Sexuelle Machtergreifung

Grandios – der Vortrag/Aufsatz von Dagmar Herzog über die religiöse Rechte in den Vereinigten Staaten und ihren nahezu widerstandslosen Durchmarsch auf sexualpolitischem Terrain:

In den Anfangsjahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts: Der Diskurs über Sex in den USA grenzt inzwischen ans Halluzinatorische. Der Verkauf von Vibratoren ist in dreizehn Bundesstaaten nicht erlaubt, weil, wie ein Gericht in Alabama formuliert, Regierungen ein legitimes Interesse daran haben, „das Streben nach artifiziell herbeigeführten Orgasmen“ zu unterbinden. Apotheker in mehreren Bundesstaaten dürfen den Verkauf von Kontrazeptiva an unverheiratete Frauen – trotz Arztrezept – verweigern, falls unehelicher Sex mit ihrem „Gewissen“ im Konflikt stehen sollte. […] Zwanzigtausend Anti-Onanie-Päckchen (samt Bibel und Warnungen auch vor Flirt, begehrlichen Blicken und „unreinen Gedanken“) werden an amerikanische Soldaten und Soldatinnen in Afghanistan und im Irak verschickt. […] Die seit 2006 verfügbare Impfung gegen das Human Papilloma Virus, der unter anderem genitale Warzen und Gebärmutterhalskrebs verursacht, löste eine lautstarke Kampagne gegen die flächendeckende Impfung junger Mädchen aus: Eine verringerte Angst vor Krankheit, so wird argumentiert, leiste womöglich vorehelichem Sex Vor­schub. Und an sogenannten „Reinheitsbällen“ (purity balls) geloben junge Mädchen von Florida bis Colorado in schicken Kleidern vor Gott und ihren Papis […], dass sie ihre Virginität bis zur Hochzeitsnacht erhalten werden.

[…]

In einem Drittel aller öffentlichen amerikanischen High Schools wurde 2003 Abstinenz vor der Ehe als die einzige Möglichkeit erwähnt, ungewollte Schwangerschaften und Geschlechts­krankheiten zu verhindern; 2006 galt dies bereits für fünfzig Prozent aller High Schools. […] Im Jahr 2006 knüpfte die amerikanische Regierung die Vergabe von Bundesgeldern für schulische Aufklärung an die Bedingung, es sei dabei zu vermitteln, dass voreheliche sexuelle Kontakte zu verringertem Selbstwertgefühl, Depressionen und Suizidgedanken führen könnten. Im Bundesstaat Maryland gewann eine Gruppe konservativer Eltern im Jahr 2005 ein Gerichtsverfahren, welches die lokale Schulbehörde zwingen will, im Aufklärungs­unterricht darüber zu „informieren“, dass Homo­sexualität „kurierbar“ sei. Definitiv vorbei ist die Ära, in der Lehrer/innen ohne Furcht für Konsens- und Verhandlungsmoral plädieren oder diverse lustbringende safe sex-Praktiken erläutern konnten; seit Beginn der neunziger Jahre werden ihre Schulleitungen von enragierten Eltern vor Gericht gezerrt. […]

Und mittlerweile geht es um viel mehr. Denn die US-amerikanische Verwirrung und Verdrehung von moralischen Werten wird nun auch aggressiv global exportiert. Länder in Afrika, Lateinamerika und Asien, die von der USAID (U. S. Agency for International Development) und Präsident George W. Bushs „PEPFAR-Programm“ (President’s Emergency Plan for AIDS Relief) Geld zur HIV-Bekämpfung bekommen, müssen seit 2005 beweisen, dass sie zwei Drittel der für die Prävention gegen sexuelle Übertragung vorgesehenen Mittel zur Verbreitung des Postulats nach Abstinenz und ehelicher Treue einsetzen und nur ein Drittel zur Verteilung von Kondomen verwenden. Es gibt siebzehn Länder in Afrika, die deswegen ihre Kondomprojekte (sowie Projekte zur Verhinderung der HIV-Übertragung von der Mutter aufs Kind) reduzieren mussten. Das Leben Hunderttausender steht auf dem Spiel.

