernen nicht von Partei, Partei lernt von Arbeitern.
    So, und jetzt mal wieder zu was Wichtigerem. Iran und so.

  27. Gravatar Icon 27 UraltMG\'ler 17. Juni 2009 um 23:27 Uhr

    Ach, und noch was:

    „Der Charakter dieser Revision des wissenschaftlichen Sozialismus wird deutlich, wenn man beachtet, daß der Weg zum revolutionären Subjekt, wie ihn die AK-Fraktion München [d.i. der spätere MG-Kern] der Arbeiterklasse vorschreibt, eigentlich nichts anderes ist als die Projektion des Weges des bürgerlichen Intellektuellen zum Sozialisten: sich zum theoretischen Verständnis der ganzen Bewegung heraufzuarbeiten. Erstaunlich ist diese charakterisierende Art von Revision nicht, zeigt sie als Intellektuellen-Revision doch gerade, wie sehr das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein derer prägt, die vermeinen, wenn sie sich auf den Kopf stellen, wäre auch der Marx/Engels’sche Satz umgestülpt.“
    (aus: Gruppe Rheinische Zeitung, „Akademischer Kommunismus. Die Politik des AK München“, Rheinische Zeitung Nr. 4/5, Bonn 1976, S.30)
    ’nuff said.

    PS.: 1976?! — „In politics some things never change.“ (Frank Zappa)

  28. Gravatar Icon 28 kenner 17. Juni 2009 um 23:34 Uhr

    Mein Gott, die „Kritik“, die diese verbalradikalen Nachwuchsrevolutionäre spätestens nach der Lektüre des Ersten Bandes (oder wahlweise wenigstens der Ums-Ganze-Broschüre) in jedem zweiten Blogeintrag (also genau der Hälfte in der es nicht um langweiligen Lifestyle-Quatsch geht) gegen alles und jeden und immer gleich abspulen, ist doch einfach nur derbe langweilig und lässt sich auch in einem Satz ausdrücken: Egal ob Iran, Sozialproteste, Montagsdemos, Bildungsstreik, EZLN oder sonstwas – da geht es ja, so stellen sie empört fest, gar nicht sofort um den Umsturz eines in Marxschen Kategorien verstandenen Kapitalismus und die weltweite Errichtung des „Kommunismus“! Von dem hat man zwar auch keine Ahnung, wie der aussehen soll, aber das muss man auch nicht, für die ProtagonistInnen der Ums Ganze-Linie gibt es dafür den KT-Quatsch einer in der bürgerlichen Subjektstruktur prinzipiell angelegten Erkenntnisbarriere und diejenigen, die eher zur MG tendieren, erzählen dann halt, eine „schonungslose Kritik des Ladens“ reiche doch eigentlich aus. Dieser Blödsinn reicht dann schon aus, sich über sowas wie Transformationsstrategien keinen Kopf mehr machen zu müssen und sich mit seiner mein-erster-Lesekreis-Erkenntnis auch noch als besonders radikal zu inszenieren. Bewundernswert auf jeden Fall, dass du, lysis, Lust hast, dich immer wieder mit diesen ganzen Deppen auseinanderzusetzen…

  29. Gravatar Icon 29 negative potential 17. Juni 2009 um 23:37 Uhr

    UraltMG‘ler = My Hero!

    @};-@};-@};-@};-@};-

  30. Gravatar Icon 30 lysis 17. Juni 2009 um 23:54 Uhr

    Naja, die Erhebung über Deppen nehm ich nicht für mich in Anspruch. Dazu bin ich selber viel zu sehr ein Depp. :">

  31. Gravatar Icon 31 negative potential 18. Juni 2009 um 0:03 Uhr

    Naja, die Erhebung über Deppen nehm ich nicht für mich in Anspruch. Dazu bin ich selber viel zu sehr ein Depp.

    vgl. http://lysis.blogsport.de/2009/06/11/mono-fuer-alle-vor-buhenden-exantideutschen/

  32. Gravatar Icon 32 lysis 18. Juni 2009 um 0:35 Uhr

    das musste ja jetzt kommen …

  33. Gravatar Icon 33 lysis 18. Juni 2009 um 1:01 Uhr

    negative potential: da du in meiner kritik-selbstkritik-session den ersten stein wirfst und dich daher offenbar für frei von sünde hältst, kann ich es mir meinerseits nicht ganz nehmen lassen, dich noch einmal hart zu kritisieren für die übersetzung und verbreitung des robert-kurz-textes zu gaza. „die ganze welt flennt, wenn amerika brennt.“ aber wenn palästina brennt, ist man sich offenbar nicht zu fein, solidaritätsadressen an die brandstifter zu veröffentlichen – und, was noch übler ist, sämtliche kritiker dieses als „krieg“ euphemisierten massakers an einer wehrlosen bevölkerung (wie z.b. human rights watch und amnesty international) als „antisemiten“ zu verunglimpfen!

  34. Gravatar Icon 34 kackbratze 18. Juni 2009 um 5:57 Uhr

    Ihr glaubt allen Ernstes, dass da in Iran am Ende die Revo steht? Ihr habt sie doch nicht mehr alle!

    In der Ukraine, in Georgien und in Kirgiesen, überall leben die Leute jetzt im Kommunismus oder auch nur annähernd irgendwas, was in die Richtung geht, alles klar.

    Wie ich schon bei wendy geschrieben hat, mir geht außerdem die Heuchelei aufn Senkel. Für Oxaca hat sich von der ganzen blogsport-Idioten keine Sau interessiert, und wenn dann nur als es Volksbewegung zu dissen. Warum jetzt hier ein Reibach gemacht wird, ist bei den einen, weil es um Israel geht, den gehts nicht ernsthaft um linke Umwälzungen, wenn da Menschenrechtler rankommen, könnten die ja auch auf die Idee kommen, dass das in Israel damit nicht immer so genau genommen wird, und auf der anderen Seite zottelt man wie der Rest der Deutschen den Massenmedien hinterher, denen es mit Sicherheit ebenfalls nicht um kommunistische Umwälzungen geht. Wie kann man nur so dämlich naiv sein?!

  35. Gravatar Icon 35 lysis 18. Juni 2009 um 6:54 Uhr

    äh, wie kommst du denn jetzt auf die ukraine, georgien und kirgisien? und bring doch mal einen beleg, dass mussawi, der schon immer als „linker“ unter den islamisten galt (auch wenn er natürlich ein schwein ist, das sich in den 80ern vorbehaltlos an den verbrechen des regimes beteiligt hat), von einer „korrupten riege neoliberaler privatisierer“ ins rennen geschickt und finanziert wurde. der einzige wirtschaftszweig, den der mann der kontrolle der mullahs entreißen und laut wahlprogramm privatisieren will, ist, soviel ich gelesen habe, das fernsehen. wenn du mehr infos hast, bitte!

    im übrigen, glaub ich, verkennst du einfach den faschistischen charakter dieses staates und hältst das, wegen der nationalisierten industrie, für eine art verteidigenswerten „realsozialismus“. anders kann ich mir deine auslassungen wirklich nicht mehr erklären! vergiss doch mal bitte nicht, dass dieser staat die linken und kommunisten, die im iran wie im irak zu den stärksten der parteien gehörten, förmlich ausgerottet hat.

    es gibt halt, was mono-marxisten wie du nicht kapieren, noch ein paar fragen mehr als die, ob die wirtschaft in privater hand ist oder nicht. z.b. die frage, ob man auf offener straße von der tugendpolizei verprügelt wird, wenn man als frau zu viel haare sehen lässt. oder ob man ausgepeitscht und im schlimmsten fall gehängt wird, weil man als männliche person sex mit einem angehörigen des gleichen geschlechts hatte. und das sind nur ein paar beispiele des alltäglichen terrors, den sich junge iraner_innen bieten lassen müssen. wie kann man da eine revolution gegen diese scheißverhältnisse nicht befürworten?

    und selbst wenn die auflösung des theokratischen tugendregimes mit einer ökonomischen „liberalisierung“ verbunden wäre (wobei ich hier den notwendigen konnex nicht verstehe), wäre das aus meiner sicht immer noch, horribile dictu, das kleinere übel.

  36. Gravatar Icon 36 kackbratze 18. Juni 2009 um 7:30 Uhr

    Den link habe ich dir doch in meinem zweiten Kommentar schon gesetzt. Ich halte den für wesentlich nächer an der Realität, aber zumindest ebenso viel wert, wie deine Spiegel-Online-Weisheiten.

    Und wenn ich mir die Demos da anschaue, scheint der Verfolgungsdruck der Tugendpolizei nicht mehr allzu stark zu sein. Auch von anderen Iran-Besuchern hat man vorher schon gehört, dass es in den Städten ziemlich offen zu geht. Dass es vor allem in ländlich geprägten Regionen nochmal anders sieht, kann gut sein, aber diesen Trend gibts bei uns auch.

    Ich habe übrigens auch nicht erklärt, dass ich da irgendwas vor allem nicht die aktuelle Regierungsform verteidigen will. Ich mache nur eure von der rosaroten Brille geprägte Massenhysterie nicht mit. Wie gesagt ist schon komisch, dass man sich lieber für ein paar hedonistische Jugendliche begeistet, statt sich mit tatsächlichen sozialen Umwälzungen wie sie z.B. in Mexiko stattfinden, zu beschäftigen.

  37. Gravatar Icon 37 lysis 18. Juni 2009 um 7:49 Uhr

    naja, das ist hier so hauptwiderspruchs-nebenwiderspruchs-kacke, die du hier loslässt. das nehm ich gar nicht ernst.

    im übrigen hat der tugendterror (verprügeln von „schlecht verschleierten frauen“) und die zahl der hinrichtungen unter ahmadinedschad nicht etwa ab-, sondern extrem zugenommen. aber man kann ja nicht jeden nebenwiderspruch erfassen und zur kenntnis nehmen. ist ja alles nur hedonistische lifestyle-kacke, und kommunisten haben sich bekanntlich des genusses zu enthalten, asketisch zu leben und diszipliniert zu arbeiten!

  38. Gravatar Icon 38 kackbratze 18. Juni 2009 um 7:56 Uhr

    Das was du hier als Hauptwiderspruch bezeichnest, ist eben für dich der Nebenwiderspruch, den du nicht für nötig hälst zur Kenntnis zu nehmen.

  39. Gravatar Icon 39 lysis 18. Juni 2009 um 8:02 Uhr

    ich hab mich jedenfalls nicht negativ darüber geäußert, wenn sich jemand mit dem verhältnis von kapital und arbeit befasst, so wie du dich herablassend über den wunsch von frauen äußerst, sich zu schminken, ohne auf offener straße dafür verprügelt zu werden.

  40. Gravatar Icon 40 lysis 18. Juni 2009 um 8:05 Uhr

    Siehe: Ali Schirasi, „Hier führt Ahmadineschad die Regie“. (Schirasi äußerst sich übrigens auch ausgiebig zur sozialen Frage. Trotzdem gilt er wendy als „alter Hetzer“!)

  41. Gravatar Icon 41 kackbratze 18. Juni 2009 um 8:14 Uhr

    Ähja, sehr geistreicher Beitrag. Das bestätigt nur mein Bild von einem hetzenden Exiliraner, den ich anderswo im Netz schon gewonnen habe. Das animiert mich jedenfalls nicht mehr von dem zu lesen. Propaganda ist wirklich das Letzte was mich zum Thema interessiert. Lustig ist, dass die wenig verschleierten Frauen selbst auf einer Kundgebung für Ahmahdinedjad offensichtlich keine Probleme bekommen haben. Und klar, weils nicht ins Bild passt, muss es ja ein subersive Aktion sein, logo.

