Archiv der Kategorie 'Analysis'

Material fürs Nationbuilding

Auf Grund der immer gefährlicheren Lage in Europa suchten plötzlich Millionen von Juden eine neue Heimat, aber Palästina konnte sie nicht alle aufnehmen. Ben Gurion gab sich oft fantastischen Zahlenspielereien hin. 1934 sagte er, Palästina könne vier Millionen Juden aufnehmen, zwei Jahre später waren es „mindestens“ acht Millionen. Manchmal legte er eine Einwanderungsrate von 50 000 Menschen jährlich zugrunde, dann wieder sprach er von 100 000. Auf jeden Fall ging er davon aus, dass der Prozess, die Juden Europas nach Palästina zu bringen, fünfzig bis hundert Jahre in Anspruch nehmen würde. Doch selbst dann würde noch die Hälfte aller Juden weltweit außerhalb Palästinas leben. Mit anderen Worten: Selbst wenn man von der optimistischsten Schätzung ausging, hätte in den dreißiger Jahren nur ein Bruchteil der zunehmend bedrängten Juden Europas in Palästina eine Zuflucht gefunden. Es ist tragisch, dass der Zionismus die Katastrophe zwar vorhersagte, den Juden in der Zeit der höchsten Not aber nur eine völlig unzureichende Lösung anbieten konnte.

Als Ben Gurion und die übrigen Juden in Palìstina erkannten, dass das Land nicht alle verfolgten Juden aufnehmen konnte, hörten sie auf, den Staat als ein Mittel zur Rettung des jüdischen Volkes zu betrachten, und konzentrierten sich stattdessen auf ihre eigenen Bedürfnisse. Ben Gurions Vorschlag von 1937 – im Laufe von fünfzehn Jahren 1,5 Millionen Juden nach Palästina zu holen – trug daher vorwiegend der Notwendigkeit Rechnung, in Palästina eine jüdische Mehrheit zu schaffen. Ben Gurion begann außerdem den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland als ein Mittel zur Förderung des Zionismus zu betrachten. „Wir wollen, dass Hitler vernichtet wird“, ließ er verlauten. „Aber solange es ihn noch gibt, sind wir daran interessiert, dies zum Wohle Palästinas auszunutzen.“ Folglich ergriffen die Zionisten alle notwendigen Maßnahmen, um sicherzustellen, dass die jüdischen Flüchtlinge ausschließlich nach Palästina kamen und sich nicht irgendwo anders niederließen. Ben Gurion versicherte zwar dem Hochkommissar, dass er die Auswanderung polnischer Juden nach Amerika oder Argentinien „trotz unserer zionistischen Ideologie“ unterstützen würde, wenn sich die Gelegenheit dazu böte. Gleichwohl betrachtete er andere Bemühungen, den Juden zu helfen, als schädliche Konkurrenz. Seinen Ärger erregte vor allem das Joint Distribution Committee, eine weltweit agierende jüdische Hilfsorganisation, die unabhängig von der zionistischen Bewegung war.

Ben Gurions Konkurrenzangst erklärt seine Reaktion auf die internationale Konferenz, die 1938 in Evian zusammentrat, um über das Problem der jüdischen Flüchtlinge zu beraten. Die Öffnung anderer Länder für die jüdische Einwanderung werde den zionistischen Anspruch auf die Evakuierung der Juden nach Palästina schwächen, warnte er. Der Jischuv sei aber von der Einwanderung abhängig. Außerdem könne die Judenverfolgung in Europa sich nachteilig auf das Spendenaufkommen für die Entwicklung Palästinas auswirken. „Obwohl Heerscharen jüdischer Flüchtlinge in den Konzentrationslagern leiden, sind selbst Zionisten nicht bereit, den Bedürfnissen Palästinas Rechnung zu tragen“, bemerkte er.

Einige Jahre zuvor hatte Ben Gurion zur Rettung jüdischer Kinder aus Deutschland wie folgt Stellung bezogen: „Wenn ich wüsste, dass durch den Transport nach England alle Kinder aus Deutschland gerettet werden könnten, durch den Transport nach Palästina aber nur die Hälfte, so würde ich dennoch die zweite Möglichkeit wählen, denn wir haben nicht nur eine Verantwortung jenen Kindern gegenüber, sondern auch eine historische Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk.“ So seine Worte im Dezember 1938, kurz nach der so genannten Reichskristallnacht. Um jedes Missverständnis auszuschließen, fügte er hinzu: „Wie jeder Jude habe ich ein Interesse daran, nach Möglichkeit alle Juden zu retten, aber die Rettung der hebräischen Nation in ihrem Land hat Vorrang vor allem anderen.“