[…]

In Anbetracht des durchschlagenden Erfolgs der religiösen Rechten sowie der allgemeinen, und tendenziell konservativen, Religiosität des Landes – Umfragen zeigen unter anderem, dass mehr Amerikaner an den Teufel glauben als an die Evolution – sind die Demokraten sexualpolitisch und gerade dadurch auch gesamtpolitisch während des letzten Jahrzehnts völlig in die Defensive geraten. […] Entweder haben die Demokraten sich selbst mundtot gemacht, denn auch unter den renommierten liberalen Senatoren finden manche nicht die Worte, Pornographie oder auch eine praxisbezogene und umfassende Sexualaufklärung zu verteidigen. Oder sie versuchen – wie etwa im September 2006 in der Affäre um Senator Mark Foley aus Florida, welcher der sexuellen Belästigung von männlichen Teenagern angeklagt wurde – die religiöse Rechte und ihren straf­affektbeladenen sexual­konservativen Diskurs noch zu über­treffen. […] Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton zum Beispiel postuliert schon seit Jahren das „Teenagerzölibat“ (teen celibacy). […] Und bereits 1996 haben Demokraten nicht protestiert, als eine Gesetzesvorlage zur Ausrichtung schulischer Aufklärung auf Abstinenz […] in Bill Clintons Wohlfahrtsreform eingeschleust wurde. […]

Aus europäischer Sicht kann es schwer sein, sich vorzustellen, wie flächendeckend die US-amerikanische Bevölkerung sich das Ideal jugendlicher Keuschheit erneut zu eigen gemacht hat […] und wie die Medien und auch die liberaleren Kommen­tatoren und politischen Berater einstimmen in die Meinung, jugendliche Sexualität sei besser zu vermeiden oder wenigstens zu verzögern. […] Und kein Politiker schafft es, den Krieg gegen die Kondome und den Feldzug für eheliche Treue und Abstinenz bei der internationalen HIV-Bekämpfung als Heuchelei und Sadismus zu entlarven. […] Aber auch in Westeuropa gibt es national- und sexualkonservative Stim­men, die sich zunehmend lauter regen. Und zudem haben gerade Europäer in diesen Tagen offensichtlich manche Schwierigkeiten, liberalere Sexualwerte zu verteidigen, ohne es über den Umweg des antimuslimischen Rassismus zu machen.

Dagmar Herzog, „Illegitimes Kind der sexuellen Revolution: Die religiöse Rechte in den USA, Sex und Macht.“ Queer Lectures 1-4 (Männerschwarm, 2008), 9-46.

Weiterführend siehe auch: Dagmar Herzog, Sex in Crisis: The New Sexual Revolution and the Future of American Politics. Basic Books, 2008.


14 Antworten auf „Sexuelle Machtergreifung“


  1. Gravatar Icon 1 brooklyn 13. Juli 2009 um 7:15 Uhr

    Krass. Davon kriegt man hier in New York gar nichts mit; ich erfahre eher das Gegenteil (d.h. im Vgl. zu Europa mehr sexuelle Freizuegigkeit). Und Kondome gibt’s hier an jeder Ecke kostenlos. Aber vielleicht stimmt dann der alte Satz doch, dass New York nicht die USA sind…

  2. Gravatar Icon 2 Entdinglichung 13. Juli 2009 um 10:35 Uhr

    was die Verbreitung derartiger Ansichten in den USA angeht sind viele Zahlen übertrieben (keine der m.E. verlässlichen Zahlen übersteigt 30%, was immer noch viel zu viel ist), dass Problem ist, dass die „Religious Right“ zum einen ihren Anhang sehr gut mobilisieren kann und zum anderen sowohl was die Primaries in der Republican Party wie auch bei allgemeinen Wahlen die Gruppe ist, welche häufig die wahlentscheidenden 3-5% zusammensammelt und daher die Agenda mitdiktieren kann (häufig in der Form, dass die RR für ihre Themen und normale Republicans für Wirtschaft und Aussenpolitik zuständig sind), auch kann das Pack einige Bundesstaaten (am schlimmsten soll es in Oklahoma sein wohingegen die RR in New England einflusslos ist) … immerhin hat sich die Zahl derjenigen, welche sich als Religion „none“ umgeben in den letzten 20 Jahren von 8% auf 16% verdoppelt

  3. Gravatar Icon 3 lysis 13. Juli 2009 um 18:07 Uhr

    @Entdinglichung: Was den Anteil der Evangelikalen an der amerikanischen Bevölkerung angeht, belaufen sich die Schätzungen auf bis zu 40%. Die New York Times spricht von 65% in der „World War II Generation“, 35% in der „Baby Boomers Generation“ und – das ist das erfreuliche – nur noch 4% unter zeitgenössischen Teenagern, die die Hauptbetroffenen dieser Form sexueller Machtergreifung sind. Wie im Iran ist es vor allem die Jugend, die sich vom religiösen Tugendterror abwendet.