  42. Gravatar Icon 42 lysis 18. Juni 2009 um 8:50 Uhr

    Also, darf ich dein Argument kurz zusammenfassen? Dann können wir das vielleicht jetzt auch mal abschließen. Dein Motto lautet doch: „Bloß keinen Finger gegen den Faschismus rühren, es könnte ja am Ende eine Demokratie dabei herauskommen!“ Bzw.: „Verteidigt den Faschismus als das kleinere Übel gegen linke Hetzer und Regimegegner, die doch sowieso nur eine bürgerliche Demokratie wollen.“ Richtig?

  43. Gravatar Icon 43 kackbratze 18. Juni 2009 um 9:04 Uhr

    Hab ich was verpasst, kann man sich jetzt schon bei den internationalen Brigaden melden um in Iran für die Demokratie zu kämpfen, oder wo kann man den Finger krumm machen? Und ja, dafür halte ich meinen Kopf nicht hin.

  44. Gravatar Icon 44 lysis 18. Juni 2009 um 9:11 Uhr

    Btw, bei Leuten wie dir hab ich immer den folgenden Foucault-Absatz im Hinterkopf:

    In ganz allgemeiner Form scheint mir […] der Sozialismus, insofern er nicht in erster Linie ökonomische und juridische Probleme nach dem Typus von Eigentum und Produktion aufgibt – insofern folglich das Problem der Mechanik der Macht, der Mechanismen der Macht von ihm nicht gestellt und analysiert wird – (der Sozialismus also) nicht umhin zu können, dieselben Mechanismen der Macht, die sich durch den kapitalistischen oder industriellen Staat hindurch konstituiert haben, wiederbesetzen und wiedereinbringen zu müssen. In jedem Fall ist eines gewiß: daß das Thema der gegen Ende des 18. und während des 19. Jahrhunderts entwickelten Bio-Macht nicht nur vom Sozialismus kritisiert wurde, sondern von ihm wiederaufgenommen, weitergeführt, wiedereingepflanzt und in gewissen Punkten modifiziert, aber keinesfalls im Hinblick auf seine Grundlagen und in seinen Funktionsweisen überprüft wurde. Die Vorstellung schließlich, daß Gesellschaft oder Staat oder das, was an die Stelle des Staates treten muß, im wesentlichen die Aufgabe hat, sich um das Leben zu kümmern, es zu verwalten, zu vermehren und seine Zufälle auszuschließen, seine Chancen und biologischen Möglichkeiten zu durchlaufen und einzugrenzen – all das wurde vom Sozialismus, wie mir scheint, wiederaufgenommen. Mit den entsprechenden Folgen ab dem Moment, da man sich in einem sozialistischen Staat befindet, der das Recht auf Tod oder Eliminierung oder das Recht auf Ausgrenzung ausübt. So stößt man ganz von selbst auf Rassismus – nicht den eigentlich eth[n]ischen Rassismus, sondern den Rassismus evolutionären Typs, den biologischen Rassismus, der in den sozialistischen Staaten (vom Typus Sowjetunion) hinsichtlich der Geisteskranken, Kriminellen, politischen Gegner usw. auf Hochtouren läuft.

    Die Unfähigkeit, Machtregime außerhalb der im engeren Sinne ökonomischen Sphäre überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, und daher der Wiederholungszwang, diese Regime immer wieder neu zu besetzen, zu verteidigen und in die Gesellschaft einzubringen.

    Ich les gerade ein Buch, das das am Beispiel der Normierung und Pathologisierung von „Homosexualität“ durch die Bolschewiki demonstriert, die in dieser Hinsicht (wie auch in der Einsetzung einer Geheimpolizei, dem Aufbau eines Gefängnisapparats und der Psychiatrisierung nonkonformen Verhaltens) die Machtmechanismen des spätzaristische Regimes nicht nur lückenlos fortgeschrieben, sondern weiterentwickelt und in Teilen radikalisiert haben.

    Genau das passiert, wenn man sich weigert, alles, was nicht direkt mit ökonomischen Eigentumsfragen in Verbindung steht, der Kritik zu entziehen oder, wie du, als Nebenwiderspruch links liegen zu lassen. Man ist gezwungen, es zu wiederholen.

  45. Gravatar Icon 45 kackbratze 18. Juni 2009 um 9:18 Uhr

    Also noch ein Grund mehr sich nicht viel von der Revo dort zu versprechen. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass es den Leuten dort um die Rechte von Homosexuellen geht.

  46. Gravatar Icon 46 l 18. Juni 2009 um 9:22 Uhr

    >hedonistische Jugendliche
    >hetzenden Exiliraner

    elsässer, bist du’s?

  47. Gravatar Icon 47 kackbratze 18. Juni 2009 um 9:29 Uhr

    >hedonistische Jugendliche

    Der Begriff kam von lysis. Triffts aber ganz gut. Würdest du die Menschen anders beschreiben?

    >hetzenden Exiliraner
    Du hattest wohl noch nicht mit Exiliranern zu tun, soviel offensichtliche Propaganda, wie da auf einen einregnet, trifft man in der dummdreisten Form selten.

  48. Gravatar Icon 48 lysis 18. Juni 2009 um 9:44 Uhr

    Ja, klar, weil man alle Exiliraner über einen Leisten schlagen kann! Was du kennst, sind die Exiliraner, die von Antideutschen hofiert werden (oder sich hofieren lassen), Leute wie Kazem Moussavi, Nasrin Amirsedghi oder Fathiyeh Naghibzadeh. Bei denen kann ich auch abkotzen. Aber zu glauben, die wären irgendwie repräsentativ, ist dein persönliches Problem!

  49. Gravatar Icon 49 l 18. Juni 2009 um 9:46 Uhr

    jemand der schreibt: In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist. (also du) – ist einfach nur ein rot angepinselter fascho. dazu passt es dann auch ganz gut, dass du den terror der tugendpolizei kleinreden willst. vielleicht ist es ja auch ganz gut, dass da jemand drauf achtet, dass diese dummen jugendlichen nichts blödes anstellen?

  50. Gravatar Icon 50 kackbratze 18. Juni 2009 um 9:52 Uhr

    Na schön, vielleicht schau ich mir die Seite von Schirasi doch noch mal an. Ich steige jetzt hier erstmal aus, bevor lahma vor Aufregung noch einen Herzkaspar bekommt.

  51. Gravatar Icon 51 l 18. Juni 2009 um 9:53 Uhr

    Würdest du die Menschen anders beschreiben?

    kackbratze, es ist nach deinen auslassungen bei imv bekannt, dass du lieber ein system hättest, bei dem die menschen zu körperlicher ertüchtigung angehalten werden. denn wo kommen wir sonst hin! – dass du jetzt den tugendterror kleinredest und ne verschwörungstheorie bringst (allen geht es eigentlich nur um israel), überrascht wirklich nicht mehr.

  52. Gravatar Icon 52 lysis 18. Juni 2009 um 10:11 Uhr

    Du glaubst doch nicht im Ernst, dass es den Leuten dort um die Rechte von Homosexuellen geht.

    Nein, Gottseidank nicht. Denen geht’s um sexuelle Freiheit und die Nichteinmischung des Staates. Leute, die von den „Rechten von Homosexuellen“ reden – also nicht nur das bürgerliche Konzept der Menschenrechte unhinterfragt übernehmen (was ja irgendwo noch in Ordnung ist), sondern es auch gnadenlos ethnisieren und „Homosexuelle“ darüber als deviante gesellschaftliche Minderheit konstruieren, die einer Art Sonderfürsorge bedürften – finde ich zum Abreihern. Und wenn ich mal einen dieser Linken persönlich erwische, die in ihren Solitexten zum Iran solche unsäglichen Ideologieversatzstücke wie „die Rechte der Homosexuellen“ benutzen, dann haltet mich bitte zurück, bevor ich handgreiflich werde.

  53. Gravatar Icon 53 bigmouth 18. Juni 2009 um 11:00 Uhr

    „Frag dich doch mal, ob die Umwälzung der Gesellschaft durch den Bolschewismus nicht gerade deshalb so einen beschissenen Verlauf genommen hat, weil die Revolution schon recht bald in eine Erziehungsdiktatur durch eine selbsterklärte Avantgarde-Partei umschlug.“

    hast du nich noch vor wenigen monaten für erziehungsdikatur plädiert? oder gilt/galt das nur für deutsche?

  54. Gravatar Icon 54 negative potential 18. Juni 2009 um 12:43 Uhr

    bigmouth,

    ach, das mit Erziehungsdiktatur brauchst du überhaupt nicht ernst nehmen. Wie eine belesenere Version von Wendy, schöpft sich Lysis sein perverses Geniessen von solche Aussagen. Bahamas-sozialisation, halt.

    Bloss aufpassen wenn perverses ins hysterische umschlägt.

  55. Gravatar Icon 55 lysis 18. Juni 2009 um 12:48 Uhr

    @negative potential: ja, ist ja jetzt gut. kannst du deinen feldzug gegen mich mal langsam wieder einstellen? ich finde es nämlich ziemlich albern, an was du den aufhängst: einem von mir geposteten musikvideo, das nicht den „würdigen“ floralen trauerton für die opfer von 9/11 findet! (wenn du bei palästinensern nur dieselben skrupel hättest!)

    @bigmouth: wie kommst du da drauf. etwa deswegen? ich bitte dich!

  56. Gravatar Icon 56 lysis 18. Juni 2009 um 13:17 Uhr

    @kackbratze:

    Den link habe ich dir doch in meinem zweiten Kommentar schon gesetzt.

    Hast du dir den eigentlich auch mal durchgelesen? Der führt dich doch selber ad absurdum! Dort steht nämlich über die Ursache des langjährigen Konflikts zwischen Rafsandschani und Moussavi, dass Moussavi „opted for state control of the economy“, während Rafsandschani „sought a policy that catered to the Tehran bazaar“.

    Finally, when the levers of power were passed into his hands as president, Rafsanjani’s wrath knew no bounds. Vindictive by nature, he literally drove Mousavi into political exile. The ex-prime minister summarily abandoned politics and returned to his profession of architecture and teaching.

    Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass nun ausgerechnt Moussavi, wie du behauptest, zum Kandidaten der „korrupten Riege neoliberaler Privatisierer“ um den Kleriker und Milliardär Ali Rafsandschani geworden sein könnte.

    Dass beide als „Reformer“ gelten (wobei sich Mussawi, wahrscheinlich in Abgrenzung von Rafsandschanis neoliberalem Kurs, lieber als „gemäßigter Konservativer“ bezeichnet), zeigt doch recht deutlich, dass dieser Begriff überhaupt keine bestimmte Wirtschaftspolitik indiziert, sondern eher die Frage behandelt, ob man an einer Ausweitung der persönlichen Freiheiten interessiert ist oder, wie Ahmadinedschad – der Kandidat der Schlägertruppen des Regimes –, auf einer Erneuerung der „Werte der Revolution“ setzt (also Folter, willkürliche Verhaftungen, Prügel durch die Religionspolizei, Hinrichtung politischer Gegner und Razzien in Privathäusern).