Die Tendenz, die europäischen Juden als „Menschenmaterial“ anzusehen, das zur Gründung des Staates benötigt wurde, anstatt umgekehrt den Staat als ein Mittel zur Rettung der Juden zu betrachten, bestimmte die Einwanderungspolitik der zionistischen Führung. Wenn er die Wahl hätte, so Ben Gurion, würde er junge Einwanderer aussuchen, keine Alten und keine Kinder – Kinder würden von selbst in Palästina geboren werden. Er bevorzugte Arbeiter. Tatsächlich erhielten junge, unverheiratete, männliche „Pioniere“ den Großteil der in den dreißiger Jahren ausgestellten Einwanderungsgenehmigungen; nur 20 Prozent der Genehmigungen gingen an Frauen. Zu einem geringen Prozentsatz durften auch Kinder einwandern, aber die Jewish Agency schloss geistig zurückgebliebene Kinder explizit aus, da es schwierig sei, entsprechende Vorkehrungen für sie in Palästina zu treffen.

Drei Jahre nach der nationalsozialistischen Machtübernahme – der Zweite Weltkrieg zog bereits herauf – wurde in Palästina ein spezieller Fonds eingerichtet, um die Rückführung unheilbar kranker Juden von Palästina nach Europa zu finanzieren. Diese Einwanderer, so die Begründung, fielen „der Gemeinschaft und ihren sozialen Einrichtungen zur Last“. Sowohl die [zionistische Gewerkschaft] Histadrut als auch die Stadtverwaltung von Tel Aviv beteiligten sich an der Gründung des Fonds. Allein bis Ende Dezember 1936 wurden mit seiner Hilfe bereits mehrere Dutzend Einwanderer zurückgeschickt.

[…]

Die von der britischen Regierung [1939] verhängte Beschränkung der Einwanderung forderte ihren Tribut an Menschenleben; dennoch spielte das Weißbuch für den Ausgang des Holocaust letztlich eine vergleichsweise geringe Rolle. Im Sommer 1941 schätzte Chaim Weizmann, dass es nach dem Krieg rund zwanzig Jahre dauern werde, um anderthalb Millionen Juden in Palästina anzusiedeln. Ben Gurion hielt drei Millionen Menschen in zehn Jahren für möglich. Palästina war also keine Lösung für das jüdische Volk. Die einzige Möglichkeit, das jüdische Volk und Millionen von Nichtjuden zu retten, war der Krieg. Die meisten der Juden, die in Europa überlebten, verdankten ihre Rettung der Niederlage Deutschlands. […]

Was einige der größten Rettungsinitiativen angeht, sind ebenfalls noch immer viele Fragen offen. Fest steht jedoch, dass weder die Briten noch die zionistische Bewegung in der Lage gewesen wären, Millionen von Juden während des Kriegs in Sicherheit zu bringen, auch wenn durchaus mehr Menschenleben hätten gerettet werden können.

Beide Parteien interessierten sich mehr für die Ereignisse in Palästina als für das Schicksal der Juden in Europa. „Was die Rettung von Juden aus dem nationalsozialistisch besetzten Europa betrifft, so hatte ich davon wenig Kenntnis, obwohl ich Vorsitzender der Jewish Agency war“, schrieb Ben Gurion einige Jahre später. „Meine Tätigkeit bestand im Wesentlichen darin, das Judentum dafür zu gewinnen, sich für die Gründung eines jüdischen Staates einzusetzen.“ Die Briten ihrerseits machten sich vor allem Sorgen um die Reaktion der Araber.

Tom Segev, Es war einmal ein Palästina : Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels. Aus d. Amerik. v. Doris Gerstner. München, 2005. 429-432, 502-504.

Aufschlag in der Wüste des Realen

Der homophobe Anschlag auf einen LGBTQ1-Jugendtreff in Tel Aviv, der zwei Menschen das Leben kostete, bringt auch die beiden regressiven Pole der deutschen Linken: Antiimps und „Anti-D“s, wieder zum Tanzen – jedenfalls wenn man die abgefahrenen Kommentarspalten bei Indymedia liest. Im Grunde verwundert das nicht, denn das Thema Homophobie wurde jahrelang dazu benutzt, Linke und Liberale auf die Seite Israels zu ziehen und (wenn auch manchmal nur implizit) eine ideologische Legitima­tion für die systematische Entrechtung der Palästinenser_innen zu liefern.