    Ich weiß aber nicht, wie man einen Wählerblock in Höhe von, sagen wir vorsichtig: 25 bis 30% überhaupt seiner Bedeutung nach überschätzen kann. Das heißt nämlich, dass niemand Präsident (und kaum jemand Senator) werden kann, der sich offen gegen die sexuelle Agenda dieser Bewegung stellt. Die Folge ist ja auch, wie Dagmar Herzog eindrücklich erläutert, dass die Demokraten mitunter einfach nur „wiederholen […], was die religiöse Rechte sagt“ und den Republikanern „in ihren Standpunkten zu sexuellen Themen […] zum Verwechseln ähnlich sind“.

    Wir reden hier also nicht darüber, dass die religiöse Rechte mal irgendwann zur Gefahr werden könnte. Vielmehr bestimmt sie den öffentlichen sexuellen Diskurs – mit Ausnahme des Themas „Homo­sexualität“ – nahezu alleine. Sie hat, was das angeht, bereits gesiegt, weil sie über die Koordinaten des politisch Sagbaren entscheidet.* Und das skandalöse Totalverbot für Sex vor Erreichen der Volljährigkeit – abgrundtief heuchlerisch angesichts der Tatsache, dass selbst 13-Jährige für immerhin so willensreif gehalten werden, dass man sie lebenslänglich in den Knast steckt – legt davon beredtes Zeugnis ab.

    * „Es ist auch bezeichnend, dass schon 1994 Präsident Bill Clinton es nicht geschafft hat, die von ihm zum ‚Surgeon General‘ der USA ernannte afroamerikanische Ärztin Joycelyn Elders auf ihrem Posten zu halten: Sie wurde zum Rücktritt gezwungen, weil sie für den Einbezug des Themas der Onanie in die schulische Aufklärung plädiert hatte.“ (Herzog, 14)

    ***

    @brooklyn: Da kann ich nur lachen. Selbst der Vatikanstaat ist in Sachen Sexualstrafrecht tausendmal liberaler als der Staat New York. Wenn du unter „Freizügigkeit“ verstehst, dass man offen über Sex reden darf: ja, das ist die Grundlage der ganzen evangelikalen Bewegung, die, wie Dagmar Herzog richtig bemerkt, ein „illegitimes Kind der sexuellen Revolution“ ist. Das heißt, ihr ganzer Diskurs ist, durch alle autoritäre Strafsucht hindurch, nichts als unverhüllte Pornographie. Und sie ist längst zum größten Produzenten sexueller Ratgeberliteratur in den USA überhaupt mutiert:

    Denn die religiöse Rechte ist nicht einfach repressiv in sexualpolitischen Belangen, vielmehr verspricht sie ihren Anhängern – innerhalb der monogamen Hetero-Ehe – ekstatischen Sex. Sie ist keineswegs prüde und schon gar nicht wortkarg, sondern außerordentlich redselig und detailliert, wenn es um Sexualität geht. Zudem ist sie weder streng noch rückwärtsgewandt, sondern im Gegenteil höchst flexibel und postmodern. Es geht um bequeme Vergebung der Sünden und überdies um die Lust an der Aggression gegenüber Minderheiten. Zu verstehen gilt es also eine besondere Kombination von Glücksversprechen, self help-Therapeutismus und moralisch gerechtfertigter Gemeinheit gegenüber anderen, die es nicht so gut haben. (Herzog, 20 f.)

  4. Gravatar Icon 4 Entdinglichung 14. Juli 2009 um 10:32 Uhr

    wobei mensch zwischen Evangelicals einerseits und Religious Right andererseits kein Gleichheitszeichen setzen kann, zu ersteren kann mensch im theologischen Sinne bspw. auch die meisten schwarzen baptistischen Kirchen rechnen, die Religious Right ist nur ein Teil der evangelikalen Szene (in einem Artikel auf Talk2Action, die in aller Regel sehr gut informiert sind wurde deren Stärke mit rund 12% der EinwohnerInnen der USA beziffert), viele Evangelicals sind politisch uninteressiert bzw. sehen „Evangelicalism“ in erster Linie als religiöse Orientierung, die sich nicht zwangsläufig in Politik übersetzt … Zahlen aus „Umfragen“, die von 55%-75% Kreationismus-AnhängerInnen oder ApokalyptikerInnen ausgehen sind hingegen schlicht und einfach nicht glaubhaft

    das generelle Probleme mit den meisten Evangelikalen in den USA wie auch anderswo ist hingegen, dass es sich zumeist um relativ naive Menschen handelt, welche sich sehr leicht für eine in ein christlich duftendes Einwickelpapier verpackte Agenda instrumentalisieren lassen