    Aber letzteres scheint für dich ja kein Problem zu sein!

  57. Gravatar Icon 57 negative potential 18. Juni 2009 um 13:47 Uhr

    „Feldzug“? Manoman ist das weinerlich. Ich habe nur darauf hingewiesen, dass du manchmal mit Wendy mehr gemein hast als du vielleicht ahnst (oder zugibst?)

  58. Gravatar Icon 58 lysis 18. Juni 2009 um 13:50 Uhr

    solang’s nur die psychische ausstattung und nicht der inhalt ist, kann ich damit leben.

  59. Gravatar Icon 59 kackbratze 18. Juni 2009 um 14:03 Uhr

    Ich bin gerade faul, deswegen nur Stichpunktartig. MA will gegen Korruption unter den Mullahs vorgehen, natürlich auch um seinen eigenen Apparat zu stärken. Mousavi verliert darüber kein Wort. Das geht auch aus dem Artikel den ich verlinkt habe hervor, die Ausgangsbasis ist ja auch, dass Mousavi ein Mann Rafsandjanis ist, und Chameini jetzt an die Vergangenheit erinnert/appelliert.

    Die Zeit hat das ganz gut zusammen gefasst, wie ich finde.
    http://www.zeit.de/2009/26/Situation-Iran

  60. Gravatar Icon 60 lysis 18. Juni 2009 um 14:11 Uhr

    sag mal, kannst du eigentlich lesen? da steht, dass mussawi und rafsandschani langjährige erzfeinde sind und nicht, dass ersterer ein kandidat des letzeren wäre! und khamenei erinnert auch nicht an die gemeinsame vergangenheit zwischen rafsandschani und mussawi, sondern an die gemeinsame vergangenheit zwischen ihm und mussawi vis-à-vis rafsandschani, der in den 80er jahren als parlamentspräsident beider gegenspieler war (khamenei war damals staatspräsident, mussawi premierminister – zwei ämter, die sich von ihren kompetenzen her stark überschnitten, weshalb das eine 1989 ersatzlos gestrichen wurde).

    schließlich, was das thema korruption angeht, kann man bei wikipedia folgendes finden:

    „Ich werde die Korruption ausrotten“, versprach er [Mussawi] gleich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt.

    du verdrehst einfach alles ins gegenteil. ist das absicht oder leseschwäche?

  61. Gravatar Icon 61 star wars 18. Juni 2009 um 14:21 Uhr

    @lysis

    Dass beide als „Reformer“ gelten (wobei sich Mussawi, wahrscheinlich in Abgrenzung von Rafsandschanis neoliberalem Kurs, lieber als „gemäßigter Konservativer“ bezeichnet), zeigt doch recht deutlich, dass dieser Begriff überhaupt keine bestimmte Wirtschaftspolitik indiziert, sondern eher die Frage behandelt, ob man an einer Ausweitung der persönlichen Freiheiten interessiert ist oder, wie Ahmadinedschad – der Kandidat der Schlägertruppen des Regimes –, auf einer Erneuerung der „Werte der Revolution“ setzt (also Folter, willkürliche Verhaftungen, Prügel durch die Religionspolizei, Hinrichtung politischer Gegner und Razzien in Privathäusern).

    Ich hoffe du weißt noch dass Ahmadinedschad vor vier Jahren als Kandidat gegen Korruption und Dilentatismus der iranischen Regierung aufgestellt worden ist. Als ehemalige Führungspersönlichkeit der Revolutionsgraden hat er gerade als Hoffnungsträger der „Entrechteten“ und Armen, gegen die korrumpierte Regierung und das Mullah-Regime die Wahl für sich entschieden. Also jetzt bitte nicht so tun so als ob Ahmadinedschad gegen den Willen des Wahlvolkes vor vier Jahren als Ministerpräsident gewählt worden wäre. Gewählt haben ihn offensichtlich die Bürger Irans, der ist doch nicht über Militärputsch an die Regierung gekommen. Und noch zum Schluß, es sieht im Moment Alles danach aus als ob Ahmadinedschad, auch ohne Wahlfälschungen, locker gewonnen hätte. Mit dem angeblichen „Aufstand“ wird nicht Alles so heiß gekocht wie es die bürgerlichen Medien den Anschein erwecken möchten. Auch wenn ein paar Akademiker, und westlich anmutende Diskogänger, zur Abwechslung mal das Maul gegen die Regierung aufgerissen haben sollten. Als ob es in den vergangenen Jahren nicht schon genügend Anlaß für Proteste gegeben hätte so dass ausgerechnet mal wieder der Urnengang als „Stein des Anstoßes“ in Erwägung dafür gezogen werden muss.

  62. Gravatar Icon 62 kackbratze 18. Juni 2009 um 14:21 Uhr

    Das mit der Leseschwäche könnte man gleich postwendend zurückgeben. Das steht ja nun überall, auch in den westlichen Zeitungen, dass Mussavi in diesem Wahlkampf der Mann Rafsandjanis ist/war.

    In dem oben verlinkten Artikel, ist die folgende Passage entscheidend. Khamenei warnt Mousavi davor sich zu sehr mit bestimmten Leuten einzulassen und erinnert an die gemeinsame Vergangenheit, was für den Autor Anlass ist, diese nochmal auszubreiten. Das bezieht sich klar darauf, dass Mousavi der Mann Rafsandjanis ist, jetzt aber Mousavi möglicherweise doch nochmal andere Bündnisse eingeht.

    Mousavi’s existential choice
    However, it is the third point made by Khamenei that is most crucial. He pointed a finger at the „enemies‘ provocative actions“ as well as „certain behind-the-stage plots“ which aimed to „create chaos in Iran“. Khamenei then went on most meaningfully to remind Mousavi that „your [Mousavi’s] character is different from such people and it is necessary that you pursue the problems through calm“.

    The highly personal remark had a touch of admonition, but also the hint of a fulsome invitation to reasoning that could open up doors leading into pleasant pathways along which the two interlocutors known to each other for long, after all, could take a stroll. It was a very Persian remark.

    Gut in Sachen Korruption war ich falsch informiert, aber wenn man googelt, findet man auch noch andere Sachen. Nämlich dass Mousavi eben die Staatsbetriebe verstaatlichen will. Was nun schon ziemlich eindeutig ist, da helfen auch keine alten sozialistischen Zeiten. Merkel war auch mal bei der FDJ.
    http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/Iran;art141,2752986

  63. Gravatar Icon 63 lysis 18. Juni 2009 um 14:24 Uhr

    naja, solange er die staatsbetriebe verstaatlichen will, ist ja alles gut!

  64. Gravatar Icon 64 kackbratze 18. Juni 2009 um 14:32 Uhr

    Selbstverständlich war Privatisieren gemeint. Ich bitte um Vergebung für diesen unverzeihlichen Fehler.

  65. Gravatar Icon 65 lysis 18. Juni 2009 um 14:37 Uhr

    kackbratze: ich hab jetzt keine große ahnung von mussolini, aber wenn der die großindustrie verstaatlicht und den grundbesitz neu verteilt hätte, wärst du dann eigentlich auch mussolini-fan geworden? bist du wirklich so borniert, nichts anderes mehr zu sehen als die eigentumsfrage? das ist doch zum kotzen und stinkereaktionär!

  66. Gravatar Icon 66 kackbratze 18. Juni 2009 um 14:42 Uhr

    Es ging um die Frage, ob M. ein Mann der neoliberalen Clique ist.

  67. Gravatar Icon 67 Thomaz 18. Juni 2009 um 15:13 Uhr

    Zumal völlig schleierhaft bleibt welche großartig emanzipatorische Bedeutung die iranischen Staatswirtschaft haben soll…

  68. Gravatar Icon 68 lysis 18. Juni 2009 um 15:26 Uhr

    Danke für den ZEIT-Artikel, der ist wirklich sehr aufschlussreich. Faszinierend finde ich ja auch, dass es unter den Ayatollahs Regimegegner gibt, die unter Hausarrest stehen oder im Gefängnis sitzen, weil sie die Politisierung ihrer Religion für Blasphemie halten.

  69. Gravatar Icon 69 mti 18. Juni 2009 um 15:43 Uhr

    kackbratze, lysis, vielleicht solltet ihr einfach die analyse nachreichen, es ist ja nicht so als ob es drängt und ein bisschen drüber nachdenken würde sicherlich nicht schaden. btw. ist moussavi nicht „neoliberal“. der ist halt ein links-islamist, der meint islamische republik ist auch mit weniger tugendterror zu machen. das wörtchen „reform“ bezieht sich sicher nicht auf ökonomische reformen, sondern bezeichnet eher eine theologische position. ich glaube der überblick ist erstmal ganz tauglich:
    http://en.wikipedia.org/wiki/History_of_principle-ism_in_Iran

  70. Gravatar Icon 70 lysis 18. Juni 2009 um 15:57 Uhr

    ich glaube, es geht hier wirklich um einen machtkampf zwischen ayatollahs und pasdaran, wie die ZEIT schreibt – die sich beide um die fleischtöpfe des systems reißen:

    Ahmadineschad hat einen Hintergrund als Milizionär. Er war ein Pasdaran, ein Revolutionswächter, und hat im Krieg gegen den Irak (1980 bis 1988) gekämpft. Die Pasdaran sind seine Machtbasis. In den ersten fünf Jahren seiner Amtszeit hat er zentrale Stellen in Unternehmen, Ministerien und Universitäten mit seinen Gesinnungsgenossen besetzt. In seiner Amtszeit hat eine schleichende Militarisierung stattgefunden. Die Pasdaran verdrängten die Mullahs von den Fleischtöpfen der Revolution. Das ist mit ein Grund für den harten Kampf, den zum Beispiel Rafsandschani gegen Ahmadineschad führt.

    Unklar bleibt die Position des Obersten Religiösen Führers, Ali Chamenei. Seine Anhängerschaft unter den gelehrten Geistlichen ist klein. Chamenei stützt sich auf Revolutionsgardisten. Im Moment scheint er noch hinter Ahmadineschad zu stehen, doch stellt sich die Frage, ob Chamenei inzwischen überhaupt eine Alternative hat. Manche Beobachter glauben, dass es einen Putsch innerhalb des Systems gegeben habe und Chamenei zu einer Geisel der Milizionäre geworden sei.

    Mir Hussein Mussawi hatte bis zu dieser Wahl nicht den Ruf, ein Reformer zu sein. Er war in den achtziger Jahren Ministerpräsident des Landes gewesen und ist durch eine recht gute Wirtschaftspolitik, aber nicht durch besonderen demokratischen Reformwillen aufgefallen. Mussawi ist ein Mann des Systems. Die Geschichte hat ihn jedoch zu einer Symbolfigur für Hunderttausende Menschen gemacht, die von ebendiesem System genug haben. Wobei noch nicht klar ist, wie weit die Forderungen der Demonstranten gehen. Noch verlangen sie nur eine faire Wahl. Aber würde es ihnen reichen, wenn man die Wahl wiederholt, oder würden sie sich damit nicht mehr zufrieden geben und den Sturz der Islamischen Republik fordern? Diese Gefahr hat vor den Wahlen Haschemi Rafsandschani in einem Brief an den Obersten Religiösen Führer beschworen. Er warnte vor Wahlfälschungen und ließ Chamenei wissen: »Morgen kann es dich treffen.« Der Brief zeigt, wie tief die Spaltung innerhalb der traditionellen Machtelite ist. Das schwächt das Regime und öffnet der Opposition entscheidende Spielräume. Die Kombination aus Mobilisierung auf der Straße und Uneinigkeit des Regimes macht die Lage revolutionär.

