C‘est l‘Eglise!

Eine Religion, die derart Anspruch erhebt auf die tägliche Regierung der Menschen in ihrem wirklichen Leben unter dem Vorwand ihres Heils und im Maßstab der Menschheit, das ist die Kirche, und es gibt dafür in der Geschichte der Gesell­schaften kein weiteres Beispiel. Ich denke, daß sich hier, mit dieser Institutionalisierung einer Religion als Kirche – und ich muß dies recht knapp ausführen – ein Machtdispositiv zumin­dest in seinen großen Linien formt, das nirgendwo sonst zu finden ist, ein Machtdispositiv, das niemals aufgehört hat, sich innerhalb von fünfzehn Jahrhunderten zu entwickeln und im großen und ganzen zu verfeinern, sagen wir, vom zweiten, dritten Jahrhundert nach Christus bis zum 18. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Die pastorale Macht, die vollkommen an die Organisation einer Religion als Kirche gebunden ist, der christlichen Religion als christlicher Kirche, diese pastorale Macht hat sich zweifellos im Laufe dieser fünfzehn Jahr­hunderte währenden Geschichte beträchtlich verändert. Zwei­fellos wurde sie in verschiedene Formen deplaziert, disloziert, transformiert, integriert, doch wirklich abgeschafft wurde sie im Grunde genommen nie. Und wenn ich das 18. Jahrhundert als Ende des pastoralen Zeitalters ansetze, ist es wahrscheinlich, daß ich mich nochmals irre, denn die pastorale Macht, die als Macht ausgeübt wird, ist in ihrer Typologie, ihrer Organisation, in ihrer Funktionsweise tatsächlich etwas, von dem wir uns zweifellos noch immer nicht frei gemacht haben.

Michel Foucault, Sicherheit, Territorium, Bevölkerung : Geschichte der Gouvernementalität 1 : Vorlesung am Collège de France 1977-1978. Hrsg. v. Michel Sennelart, übers. v. Claudia Brede-Kronersmann u. Jürgen Schröder. Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 2006. 218 f.


8 Antworten auf „C‘est l‘Eglise!“


  1. Gravatar Icon 1 ascetonym 14. Juli 2009 um 16:52 Uhr

    Non, c‘est l‘Église! :-"

  2. Gravatar Icon 2 lysis 14. Juli 2009 um 17:36 Uhr

    o mann, das kommt doch aber von ecclesia. dieses verkommene provinzlatein! :">

  3. Gravatar Icon 3 earendil 14. Juli 2009 um 18:21 Uhr

    „unter dem Vorwand ihres Heils“

    Wieso Vorwand? Die Kleriker glaub(t)en doch wirklich, dass ihr Tun den Menschen zum Heil dient.

  4. Gravatar Icon 4 lysis 15. Juli 2009 um 2:22 Uhr

    Ich glaube nicht, dass Foucault diese Ebene der Hermeneutik, d.h. des Nachvollzugs individueller Absichten, interessiert. Es geht schließlich darum, was etwas ist und nicht darum, was Leute sich dabei denken.

    Man könnte es auch so sagen: mit ihrem – vielleicht an sich völlig unschuldigen – Glauben reproduzieren die Subjeke ihre Unterwerfung unter ein Machtregime, ob sie das wollen oder nicht. Und das ist ein Grund, warum man ihnen den Glauben vielleicht doch besser abgewöhnen sollte anstatt ihn – Friede, Freude, Eierkuchen – als ihren persönlichen Spleen zu respektieren.

  5. Gravatar Icon 5 earendil 15. Juli 2009 um 9:21 Uhr

    Na, mach man. Ich lass mir meinen „persönlichen Spleen“ jedenfalls nicht abgewöhnen. Aber gut, ich reproduziere damit ja auch kein Machtsystem.

  6. Gravatar Icon 6 lysis 15. Juli 2009 um 10:30 Uhr

    Eigentlich wollte ich jetzt sowas schreiben wie: „Warum Christen einem in kritischen Situationen immer ihre nackte Kehle präsentieren müssen!“. Aber dann hab ich das hier gelesen:

    Das vor Jahrzehnten bereits widerlegte Konzept einer angeborenen Beißhemmung bei Hunden und anderen Beutegreifern hält sich ungebrochen sowohl in Teilen der populärwissenschaftlichen wie auch der kynologischen Literatur […] Gegen diese Deutung des Verhaltens hatte sich vor Erik Zimen bereits 1967 der Basler Ethologe Rudolf Schenkel gewandt. Wie Zimen wies er darauf hin, dass sowohl Lorenz als auch Fischel so gut wie alles, was beim Hundekampf zu beobachten sei, missverstanden hätten […] Wenn ein Hund nach einer Rangelei seine Kehle darbiete, so sei es zum Beispiel stets das überlegene Tier, das so seine Überlegenheit anzeige, im Sinne von: „Ich bin so stark, dass du mir nicht mal in dieser für mich gefährlichen Situation an die Gurgel gehen kannst.“

    ;)

  7. Gravatar Icon 7 Thiel Schweiger 15. Juli 2009 um 17:06 Uhr

    Um die linguistischen Spitzfindigkeiten weiter zu treiben: ursprünglich kommt das Wort ja aus dem Griechischen von „ekkläsia“, was im alten Athen die Volksversammlung und im neuen Testament soviel wie die christliche Gemeinde bedeutet. Wörtlich bedeutet es soviel wie „Aus-Rufung“.

    Soviel ich weiß kommt auch das über mannigfache Verballhornungen das deutsche Wort „Kirche“ daher.

    Ich persönlich erkläre mir das Wort „Kirche“ ja eher über den Namen der Zauberin „Kirke“, aber das ist reine Assoziation.

  8. Gravatar Icon 8 lysis 17. Juli 2009 um 1:13 Uhr

    Wer dies Schicksal der Zeit [die Entzauberung der Welt] nicht männlich ertragen kann, dem muß man sagen: Er kehre lieber, schweigend, ohne die übliche öffentliche Renegatenreklame, sondern schlicht und einfach, in die weit und erbarmend geöffneten Arme der alten Kirchen zurück. Sie machen es ihm ja nicht schwer. Irgendwie hat er dabei – das ist unvermeidlich – das »Opfer des Intellektes« zu bringen, so oder so. Wir werden ihn darum nicht schelten, wenn er es wirklich vermag.

    -- Max Weber
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