  5. Gravatar Icon 5 lysis 14. Juli 2009 um 12:40 Uhr

    es ist ja egal, wie groß die religiöse rechte nun in prozenten ist. tatsache bleibt, dass beide parteien an sie als wählerspektrum appellieren (und wahrscheinlich appellieren müssen, weil jedes einzelne prozent wahlentscheidend ist).

    auch obama hat das übrigens getan, und zwar ausgiebig. deswegen sollte man sich in sexualpolitischer hinsicht nicht allzu viel von ihm erwarten. und er ist ja schon kräftig dabei, selbst die kleinsten diesbezüglichen hoffnungen zu enttäuschen.

    die sexuelle hegemonie der religiösen rechten ist also nicht in gefahr. über fortschritte auf diesem gebiet kann man vielleicht in 25 jahren wieder reden, wenn ein großteil der heutigen evangelikalen tot ist und ihre vom glauben abgefallenen kinder das politische sagen haben.

    wobei es auch fortschritte durch mutige verfassungsrichter gibt: der mit 17 wegen einverständlichem sex mit einer 15-jährigen von den amerikanischen mullahs zu zehn jahren haft verurteilte genarlow wilson z.b. ist nach einer odysee durch die instanzen wieder auf freiem fuß. das oberste gericht von georgia entschied 2007, dass das gegen ihn (offensichtlich aufgrund seiner dunklen hautfarbe) verhängte schweine-urteil gegen „das verbot grausamer und ungewöhnlicher bestrafung“ verstoße. (die fundamentalistischen parlamentarier, die für das gesetz verantwortlich sind, die bigotten und rassistischen richter, die das urteil fällten, und der faschistische justizminister, der jede begnadigung ablehnte, laufen leider immer noch frei herum.)

  6. Gravatar Icon 6 lysis 14. Juli 2009 um 13:46 Uhr

    On December 21, 2006, The New York Times published an editorial condemning the Georgia Supreme Court’s original refusal to hear Wilson’s appeal, noting that Wilson was not a sexual predator, and that his behavior would have only been a misdemeanor if he had actually had sex with the girl, instead of having had oral sex (due to a loophole in the applicable law’s provision intended to prevent exactly this kind of dubious conviction).

    Oral sex has long had a special criminal status in Georgia law; until 1998, oral sex even between husband and wife was punishable with up to 20 years in prison. The United States Supreme Court, in 1986, originally upheld Georgia’s anti-sodomy law (which covered both oral sex and anal sex) as constitutional even when applied to criminalize two consenting adults in the privacy of their bedroom (Bowers v. Hardwick, 478 U.S. 176). Twelve years later, Georgia’s Supreme Court would, however, find that the same law upheld by the U.S. Supreme Court was unconstitutional on state constitutional grounds, at least as applied to oral sex with persons over the age of consent (Powell v. Georgia, S98A0755, 270 Ga. 327, 510 S.E. 2d 18 (1998)).

    Wenn man sowas liest, kann man eigentlich nur noch zu dem Schluss kommen, dass die USA zu großen Teilen nichts als eine Art demokratischer Iran ist, der sich in Sachen sexueller (und anderer) Menschenrechte lieber nicht zu weit aus dem Fenster hängen sollte.

  7. Gravatar Icon 7 lysis 14. Juli 2009 um 20:11 Uhr

    Meinungsumfragen von Gallup zum Thema Evolution – kein Fortschritt erkennbar!

  8. Gravatar Icon 8 negative potential 15. Juli 2009 um 8:46 Uhr
  9. Gravatar Icon 9 ascetonym 20. September 2009 um 13:41 Uhr

    http://www.sueddeutsche.de/kultur/870/488269/text/

    USA: Umgang mit Sexualstraftätern
    Verdammt in alle Ewigkeit

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