    […]

    Wenn das Regime mit nackter Repression reagiert, wird sich die Lage mit großer Wahrscheinlichkeit verschärfen. Ahmadineschad und die Revolutionsgarden haben bisher keine Bereitschaft gezeigt, einen Schritt zurückzutreten. Im Gegenteil, sie gehen mit Härte gegen die Opposition vor. Es geht ihnen dabei weniger um die Verteidigung der »Ideale der Revolution«, sondern um handfeste Interessen. Die Pasdaran sind eng verflochten mit Wirtschaftsunternehmen, die im Schatten politischer Patronage gedeihen. Die Frage ist, wie viel Gewalt sie einzusetzen bereit sind, um ihre Positionen zu verteidigen. Für die Demonstranten gilt umgekehrt die Frage, wie viel Blut sie bereit sind zu vergießen.

  71. Gravatar Icon 71 mti 18. Juni 2009 um 16:11 Uhr

    die erklärung es ginge nur um einen machtkampf zweier fraktionen einer durch und durch korrupten elite finde ich falsch. vielleicht sollte man die leute in ihrem nationalismus und ihrem streit um das richtige herrschaftsprogramm einmal ernstnehmen. das können die fans einer guten links-liberalen elite bei der zeit natürlich nicht, denen fällt nur ein „alle korrupt!“.

  72. Gravatar Icon 72 lysis 18. Juni 2009 um 16:40 Uhr

    ja, die frage ist aber, wie sehr die ideologie schon erodiert ist, so dass am ende nur noch zynismus und habgier stehen.

  73. Gravatar Icon 73 Entdinglichung 18. Juni 2009 um 17:03 Uhr

    ansonsten hier die (richtigen) Sofortforderungen, mit denen die WPI in die Bewegung interveniert:

    1) Freedom of all political prisoners
    2) Public prosecution of those involved in the killings
    3) Abolishment of Capital Punishment
    4) An end to compulsory veiling and sexual apartheid
    5) Unconditional freedom of expression, organisation, strike and protest
    6) A minimum wage of 1 million tooman/month

    Quelle: http://worker-communistpartyofiran.blogspot.com/2009/06/immediate-demands-of-revolutionary.html

  74. Gravatar Icon 74 mti 18. Juni 2009 um 17:13 Uhr

    entdinglichung: ob die WPI was schreibt oder nicht hat ungefähr so viel gewicht, wie lysis und wendys blogeinträge. intervention kann man das kaum nennen, weil die einfach nicht relevant sind. die werden halt nur gerne von hiesigen linken herangezogen um zu zeigen „ha, es gibt eine sekuläre und linke opposition“

  75. Gravatar Icon 75 mti 18. Juni 2009 um 17:14 Uhr

    btw sind die zur zeit auch eher damit beschäftigt ihre eigene spaltung auszufechten.

  76. Gravatar Icon 76 Entdinglichung 18. Juni 2009 um 18:13 Uhr

    ist schon klar, dass die WPI im Iran nicht viel darstellt und dass sie dort die meisten Mitglieder in den letzten Jahren verloren hat … dennoch habe ich das als Beispiel für eine aus meiner Sicht richtige Herangehensweise herausgeholt

  77. Gravatar Icon 77 MPunkt 19. Juni 2009 um 0:08 Uhr

    @ lysis & den Revi:

    Dann ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist. Lysis gibt ja im Grunde selbst zu, dass es seinen unterstellten Automatismus zum kommunistischen Umschlagen einer Revolte nicht gibt, wenn er über die französische schreibt*. Womit auch die Frage der Bedeutung der Geschichte für die Einschätzung aktueller Situationen gesagt ist: mehr, als dass es bei immanenten Protesten bleiben, oder sich ein anderer Wille (der dann auch noch nicht kommunistisch sein muss) einstellen kann, erfährt man aus ihr jedenfalls nicht. Dass der Wille gleich bleiben oder sich beliebig ändern kann, weiß man aber auch so.

    Gibt es diese Notwendigkeit des Umschlags nicht, so bleibt eben nur stehen, dass dieser eintreten könnte – wenn sich der Wille entsprechend ändert**. Das ist dann aber kein Grund, die Proteste abzufeiern, solange sich der Wille nicht geändert hat. Wenn ich die Proteste dafür dissen würde, dass sie einen Angela-Merkel-Fanclub gegründet haben, weil es möglich wäre, dass sie die Demonstranten dazu entschließen, würde das schließlich auch für absurd gehalten werden – zurecht.

    * Genauso wie er bei der auch schreibt, dass Revolutionen eine Frage der Durchsetzung von Fraktionen innerhalb ihrer sind. Dass sich die Bolschewiki durchgesetzt haben, soll ihm dann einerseits der Beleg dafür sein, dass immanente Kämpfe zu unterstützen wären, weil sie zum Kommunismus führen würden. Andererseits ist ihm aber ihre Durchsetzung dann gleichzeitig auch ganz böse, weil es die gute eigentliche Revolution kaputtgemacht habe. Immer diese Widersprüche.

    ** Übrigens vertritt doch der GSP (wenn ich ihn nicht völlig falsch verstanden habe) gar nicht das, was Du ihm unterstellst, um mit „ätsch, selber Automatismus!“ kontern zu können, nämlich das Konzept einer critical mass, nach der es nur genügend Agitatoren geben müsste und dann würde sich das richtige Bewusstsein beim Rest schon einstellen. Bei 10, 100, 1000 … Peter Deckers ist nämlich auch bloß die Chance größer, dass die Leute mit den richtigen Argumenten in Berührung kommen, als bei bloß einem. Dass die sich die dann auch einleuchten lassen, ist damit noch überhaupt nicht gesagt.

  78. Gravatar Icon 78 lysis 19. Juni 2009 um 1:52 Uhr

    Woher kennst du denn den Willen der Demonstrant_innen? Oder andersrum: glaubst du ernsthaft, Leute würden sich erschießen lassen, nur damit Mussawi Staatspräsident wird? Da geht’s doch um was ganz Anderes, nur dass man jetzt noch nicht damit raus kann.

    Geh mal im Iran für Kommunismus oder auch nur den Sturz des Regimes demonstrieren. Ich versprech dir, du lebst nicht mehr lang!

  79. Gravatar Icon 79 kackbratze 19. Juni 2009 um 5:45 Uhr

    In Iran gab es 1905 übrigens auch eine konstitutionelle Revolution, die bis heute eine große Rolle spielt.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Konstitutionelle_Revolution

    @entdinglichung
    Den link hättest du hier ruhig auch posten können.
    http://www.krisis.org/2009/unter-dem-allgemeinen-besten-der-iranische-praesident-und-seine-institutionellen-verflechtungen

    Find ich sehr aufschlußreich.

  80. Gravatar Icon 80 Neoprene 19. Juni 2009 um 8:42 Uhr

    Zu Mpunkts
    „Übrigens vertritt doch der GSP (wenn ich ihn nicht völlig falsch verstanden habe) gar nicht das, was Du ihm unterstellst, um mit „ätsch, selber Automatismus!“ kontern zu können, nämlich das Konzept einer critical mass, nach der es nur genügend Agitatoren geben müsste und dann würde sich das richtige Bewusstsein beim Rest schon einstellen. Bei 10, 100, 1000 … Peter Deckers ist nämlich auch bloß die Chance größer, dass die Leute mit den richtigen Argumenten in Berührung kommen, als bei bloß einem. Dass die sich die dann auch einleuchten lassen, ist damit noch überhaupt nicht gesagt.“

    Es ist, glaube ich, kein Zufall, daß jemand der sich offensichtlich lange mit MG/GSP rumgeschlagen hat und da sogar Vieles teilt, nämlich der jetzige Erz-AntiMGler libelle/jinnah/Heinz dieses critical-mass-Konzept radikal zu Ende denkt und bei der Absage jeglicher revolutionärer Aktionen (um das jetzt mal bewußt vage zu halten)landet.

    Es gibt nämlich in der GSP-Denke in der Tat gar keinen Punkt, wo die quantitative Ausdehnung der Agitation und Propaganda und die sich daraufhin einstellende Vergrößerung der Zustimmung zu und dem organisatorischen Anhang an den GegenStandpunkt umschlagen würde in irgendetwas anderes als eben die weitere Ausdehnung der immer gleichen Propaganda, daß Leute sich was Anderes einleuchten lassen sollten.

    Da hilft es wenig, daß GSP-Referenten ab und zu, sozusagen in die Enge getrieben, zugegeben, daß eine revolutionäre Massenpartei schon was anderes machen könnte als die paar Hanseln, die man alle persönlich kennt. Oder daß es was anderes wäre, wenn in den imperialistischen Zentren sich revolutionäre Umtriebe handfest einmischen und nicht nur auf einer buchstäblichen Insel wie Kuba z.B.

    Es bleibt so ein komisches politisches Verständnis und vor allem Selbstverständnis alles auf das Jüngste Gericht zu verschieben. Als wenn die religiös wären, was sie zugegebenerweise nicht sind.

  81. Gravatar Icon 81 Jinnah 19. Juni 2009 um 10:26 Uhr

    Lass mich doch bitte hier raus.

    Die Gedanken vom EX-Mgler mal ernst genommen muss man jeden Scheiß für eine „revolutionäre Aktion“ halten, weil sie sich zur praktisch-immanenten Kritik des Kapitalismus hinarbeiten könnte. So wie der Linksruck eben bei jedem Quatsch mitrennen, um die Forderungen der Leute „über die Schranken des Systems“ zu treiben. Dummerweise merken die aber einfach immer, dass die vom Linksruck verlangten Sachen „nicht realistisch“ sind.

    Man sollte sich einfach überlegen, was vernünftig ist zu tun. In Bewegungen kann man intervenieren, und dann sieht man, ob sie sich zu einer grundsätzlicheren Kritik vorarbeiten oder nicht. Vom Verlauf her ist die russische Revolution gegangen, wie vom Ex-MGler beschrieben, aber aus der Information kann man nichts machen.

  82. Gravatar Icon 82 MPunkt 19. Juni 2009 um 11:06 Uhr

    @ lysis: ähm, die sagen doch, was sie wollen. Und es gibt ne mediale Berichterstattung über sie. Klar, eine nationalistisch interessierte, aber da muss man eben schauen, was wiedergegebene Inhalte von denen sind und was nationalistischer Kommentar der Journalisten dazu.

    P.S.: „Hedonistische Jugendliche“ … also dass die Demonstranten sowas wie die schildblödchens und schlaraffenlands wären – so fies hat noch nicht mal Wendy die gedisst. :P ;)

    ***

    @ neoprene: Weil man festhält, dass auch bei wesentlich mehr Agitatoren sich die Zustimmung zu den verbreiteten Argumenten nicht automatisch einstellt, verschiebt man alles auf den St.-Nimmerleinstag? Ich verstehe den Zusammenhang nicht, den Du da herstellst.

  83. Gravatar Icon 83 MPunkt 19. Juni 2009 um 11:08 Uhr

    Nachtrag @ lysis: Es ziehen sogar Leute jubelnd an die Front, um fürs Vaterland zu sterben – also warum nicht auf die Straße für einen anderen Islamisten an der Macht? Klar ist das unvernünftig, aber das sehen die halt anders.

