Especially in the Middle East

Ganz beiläufig liefert Tom Segev in Es war einmal ein Palästina eine aufschlussreiche Quelle über gleichgeschlechtliche Liebe in der britischen Mandatszeit. Ohne irgendwelche Etiketten zu applizieren (wie das unter deutschen Antifas als Rassifizierungsstrategie so beliebt ist), erzählt er die Liebesgeschichte von Sari, dem Sohn von Khalil as-Sakakini, einem etwas bekannteren christlich-arabischen Autor, Dichter und palästinensischen Nationalisten, dem in Segevs Gesellschaftsbiographie eine tragende narrative Rolle zukommt. Die Sakakinis waren eine sehr kosmopolitisch eingestellte Familie, deren Vater bekannt dafür war, sich als Gründer der Dusturiyyah-Schule für „die geistige Befreiung der Schüler, sexuelle Aufklärung, humanistische und sozialistische Ideen“ einzusetzen (was ihn allerdings nicht davon abhielt, in seinem Tagebuch mit Al-Husseini und den deutschen Nazis zu sympathisieren). Die Erzählung setzt kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein, als Sari mit einem Magistertitel in Politikwissenschaft von der Universität Michigan/USA zurückkehrt, um im amerikanischen Konsulat von Jerusalem eine Stelle anzutreten:

Seine Schwester Hala, die an der Amerikanischen Universität in Beirut studierte, erinnerte sich, ihr Bruder habe eine Vorliebe für Cornflakes, Whisky, Eistee und die Zeitschrift Life mit nach Hause gebracht. In vielerlei Hinsicht hatte er den amerikanischen Traum seines Vaters verwirklicht. In Jerusalem fand er bald einen Freund: Omran, einen Taxifahrer. Es war eine Liebe ohne Zukunft.[*]
[…]

Kurze Zeit nachdem Sari as-Sakakini in Jerusalem Omran kennen gelernt hatte, schrieb er seinen Schwestern: „Er ist mein bester Freund. Seine Männlichkeit beeindruckt mich.“ Omran sei ihm sehr zugetan. Einige Monate später veröffentlichte Sari in einem vom CVJM in Jerusalem herausgegebenen Mitteilungsblatt einen Artikel mit der Überschrift „Mein bester Freund“: „Wir sind gerne zusammen, unternehmen gern Dinge zusammen. Jeder von uns ist in Gedanken stets beim anderen. Jeder von uns würde alles tun, um dem anderen eine Freude zu machen. Wir kennen die Stärken und Schwächen des anderen. Wir vertrauen dem anderen, wir finden Zuflucht bei einander. Kaum dass wir uns trennen, sehnen wir uns schon wieder nach einander. Alle Ausdrucksformen der Schönheit und Poesie scheinen aus dem Gefühl für den jeweils anderen zu erwachsen. … Wir verstehen uns gegenseitig so vollkommen, dass wir fast die Gedanken des anderen lesen können. Keiner von uns wagt es, dem anderen seine Liebe zu offenbaren.“

Dieser letzte Satz stimmte nicht ganz. Omran sandte Sakakini eine Vielzahl langer, leidenschaftlicher, erotischer Liebesbriefe auf dem Briefpapier des Taxiunternehmens, für das er arbeitete: Orient Taxi in der Princess Mary Avenue. Er schrieb ihm oft, wenn er nach einer gemeinsam verbrachten Nacht wieder bei der Arbeit war. Sakakini wiederum verfasste ein Liebesgedicht für ihn. […] Als Sari as-Sakakini einmal ein Formular ausfüllen musste, gab er unter der Rubrik „Familienstand“ an: „ledig zum Glück“, und bei der Spalte „Abhängige Familienangehörige“ trug er ein: „niemals und unter keinen Umständen“.

Tom Segev, Es war einmal ein Palästina : Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels. München 2005. 487, 509 f.

    [*] Segev spielt damit möglicherweise auf den Unabhängigkeitskrieg und die Flucht der Sakakinis nach Kairo an. [zurück]

1 Antwort auf „Especially in the Middle East“


  1. Gravatar Icon 1 narodnik 11. September 2009 um 18:28 Uhr

    Das Buch ist – genauso wie der Nachfolgeband zum Sechstagekrieg 1967 – uneingeschränkt zu empfehlen. Hier eine Uni-Diskussion mit Segev zu 67′: http://www.youtube.com/watch?v=Y4CZsdIMkgs

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