  84. Gravatar Icon 84 Neoprene 19. Juni 2009 um 11:27 Uhr

    Gegenfrage an MPunkt:
    Was ist denn „Alles“ konkret, was da vor dem berühmten St.Nimmerleinstag so kommen könnte, angestrebt wird, vorgeschlagen werden könnte?

    Oder anders gefragt, was macht „man“ denn, wenn man einen ganzen Sack „Zustimmungen“ verzeichnen kann? Was tun denn dann all diese Leute, außer sich gegenseitig in ihrer Zustimmung zu bestätigen und gegenseitig aufzufordern, noch mehr Leute davon zu überzeugen?

  85. Gravatar Icon 85 earendil 19. Juni 2009 um 12:02 Uhr

    @MPunkt: Nein, einen revolutionären Automatismus gibt es nicht, aber das hat Lysis auch nicht behauptet. Aber bei Revolten dieser Art vergrößern sich die Handlungsspielräume und die geistige Beweglichkeit der Leute. Die merken da nämlich ganz praktisch, dass sie Subjekte der Geschichte sein können und nicht bloß Untertanen und Getriebene. Wohin die Reise dann tatsächlich geht, ist noch nicht klar, aber wenn, sagen wir, die Haftreibung erstmal überwunden wird und die Ausgangsrichtung nicht ganz falsch ist, besteht schon eine gewisse Hoffnung, dass auch was positives bei rausspringt.

  86. Gravatar Icon 86 MPunkt 19. Juni 2009 um 12:14 Uhr

    @ Neoprene: Was soll denn anstehen, außer agitieren und die Machtfrage zu stellen, wenn man meint, dafür genügend Leute beisammen zu haben? Wenn man überhaupt in der Lage ist, selbst den Zeitpunkt zu bestimmen und sie einem nicht schon vorher vom bürgerlichen Staat aufgemacht wird.

    @ Earendil: Hoffen kann man allerlei, aber ein Argument ist das nicht.

  87. Gravatar Icon 87 l 19. Juni 2009 um 12:20 Uhr

    Hoffen kann man allerlei, aber ein Argument ist das nicht.

    wäre aber noch zu klären, ob ihr auf dasselbe hofft. ob e. auch meint, dass ne demokratie das schlimmste szenario ist. zB
    vllt aber vertritt e. auch die ansicht, dass man lieber unterm faschismus agitieren sollte. statt ne demokratie zu affirmieren.

  88. Gravatar Icon 88 Wendy 19. Juni 2009 um 12:25 Uhr

    Zur Kritik deines „Vielleicht oder auch doch nicht, aber immerhin!“-Automatismus haben MPunkt und weitere ja schon alles nötige gesagt. Mir bleibt nur noch die Bemerkung, dass mein Hinweis, in der deutschen spontanen Solidarität für die iranische Oppositionsbewegung, würde eine Feindschaft zum angeblichen Islamfaschismus zu Tage treten, völlig richtig wahr. Schön, dass du hier nochmal auf das „faschistische Regime“ zusprechen gekommen bist.

  89. Gravatar Icon 89 l 19. Juni 2009 um 12:59 Uhr

    >Islamfaschismus

    islamfaschismus habe ich nicht geschrieben. aber man kann das iranische regime freilich einsortieren. ist es ne demokratie? – da hab ich so meine zweifel, aber wir können das auch gemeinsam schritt für schritt durchgehen. ich plädiere in dem fall für das heranziehen merkels systematik. die scheint mir ganz brauchbar. man muss ja seine ideologie nicht schlucken.

  90. Gravatar Icon 90 Neoprene 19. Juni 2009 um 13:00 Uhr

    Genau das finde ich so komisch idealistisch, Mpunkt:
    Erst ewig agitieren und sonst nichts, und dann irgendwann, schwupps, die alles entscheidende Machtfrage gleich im Ganzen (wobei du und libelle jetzt trefflich drüber streiten könnt, was das „Ganze“ ist). Das hat, wie gesagt, was Religiöses. So schrecklich endzeitorientiert.

  91. Gravatar Icon 91 Otto 19. Juni 2009 um 13:36 Uhr

    @neo

    Wenn es Pläne für die „Machtfrage“ gäbe, wäre es ganz schön blöd, die politischen Gegnern zu erzählen, oder Leuten, die ganz andere Ziele verfolgen. Nach blöder wäre es nur, so etwas im Internet zu verbreiten. Das WIE vor dem WAS planen zu wollen, ist ein unnötiger Idealismus, und außer dem Staatsschutz könnte auch niemand etwas damit anfangen!

  92. Gravatar Icon 92 bigmouth 19. Juni 2009 um 13:39 Uhr

    wow, wendy, lysis‘ position ist also identisch mit „der deutschen spontanen Solidarität für die iranische Oppositionsbewegung“. 1000e von leuten ham da also alle die gleiche position wie lysis

  93. Gravatar Icon 93 bigmouth 19. Juni 2009 um 13:39 Uhr

    äh, lahmas

  94. Gravatar Icon 94 Wendy 19. Juni 2009 um 13:51 Uhr

    Idiot. lysis illustriert diese Haltung perfekt – was einen verwundern könnte, schließlich führt er ja soetwas wie eine Fehde gegen die „Antideutschen“.

  95. Gravatar Icon 95 W.I. 19. Juni 2009 um 13:55 Uhr

    Genau das finde ich so komisch idealistisch, Mpunkt:
    Erst ewig agitieren und sonst nichts, und dann irgendwann, schwupps, die alles entscheidende Machtfrage gleich im Ganzen (wobei du und libelle jetzt trefflich drüber streiten könnt, was das „Ganze“ ist). Das hat, wie gesagt, was Religiöses. So schrecklich endzeitorientiert.

    Jetzt mal ganz abgesehen davon ob das MPunkts Theorie ist, ist es ungleich idealistischer sich aktuell den Kopf über die Revolution oder Transformationsstrategien zu zerbrechen. Mir zumindest ist bis auf die handvoll von Kommunisten noch niemand aufgefallen der von der praktischen Notwendigkeit einer Revolution überzeugt gewesen wäre. Daran etwas zu ändern – und dafür braucht es allemal ein paar Leute mit den entsprechenden Bildungselementen – halte ich daher für eine lohnenswerte Aufgabe.

  96. Gravatar Icon 96 l 19. Juni 2009 um 14:02 Uhr

    was einen verwundern könnte, schließlich führt er ja soetwas wie eine Fehde gegen die „Antideutschen“.

    und deshalb sollte er deiner meinung nach debil den terror im iran verbal verteidigen, oder wie? – DAS wäre in der tat schwach.

  97. Gravatar Icon 97 l 19. Juni 2009 um 14:06 Uhr

    >Transformationsstrategien

    ach, in merkels buch ist der ganze erste abschnitt der frage gewidmet, wie man demokratien von autoritären systemen unterscheidet, deshalb mein verweis. von wegen „angeblicher faschismus“ (wendy) – das kann man en detail prüfen.

  98. Gravatar Icon 98 W.I. 19. Juni 2009 um 14:10 Uhr

    l, das war auf diesen Beitrag bezogen.

    Wenn du meinst dass durch die von dieser Theorie vorgeschlagene Unterscheidung etwas gewonnen wäre, führ sie doch einfach mal durch, dann vermindert sich auch die Anzahl der im Konjunktiv formulierten Sätze.

  99. Gravatar Icon 99 Wendy 19. Juni 2009 um 14:14 Uhr

    Laura: Deshalb sollte er den Unterschied zwischen einer faschistischen Diktatur und der Demokratie iranischer Prägung hinkriegen. Deine scheiß-hysterische, alarmistische Art nervt.

  100. Gravatar Icon 100 l 19. Juni 2009 um 14:29 Uhr

    dein problem, wendy, ist, dass du wie viele andere auch, nicht zw. faschismus und nazifaschismus unterscheiden kannst (derweilen gibt es da auch massig unterschiede, etwa zw. italien, spanien, portugal und d). deine Demokratie iranischer Prägung ist selbstverständlich ein autoritäres system.

  101. Gravatar Icon 101 l 19. Juni 2009 um 14:36 Uhr

    Wenn du meinst dass durch die von dieser Theorie vorgeschlagene Unterscheidung etwas gewonnen wäre

    gewonnen wird dadurch nur ne richtige betitelung der einzelnen regime, was u.a. dem schwachsinn von wendys „demokratie iranischer prägung“ vorbeugt. demokratie hat nen inhalt – vollkommen unabhängig davon, wie man sich dann dazu stellt.
    der inhalt ist eigentlich bekannt, das sind so sachen wie zB gewaltenteilung oder auch pressefreiheit (muss man beides nicht mögen, das ändert aber nix dran, dass das bestandteile einer demokratie sind). nur weil jemand das demokratie nennt – aus offensichtlichen propagandistischen gründen (dieselben gründe, wieso die gegenspieler das idr bestreiten) –, ist es noch lange keine.

  102. Gravatar Icon 102 Wendy 19. Juni 2009 um 14:38 Uhr

    Ich weiß, dass im Iran weder Faschismus deutscher noch sonstiger Prägung abläuft.

    „Autoritär“ und „demokratisch“ schließen sich jetzt neuerdings aus? Was du schon wieder für einen Blödsinn schwallst; unglaublich. Was macht „autoritäre Systeme“ so aus? Unterscheidet sich das iranische „System“ von anderen „Systemen“ der Welt?

  103. Gravatar Icon 103 W.I. 19. Juni 2009 um 15:02 Uhr

    l, das ist doch keine Frage des richtigen Namens. Dass Demokratie und Marktwirtschaft im Iran anders funktionieren als hierzulande war doch nirgends bestritten. Dass im Iran die Gewalt anders geteilt ist als man es von bürgerlichen Demokratien kennt, liegt daran dass es eine Institution wie den Wächterrat braucht um jene Ansprüche die aus dem bürgerlich kapitalistischen Betrieb einer Nation entspringen mit jenen ins Benehmen zu setzen welche aus der höheren religiösen Sittlichkeit entspringen, welche sich das iranische Staatswesen auf die Fahnen geschrieben hat. Schließlich sind es genau jene Interessen die auch das iranische Parlament betreut von denen die religiösen Führer wiederum vermuten, dass sie die sittliche Einheit des Volkes untergraben.

  104. Gravatar Icon 104 l 19. Juni 2009 um 15:06 Uhr

    mir ist das einfach zu dumm. auschwitz, arbeitsagentur, folter, verfolgung, steinigung, 1-€-jobs, alles derselbe käse. – da ist doch hopfen & malz verloren.

    autoritär ist ein fachbegriff. und ne demokratie ist selbstverständnlich auch eine herrschaftsform. und der übergang ist fließend, aber der übergang ist nachvollziehbar – weil da eben schon unterschiede bestehen.

    es ist einfach ziemlich bescheuert, so zu tun, als gäbe es zw. autoriären und demokratischen systemen keinen unterschied, zB zw. der griechischen diktatur und dem heutigen griechenland.

  105. Gravatar Icon 105 l 19. Juni 2009 um 15:12 Uhr

    >welche aus der höheren religiösen Sittlichkeit entspringen

    ja, da fängt es ja schon an. aber die debatte macht keinen sinn, denn in „eurem“ wahn, auch ja nichts ‚gutes‘ auf die demokratie kommen zu lassen (als wäre die benennung autoritären terrors schon das urteil, demokratie sei „tauglich“ – für was denn?), begreift „ihr“ plötzlich alles als demokratie.

  106. Gravatar Icon 106 lysis 19. Juni 2009 um 15:13 Uhr

    mpunkt: es wundert mich jetzt überhaupt nicht, dass du zu strategischem denken völlig unfähig bist. wenn man gar nix mehr mit praxis zu tun hat, sondern glaubt, der kommunismus käme aus dem füllfederhalter (respektive den tasten deines aldi-pcs), dann ist das wohl so. da halt ich aber ehrlich gesagt bernhard schmid für weitaus realitätsgerechter, auch wenn der genauso wenig in die köpfe der leute schauen kann wie du:

    Selbstverständlich hat die Mehrheitsbevölkerung und die Jugend sich dabei des Herrn Mussavi nur bedient, um eine Bresche in den Reihen der – nicht mehr so völlig monolithisch auftretenden – Diktatur zu öffnen. Nachdem diese Bresche nun durch die Wucht des Zusammenpralls mit der ultrareaktionären, offen faschistischen Fraktion des Regimes, die zum Putsch entschlossen war, (und unter dem Ansturm der Proteste) breiter aufgerissen worden ist, hat ein Teil der „Massen“ sich in diese Bresche hineingestürzt. Selbstverständlich gilt es, vor diesem Hintergrund nicht Herrn Mussavi zu unterstützen, sondern die Proteste der Bevölkerung, der Jugend und der Unterdrückten.

    übrigens, ich wüsste nicht, was einen sonst zum kommunismus disponieren sollte, wenn nicht der wunsch, sein leben zu genießen. klar, bei uns alten hanseln ist es schon nicht mehr hedonismus, sondern blanke verbohrtheit. aber das ist eine andere sache…

    @wendy: die vergleicherei, ob der iran jetzt unter faschismus fällt oder ein anderer begriff vielleicht treffender wäre, geht mir völlig am arsch vorbei. ich bin da offen gestanden nicht so wählerisch und würde in einem anfall von raserei wahrscheinlich auch bush ohne zögern als faschisten bezeichnen. was aber klar ist, und egal zu welchem urteil man in diesem streit kommt: mörderischer und repressiver als die islamische republik war das mussolini-regime auch nicht.

  107. Gravatar Icon 107 W.I. 19. Juni 2009 um 15:24 Uhr

    ja, da fängt es ja schon an. aber die debatte macht keinen sinn, denn in „eurem“ wahn, auch ja nichts ‚gutes‘ auf die demokratie kommen zu lassen (als wäre die benennung autoritären terrors schon das urteil, demokratie sei „tauglich“ – für was denn?), begreift „ihr“ plötzlich alles als demokratie.

    Ich versteh ehrlich gesagt nicht was du mir sagen willst.
    Dass es im Iran sehr wohl einen Pluralismus von Parteien gibt die sich u.a. auch darum streiten in welchem Verhältnis islamische Sittlichkeit und kapitalistischer Staatsräson stehen sollen, ist doch gerade der Ausgangspunkt der aktuellen Geschehnisse.

  108. Gravatar Icon 108 l 19. Juni 2009 um 15:43 Uhr

    ein paar wahlen mit zuvor ausgewählten kandidaten – ne demokratie.

    warum sitzen eigentlich so viele iranische politiker/innen im exil? warum werden die exilant/innen zt gemordet?

    sinnlos.

  109. Gravatar Icon 109 W.I. 19. Juni 2009 um 15:50 Uhr

    Meine Güte ich häng nicht an dem Wort Demokratie, du anscheinend schon.
    Erklär doch mal warum und was dort gewählt wird. Ganz so wie mit den faschistischen Wahlen scheint es sich ja nicht zu verhalten.

  110. Gravatar Icon 110 l 19. Juni 2009 um 15:56 Uhr

    ja, weil demokratie nen inhalt hat, der sich auch in der praxis zeigt: http://lahmacun.blogsport.de/2009/06/16/alles-kaese/#comment-1865

    „DEN faschistischen wahlen“ – wieder so ein blödsinn. eben: sinnlos. null bock auf sowas.

  111. Gravatar Icon 111 W.I. 19. Juni 2009 um 16:09 Uhr

    Ich versteh schon: „Wer das nicht versteht, dem werde ich es nicht erklären können.“ Endlich sprichst du diese intellektuelle Armutsbekunkdung offen aus.

  112. Gravatar Icon 112 schnulla 19. Juni 2009 um 16:19 Uhr

    Ja, der Inhalt der Demokratie ist nunmal nicht Faschismus zu sein und umgekehrt! Warum schnallen die das nicht? Echt sinnlos. Für den Hedonismus!

  113. Gravatar Icon 113 l 19. Juni 2009 um 16:30 Uhr

    nein, sie haben auch etliches gemeinsam. 01010101010100000000000011111111111

  114. Gravatar Icon 114 mti 19. Juni 2009 um 16:31 Uhr

    könnte vielleicht mal jemand so nett sein und zum argument stellung nehmen, dass die tatsache das kommunisten hierzulande nicht eingekerkert usw. werden nicht ausdruck der liberalität und güte der demokratie ist, sondern indiz für die schwäche der kommunisten?

  115. Gravatar Icon 115 l 19. Juni 2009 um 16:38 Uhr

    das stimmt, mti, ne starke linke einzukerkern, ist der übergang zum faschismus, den jede demokratie drauf hat. aber es gibt schon gründe, warum die linke so schwach ist – und das hat auch was mit der demokratie zu tun. die meinungsfreiheit ist ein ausgezeichnetes herrschaftsinstrument, noch viel besser als zensur. zB

  116. Gravatar Icon 116 schnulla 19. Juni 2009 um 16:42 Uhr

    Bei lahma weiss man ja noch weniger als bei mir was ernst oder was haha-ironisch gemeint ist. Schlecht. Für die anderen. Sie scheint sich darin zu gefallen.

  117. Gravatar Icon 117 schnulla 19. Juni 2009 um 16:48 Uhr

    Wie sieht eigentlich strategisches Denken aus im aktuellen Fall? Bringt man auf dem linken Frühstückstisch die grünen (wie die Hoffnung) Saltblätter und roten Radieschen gegen die islamistischen Salz- und Pfefferstreuer in Stellung und ergründet daraufhin wer das Rennen macht, welche Flanken der Konfliktparteien am offensten sind und ob sich die hartgekochten Landeier (die stehen natürlich für die iranischen Peasants!) entscheidend einbringen werden?

  118. Gravatar Icon 118 mti 19. Juni 2009 um 17:02 Uhr

    lahmacun, die meinungfreiheit gibt halt den rahmen vor, in dem meinungen geäussert werden dürfen. der unterschied zwischen meinungsfreiheit und zensur ist ungefähr der zwischen whitelisting und blacklisting.
    die erfahrung hat jeder antifa-depp schon mal beim formulieren eines demo-aufrufs gemacht, wo eben bloß kein aufruf zu straftaten drin vorkommen darf (was bei antifa-demos eben manchmal nicht so leicht ist).

  119. Gravatar Icon 119 lysis 19. Juni 2009 um 21:57 Uhr

    das iranische regime greift auf wahlen zurück, weil das ziemliche viele vorteile für die stabilität des systems hat – etwa (1) partielle legitimationsbeschaffung und kanalisation von unzufriedenheit in der bevölkerung oder, noch wichtiger: (2) die möglichkeit, korruptes und unfähiges herrschaftspersonal auszutauschen (der führer ali khamenei steht natürlich nicht zur wahl, aber könnte wegen unfähigkeit oder charakterlicher uneignung von einem kontrollgremium des regimes, dem expertenrat, ebenfalls abgesetzt werden, auch wenn etwas derartiges bisher noch nicht vorgekommen ist.)

    man kann daraus schließen, dass das iranische regime wesentlich intelligenter und raffinierter aufgebaut ist als z.b. realsozialistische systeme, die zwar auch wahlen kennen, aber im grunde nur mit funktion 1 (legitimationsbeschaffung), während funktion 2 (elitenaustausch) weitgehend entfällt bzw. biologisch durch überalterung und tod geregelt wird. (für die lösung ideologischer konflikte bleibt in der regel nur die möglichkeit der verhaftung oder physischen elimination, was im iran natürlich auch gängige praxis ist, aber nur wenn ein ayatollah oder religionswächter das eigene herrschaftssystem als solches verrät.)

    dass in der islamischen republik eine kopie bestimmter elemente der liberalen regierungsweise vorliegt, ist nicht von der hand zu weisen. der iran hat z.b. auch ein ausgefeiltes system von checks and balances, das zwischen den konkurrierenden fraktionen des regimes vermittelt. das ist in der tat organisierter pluralismus, hat aber trotzdem mit bürgerlicher demokratie nicht so wahnsinnig viel zu tun, weil die zur wahl stehenden kandidaten vom regime selbst bestimmt werden und es keinerlei politische und publizistische betätigungsmöglichkeit außerhalb seiner eng gesteckten grenzen gibt. (ich lasse mal das internet außen vor, das trotz verfolgung und zensur nur schwer zu kontrollieren ist.)

    um den unterschied auch für wendy verständlich zu machen: im iran müsste sich mti sicher keine gedanken mehr machen, wie er sein flugblatt zu schreiben hat. denn wenn er nur einmal das maul aufmachte, würde man ihn als kommunisten, so man seiner habhaft werden kann, unverzüglich verhaften, foltern und exekutieren (ob mit oder ohne verfahren, ist gewiss nur eine geschmacksfrage). kein wunder, lieber mpunkt, dass sich da keiner so äußert, wie du das gerne hättest!

  120. Gravatar Icon 120 MPunkt 19. Juni 2009 um 22:20 Uhr

    Tze,

    Er [Chameni; MPunkt] betonte, es stehe den Kandidaten offen zu protestieren. Gleichzeitig müssten sie aber vorsichtig mit ihren Aussagen sein, da diese gefährliche Konsequenzen haben und die Gesellschaft radikalisieren könnten.

    An die Adresse Mussawis gewandt sagte Chamenei, politische Entscheidungen würden an den Urnen fallen, nicht auf der Straße. Es mache keinen Sinn, dass Wahlverlierer auf die Straße ziehen und die Sieger dies auch machen. „Warum haben wir denn dann gewählt?“, fragte Chamenei. Er rief beide Seiten auf, der Gewalt ein Ende zu bereiten. Straßenproteste seien der falsche Weg und müssten aufhören. Das System lasse sich davon nicht einschüchtern und werde auch „illegale“ Forderungen nicht erfüllen.

    Der geistliche Führer verteidigte die Präsidentschaftswahlen und sagte, es habe bei dem Urnengang einen fairen Wettstreit gegeben. Alle vier Kandidaten unterstützten den Staat, es gebe keine Teilung in ein „revolutionäres und anti-revolutionäres Lager“. Chamenei sagte, der Oppositionelle Mussawi sei ebenfalls ein „loyaler Vertreter des Staates“, er habe viele Jahre gut mit ihm zusammengearbeitet.

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,631350,00.html

    Das hätte auch ein Horst Köhler nicht demokratischer sagen können. Warum der Iran dennoch nicht als eine Demokratie gilt, schreibst Du doch sogar selbst: das ist halt ein politmoralischer Ehrentitel, der denen abgesprochen werden soll. Genau so wie er den neuen Regimes in Afghanistan und im Irak zugesprochen wird und zwar völlig getrennt davon, dass es dort bei Wahlen anders zugeht, als im Freien Westen. Dieser dem imperialistischen Interesse des Freien Westens (samt den Streit innerhalb seiner darum) Sortierung verleiht die Politoideologie mit weißen Schimmeln der Sorte „autoritäre Herrschaft“ die höheren wissenschaftlichen Weihen scheinbarer Neutralität.

    http://www.gegenstandpunkt.com/gs/05/1/freiwahl.htm

  121. Gravatar Icon 121 lysis 19. Juni 2009 um 22:58 Uhr

    stimmt schon, die nazis haben ja auch drei reichstagswahlen und drei volksabstimmungen durchgeführt. war folglich eine lupenreine demokratie. die nannten das ja auch selbst eine „führerdemokratie“!

    ps: gibt’s eigentlich ein land, das nach deiner definition keine demokratie ist? mir fiele keines ein.

  122. Gravatar Icon 122 MPunkt 19. Juni 2009 um 23:44 Uhr

    Dass die Herrschaft im Iran Differenzen zu denen des Freien Westens aufweist, bestreitet hier doch eh niemand. Es ist aber verkehrt, das unter der Fragestellung zu diskutieren, ob sie Demokratie als Ehrentitel verdient oder nicht. Denn dadurch weiß man weder was über die westlichen Demokratien, noch über die iranische Herrschaft. Sondern da nimmt man immer nur jeden Unterschied als Abweichung von der an sich guten Demokratie her.

  123. Gravatar Icon 123 star wars 20. Juni 2009 um 0:13 Uhr

    @MPunkt

    Warum der Iran dennoch nicht als eine Demokratie gilt, schreibst Du doch sogar selbst: das ist halt ein politmoralischer Ehrentitel, der denen abgesprochen werden soll.

    Nein, die demokratische Regierungsform, wie ich sie zumindest kenne, hat als Grundlage a) eine Produktionsweise, die über monopolisierte Verfügungsmacht über Produktionsmittel Geldvermehrung zum vorherrschenden Zweck der materiellen Produktion erhebt b) ein Volk, dass sich über einen Gesamtwillen zu dieser Produktionsweise, unter einer monopolisierten Zentralgewalt unterwerfen möchte. Der Iran ist in Bezug auf a) ein gespaltenes Land. Einerseits eine aufstrebende Mittel- bzw. Oberschicht, reichhaltige Bodenressourcen, territorial mit vielfältigen Zugangsmöglichkeiten nach Zentralasien sowie dem Nahen und Mittleren Osten. Der Verfügungs- sowie Gestaltungsanspruch des Iran soll nach den Wünschen imperialistischer Weltmächte eingedämpft werden. Andererseits verharrt ein Großteil der Bevölkerung weitgehend in Armut, aufstrebende Schichten, z.B. Akademiker, verweilen trotz Aufstiegsmöglichkeiten in untere Einkommensregionen. Ein Volkswille im bürgerlichen Sinne existiert im Iran ebenfalls nicht. Es gibt Kurden, türkischstämmige Volksstämme, mit separatistischen Bestrebungen ausgestattete Ostregionen des Landes. Alles im Allen ist der Iran ein Staat/ein Land, welches zwischen Arm und aufstrebenden Mittelschichten, ethnisch-territotiralen Spannungslinien, sowie in einer Zerreißprobe zwischen Macht- und Entfaltungswünschen des iranischen Staates und Eindämmungsbestrebungen imperialistischer Weltmächte, hin und her pendeln muss. 1979 hat Khomenei diese vielfältigen ökonomischen, politischen und sozioökonomischen Widersprüche über eine Renaissance des Islam als offizieller Staatsdktrin zu lösen versucht. Der Islam soll als sozialmoralisches Bindemitglied die iranische Gesellschaft die vielfältigen sozialen, ethnischen und machtpolitischen Konfliktlinien, nach Innen und nach Außen, eindämmen. Über Religion soll der innere Zusammenhalt der iranischen Gesellschaft herbeigeführt werden. Das westliche Weltmächte dem Iran den Ehrentitel Demokratie absprechen ist der Führungsriege dort relativ wurscht, die treiben andere Intagrations- und Machtentfaltungsansprüche des, und im Iran, um.

  124. Gravatar Icon 124 MPunkt 20. Juni 2009 um 8:31 Uhr

    @ star wars: Dass es der iranischen Elite wurscht ist, ob der Westen ihr den Titel Demokratie zuerkennt, ist doch kein Einwand dagegen, dass der Westen dem Iran diesen Titel deshalb aberkennt, um das in seiner politmoralischen Agitation gegen den Iran zu wenden.

    Aber Du hast recht – war jedoch auch gar nicht bestritten –, dass der Iran keine Demokratie wie im Westen ist. Denn es stimmt ja, dass diese zur Voraussetzung eine Einigkeit in Volk und Elite über das nationale Projekt (bürgerlicher Staat und dessen Konkurrenzerfolg) voraussetzt, so dass es sehr sachgerecht ist, wenn das Volk an Hand von Programm dafür und Persönlichkeit über die passenden Figuren abstimmt, welche dieses Projekt herrschaftlich betreuen und vorantreiben sollen. Weil diese Einigkeit besteht, erkennen auch die Verlierer ihre Niederlage an, während die Gewinner ihr einräumen, weiterhin ihre konstruktiven Alternativen vorlegen zu können, um damit das nächste mal vielleicht gewählt zu werden.

    Diese prinzipielle Einigkeit über das Staatsprogramm besteht im Iran nicht, was sich schon daran zeigt, dass massig Leute kandidieren, welche dann vom Wächterrat als Abweichler vom Staatsprogramm von den Wahlen ausgeschlossen werden und die also nicht als dessen konstruktive Verwalter gelten. Einerseits. Andererseits sind die Wahlen dort aber auch keine reinen Akklamationsveranstaltungen für das Herrschaftspersonal (die dann auch eine für dessen Staatszweck sein sollen), wie die Wahlimitate von Diktaturen, sondern das Volk ist schon aufgerufen, der Herrschaft zuzustimmen, indem es sich Gedanken macht, welcher der zugelassenen Kandidaten am Besten für die Umsetzung des Staatsprogramms islamische Republik sorgen wird, den es dann ankreuzen soll. Dieses elementare Element der Demokratie gibt es dort also schon.

    Wann dem Westen Elemente von Demokratie als gute demokratische Herrschaft (welche wegen Problemen bei den Wahlen weiterer Kontrolle bedarf) gelten und wann diese bloß Schein sein, um eine schlechte undemokratisches Herrschaft zu akklamieren, macht sich gar nicht an den Staaten selbst fest, sondern an der Stellung des Westens zu ihnen. Wie gesagt sind da Afghanistan und der Irak jetzt Demokratien, während der Iran keine sein soll.

    Diese Unterteilung auf demokratieidealistisch machen diejenigen Linken mit – und gegen die richtete sich meine Kritik –, welche Herrschaftstechniken, die ihnen (besonders) unangenehm aufstoßen, aus der an sich guten Demokratie ausklammern, dann entlang dessen die (bürgerliche) Staatenwelt in „immerhin“ Demokratien und ganz schlimm Diktaturen unterteilen, was ihnen tautologisch wieder ihren Demokratieidealismus bestätigt, dass Demokratien ja „immerhin“ nicht so schlimm wären wie Diktaturen.

  125. Gravatar Icon 125 lysis 20. Juni 2009 um 10:40 Uhr

    mpunkt: der souverän des staates, ali khamenei, steht aber doch gerade nicht zur wahl, sondern nur sein subalternes staatspersonal, wobei die leute auch nur über vorausgewählte teams abstimmen können. und wenn ihm da tatsächlich mal ein kuckucksei ins nest gelegt wird, auf das er absolut keinen bock hat, wie im falle mohammed khatamis, der den repressiven charakter des regimes ein bisschen auflockern wollte, legt der religiöse führer halt konsequent sein veto ein – mit der folge, dass khatami sich am ende vor seine wähler_innen stellen und zugeben musste, dass er leider nichts von dem verwirklichen konnte, was er ihnen mal versprochen hatte. so einfach!

    wenn man das nun so benennt, dann hat das doch nichts damit zu tun, dass man den präharmonierten zustand im westen, wo nicht mal mehr repression erforderlich ist, um die leute dem bürgerlichen staatszweck zu unterwerfen (weil die ihn ja längst teilen!), abfeiern würde. im gegenteil: gerade weil die massen im iran nicht wirklich in das system integriert sind, sondern mit äußerster gewalt unter das joch des regimes gebeugt werden müssen – und zwar unter einsatz von millionen (!) von gedungenen revolutionswächtern und paramilitärs, die sich davon einen gesellschaftlichen aufstieg und die teilhabe an den pfründen der staatsunternehmen und öleinkommen versprechen –, hat man es mit einer revolutionären situation im permanenten wartestand zu tun.

    und wie ich das ja schon die ganze zeit gleich einem mantra wiederhole: revolutionen gibt es ihrer potenz nach nur in solchen ländern wie dem iran – d.h. in der peripherie des kapitalistischen weltsystems, wo das proletariat noch nicht vollständig, d.h. bis zum letzten gedanken und fühlen, in die kategoriale logik der bürgerlichen gesellschaft integriert ist. in deutschland ist so etwas wie ein revolutionärer ausbruch dagegen eine bloße fiktion, weswegen das ständige kommunismusgerede in der hiesigen linken schon fast peinlich ist. etwas anderes als rassismus und imperialismus zu bekämpfen, d.h. die gewalt des bürgerlichen staates nach außen, gegenüber flüchtlingen und migrant_innen sowie den ausgesonderten teilen seiner bevölkerung, gibt es hier auch gar nicht zu tun.

  126. Gravatar Icon 126 star wars 20. Juni 2009 um 10:42 Uhr

    Andererseits sind die Wahlen dort aber auch keine reinen Akklamationsveranstaltungen für das Herrschaftspersonal (die dann auch eine für dessen Staatszweck sein sollen), wie die Wahlimitate von Diktaturen, sondern das Volk ist schon aufgerufen, der Herrschaft zuzustimmen, indem es sich Gedanken macht, welcher der zugelassenen Kandidaten am Besten für die Umsetzung des Staatsprogramms islamische Republik sorgen wird, den es dann ankreuzen soll.

    Es wird aber kein iranisches Staatsprogramm mehr geben wenn der Iran in einen Bürgerkrieg versinkt. Da kannst du vielleicht sehen das demokratische Wahlen mehr bedeuten als bloß irgendwo ein Kreuzchen, Zwecks Ermächtigung des Herrschaftspersonals in einer Demokratie, abzugeben. Da wird eine grundsätzliche Zustimmung zu Staat und Kapitalismus alle paar Jahre feierlich zelebriert, selbst wenn über Wahlen eine Bestimmung des Volkes über das besondere, noch in Parlament und Parteiausschüssen sich durchzusetzende Staatsprogramm, ausgeschlossen ist.

    Oder hattest du vielleicht schon mal in Europa der letzten 25 Jahre das Gefühl dass der Walausgang einer Präsidentschaftswahl eine Oppositionsbewegung auf die Straße bringen könnte, oder auch mal separatistische Bestrebungen, sagen wir mal in Ostfriesland oder Bayern, mit sich bringen könnte. Demokratie ist eben doch nicht bloß eine Herrschaftsmethode, sondern exakt die Herrschaftsmethode die zum Kapitalismus, plus ein für diesen instrumentalisierten, und benutzbarem, Staatsvolk hinein passt. Wenn die aufstrebende Mittelschicht im Iran ihren Kapitalismus durchsetzen will, dann möglicherweise gegen die Islamische Republik und ihren Ayatollahs, möglicherweise auch nur über Krieg, bzw. einen neuerlichen Ausverkauf der iranischen Bodenressourcen ins imperialistische Ausland. Einen Kapitalismus wollen die Herren Imperialisten im Irannämlich nur unter der Bedingung sehen dass die reichlich im Iran ausbeutbaren Bodenressourcen in westlicher Kontrolle , bzw. ein von ihnen protegiertes Regime, liegen müssen. Ayatollah Khomeini, der die Islamische Revolution von 1979 anführte, musste erkennen dass der Ausverkauf der iranischen Staatsräson gegenüber imperialistischen Weltmächten (unter dem Shah und noch früher) nichts gebracht hat. In seinen Augen war der Islam vielleicht der letzte Ausweg eine Staatsräson zu installieren, um den „Iran“ aus den Klauen fremder Supermächte zu befreien.

  127. Gravatar Icon 127 negative potential 20. Juni 2009 um 15:07 Uhr

    evolutionen gibt es ihrer potenz nach nur in solchen ländern wie dem iran – d.h. in der peripherie des kapitalistischen weltsystems, wo das proletariat noch nicht vollständig, d.h. bis zum letzten gedanken und fühlen, in die kategoriale logik der bürgerlichen gesellschaft integriert ist.

    You can‘t have it both ways.

    Entweder:

    Du bist ein Verfechter der Wallersteinsche Weltsystemtheorie und Althussersche Begriff der expressiven Totalität. Dann gibt es aber keine „vollständige Integration“ in dem Kapitalismus, weil der real existierende Kapitalismus immer in konkrete soziale und politische Zusammenhänge eingebettet ist. (Articulated totality, homeboy!)

    Oder:

    Du bleibst immer noch Wertkritiker, und pflegst einn teleologisches Glauben an einen Kapitalismus, der irgendwann „seinem Begriff gerecht“ wird.

    Nach deiner nicht durchdachte Argumentation, können die Leute in Deutschland auch nicht vollständig kapitalistisch integriert sein.

    Denn Deutschland hat immer noch diesen komischen Ausbildungssystem, wo mann immer noch auf eine Berufsschule gehen muss, um als Kassiererin bei Karstadt zu arbeiten. Laut deine teleologische Auffassung, ist Deutschland dann irgendwie doch nicht vollständig kapitalistisch, denn es gibt immer noch solche Überbleibsel des mittelalterlichen Zunftwesens.

    Wenn Man aber nach Wallerstein und Althusser verfährt, ist Ira genauso kapitalistisch wie Deutschland, und die Menschen sind nicht mehr oder weniger im System integriert.

  128. Gravatar Icon 128 negative potential 20. Juni 2009 um 15:09 Uhr

    Althussersche Begriff der expressiven Totalität.

    artikulierte Totalität meine Ich.

  129. Gravatar Icon 129 kackbratze 21. Juni 2009 um 7:33 Uhr

    So, wider dem Verbalradikalismus, also dann lasst mal Taten folgen. Ganz einfach geht das damit.
    http://91.199.0.11/

    Sollte auf 1 oder 2 Sekunden gestellt werden. Bei mir läuft das jetzt schon die ganze Zeit nebenbei. Wenns um Krawall geht, bin ich natürlich trotzdem dabei.

    via
    http://shooresh1917.blogspot.com/2009/06/minute-by-minute-with-revolution.html?commentPage=2

  130. Gravatar Icon 130 lysis 22. Juni 2009 um 1:34 Uhr

    Du bleibst immer noch Wertkritiker, und pflegst einn teleologisches Glauben an einen Kapitalismus, der irgendwann „seinem Begriff gerecht“ wird.

    @negative potential: Ich war nie Wertkritiker, weil ich solche theoretischen Schließungen immer abgelehnt habe. Und ein Verfechter Louis Althussers bin ich schon gar nicht. Ich fand lediglich ein Argument von ihm gut, nämlich dass sich das Kapital nicht unter Zuhilfenahme der Hegelschen Dialektik verstehen lässt, weil der Totalitätsbegriff bei Marx ein ganz anderer ist – der einer strukturierten Totalität, in der sich die einzelnen Kategorien gegenseitig stützen und logisch voraussetzen (z.B. ist Wert nicht ohne Klasse zu denken und das bürgerliche Klassenverhältnis nicht ohne seine wertförmige Vermittlung). Mit Althusser lassen sich Leute kritisieren, die das Kapital bzw. den Wert nicht als komplexes, sachlich vermitteltes und zahlreicher Voraussetzungen (wie etwa der Eigentumslosigkeit der breiten Masse) bedürftiges Sozialverhältnis, sondern mit Hegel als ein erscheinendes Wesen, als Subjekt=Substanz, „Gott“ oder, in den Worten von Marx: automatisches Subjekt denken, das sich und seinen vermeintlichen Widerspruch logisch (im Aufbau des Kapital) und historisch (von der ersten Münzprägung in der Antike bis zur Gegenwart) auf immer höherer Stufenleiter reproduziert.

    Es handelt sich bei diesem Hegelmarxismus, wie ihn zum Beispiel Bruhn vertritt, um eine bestimmte Lektürestrategie für das Marxsche Kapital, die analog zu Hegels Phänomenologie des Geistes mit einer „Grund“kategorie wie dem Wert (bei Hegel: das Sein) beginnt und alle anderen Kategorien daraus folgen lässt, während Althusser zu zeigen versucht, dass sich die Kategorien gegenseitig voraussetzen, auch wenn Marx darstellungslogisch (d.h. mit Blick auf die Temporalität der Sprache) gezwungen ist, sie nacheinander in einer bestimmten Reihenfolge zu entwickeln (beginnend mit der Ware als einfachster und allein darum an den Anfang gestellter Kategorie).

    So weit die meiner Auffassung nach richtige Kritik von Althusser, die natürlich auch die Herangehensweise vieler Wertkritiker trifft. Man darf darüber aber nicht seine Schwächen vergessen. Was die Wertkritik dem Althusserianismus nämlich entschieden voraus hat, ist ein Bewusstsein vom Kapitalismus als Form fetischistischer Vergesellschaftung, in der die Verhältnisse der Personen nicht als soziale Verhältnisse, sondern als Natureigenschaften der Dinge erscheinen. Dieses Bewusstsein geht Althusser komplett ab.

    Und man kann die Kritik an Althusser noch weiter treiben, wenn man beginnt, die Argumente von Wallerstein zu wägen. Entgegen deiner Auffassung beißen sich Wallerstein und Althusser nämlich mindestens ebenso sehr wie dieser und die Wertkritik.

    Althusser fasst Kapitalismus als eine abstrakte Produktionsweise auf, die (in bestimmten Artikulationsverhältnissen mit anderen Strukturen und – so geht ja dein Argument – vorkapitalistischen Produktionsweisen) den historisch-geograhischen Raum auf kontingente (d.h. letztlich zufällige) Weise füllt.

    Dem steht auf ziemlich radikale Weise Wallerstein gegenüber, für den Raum und Zeit nicht leere physikalische Ausdehnungsformen sind, sondern immanente Kategorien des Systems selbst. Der Raum insofern, als das kapitalistische Weltsystem von Anbeginn auf einer konstitutiven sozialgeograhischem Asymmetrie von Zentrum, Peripherie und Semiperipherie basierte und nach Wallersteins Auffassung ohne Reproduktion dieser Asymmetrie auch gar nicht existieren kann. Die Zeit, weil der Kapitalismus sich nicht ohne seine konjunkturellen Zyklen und säkularen Trends denken lässt – wie etwa die Tendenz zur kontinuierlichen Expansion seiner Grenzen und zur zunehmenden „Proletarisierung“ der Weltbevölkerung, die allmählich aus ihren Subsistenz- und anderen, noch nicht vollständig durchkapitalisierten (Re-)Produktionsverhältnissen herausgerissen wird (Rosa Luxemburg bezeichnete das ziemlich treffend auch als „innere und äußere Landnahme“).

    Insofern gibt es – und das ist ja gerade der Punkt, den Wallerstein macht – sehr wohl eine Teleologie – allerdings nicht der Geschichte als solcher, sondern eine, die der expansiven Logik des Kapitalverhältnisses (und ihr allein) immanent ist.

    Der strukturale Marxismus von Althusser verfehlt das natürlich ums Ganze, aber er steht mit seinen wunden Punkten und Achillesfersen nicht allein da. So könnte ich jetzt z.B. fortfahren und auch die Schwächen von Wallerstein herausstellen, der sich zwar in letzter Zeit viel mit epistemologischen Fragen befasst hat, aber ebenso wenig wie Althusser über einen Begriff von fetischistischer Vergesellschaftung verfügt. Und es sind diese immanenten Schwächen, die begründen, warum ich mich ganz bewusst als Eklektizist verstehe und jede voreilige theoretische Schließung für regressiv, ja unmaterialistisch halte. Denn die Realität ist kein Bebilderungsmaterial für in Weltanschauungen umschlagende Theoriesysteme, sondern Theorien Werkzeuge und fragmentarische Modelle, um sich einer Realität zu nähern, die im Denken niemals vollständig und ohne Mangel repräsentiert werden kann.

    Und um festzustellen, dass es in den kapitalistischen Metropolen seit Jahrzehnten keinen Funken revolutionären Potentials mehr gibt, brauch ich keine Theorie, aus der ich das erst umständlich „ableiten“ muss; das seh ich auch so. Theorie brauch ich vielmehr, um mir diesen Tatbestand zu erklären. Eine Theorie, die etwas, das so offen und für alle sichtbar zu Tage liegt, verdrängen und abstreiten muss, nur weil’s ihr gerade nicht ins Konzept passt – das brauch ich allerdings nicht.

  131. Gravatar Icon 131 pro_kommunismus 25. Juni 2009 um 14:35 Uhr

    Das du, Lysis, dich offenbar für die persischen Zustände interessiert, wäre es doch mal eine verdienstvolle Tätigkeit, herauszufinden, was denn relavante Forderungen der „grünen Welle“ sind. DANN erst würde es sich lohnen, ein genaueres Urteil darüber abzugeben. Allgemein lässt sich natürlich bisher sagen, dass da eine Bewegung einen anderen nationalen Führer will als den offiziell gewählten. So weit so unsympathisch, aber ein paar mehr Informationen wären trotzdem schön. Meiste, du kriegst da was raus?

  132. Gravatar Icon 132 industriekletterer 28. Juni 2009 um 18:43 Uhr
  133. Gravatar Icon 133 adel 17. Juli 2009 um 23:09 Uhr

    revoluzzer haben keine möglichkeit zu revoltieren
    das ist die sache der grossen mehrheit für die grosse mehrheit
    umwälzung der gesellschaft wird nicht geplant, sondern passiert
    und hat natürlich eine eigene logik der entwicklung

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