Entsprechend hat sich auch in Israel seit einiger Zeit eine Art politischer Arbeitsteilung etabliert: Während der ultraorthodoxe Innenminister Eli Yi­shai (Shas) „Homosexuelle und Lesben“ in der Knesset als „kranke Menschen“ bezeichnet, denen er eine „schnelle Genesung“ (und die baldige Erfindung einer chemischen Medikation) wünscht, benutzt der faschistische Außenminister Avigdor Liebermann (Jisra‘el Beitenu) das Thema, um „die internationale schwule Gemeinschaft“ für Israels politische Ziele „zu rekrutieren“ (Ha‘aretz). (mehr…)

Slavoj Žižek: What does it mean to be a revolutionary today?

A lecture held at the Marxism festival in London, 2009:

(via Subtext)

Making sense of the revolution

Die zwei herausragendsten Iran-Analysen der letzten Tage:

  • Ali Schirasi rekapituliert den Aufstieg der Revolutionsgarden zur Macht in klassenanalytischen Begriffen (und man fühlt sich spontan an Marx‘ Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte erinnert),
  • während Slavoj Žižek in der Straßenrevolte gegen den Operettenfaschismus Mahmud Ahmadinedschads (einer Art iranischem Berlusconi) angesichts der „Allahu Akbar“-Rufe und der grünen Bänder eine Wiederkehr der verdrängten authentischen Aspekte des religiös inspirierten Massenaufstands im ersten Jahr der sog. Khomeini-Revolution erkennen will:

    what this means is that there is a genuine liberating potential in Islam – to find a “good” Islam, one doesn’t have to go back to the 10th century, we have it right here, in front of our eyes.

Ich höre schon heftigen Protest! Wer will zuerst?

Der Widerspenstigen Zähmung

Die Jerusalem Post berichtet über die Pläne der Obama-Administration für eine neue Runde von Friedensgesprächen im Nahen Osten. Danach soll Israel

be left out of those discussions and simply presented with a fait accompli that it will be compelled to accept.

Aber nicht nur Israel wird endlich zu seinem Glück gezwungen, auch die Araber werden im Sinne einer volonté générale rigoros entmündigt:

On Wednesday, both Arab League General Secretary Amr Moussa and Fatah leader Mahmoud Abbas announced that they oppose the initiative. […] The administration couldn‘t care less. The Palestinians and Arabs are no more than bit players in its Middle East policy. As far as the Obama administration is concerned, Israel is the only obstacle to peace.

Das sind doch mal schöne Nachrichten aus der Levante!

Hat tip to: Verteidigt Israel, ein Blog, das sich anscheinend genauso über die Zwangsbefriedung der Irren freut wie ich. ;)

Contra Dialektik

Der Blog Audoarchiv hat, neben manchem Schrott (sorry, meine Meinung!), dankenswerterweise auch eine ganze Reihe hörenswerter Vorträge zu verschiedenen, vor allem philosophisch-theoretischen Themen der hiesigen Linken online verfügbar gemacht. Darunter fällt auch ein Vortrag von Michael Koltan — aus seiner Reihe „Dialektik im 20. Jahrhundert“ — über Michel Foucault.

Zwar nervt ein bisschen die Arroganz des Referenten, der immer dort, wo die Sache selbst nicht für ihn oder seinen komischen Freund Hegel spricht, mit schier unnachvollziehbaren Taschenspielertricks oder dem Gestus autoritären Bescheidwissens von oben nachzuhelfen versucht. (Es könnte ja sein, daß der Hörer, wenn man ihn nicht permanent auf die Klugheit Hegels und die Banalität Foucaults hinwiese, sich am Ende noch seine eigenen Urteile macht!) Trotzdem gelingt es ihm durchaus, die wesentliche Gedankengänge von Foucaults Die Ordnung der Dinge (Les mots et les choses, 1966), das allgemein der ersten Phase seines Denkens — der sog. Archäologie des Wissens — zugeordnet wird, sachlich treffend wiederzugeben, weshalb ich das überhaupt nur guten Wissens empfehlen kann. (mehr…)

Gesellschaftkritischer Offenbarungseid

Rüdiger Lohlker, Professor für Orientalistik an der Universität Wien und in dieser Funktion gegenwärtig mit der Erforschung von Islamismus und dem Aufkommen dschihadistischen Denkens befasst, rezensiert in der aktuellen Ausgabe der „Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes“ (WZKM) den 2008 von den beiden Österreichern Thomas Schmidinger und Dunja Larise herausgegebenen Sammelband Zwischen Gottesstaat und Demokratie, ein Werk, bei dem es sich — zumindest dem im Untertitel formulierten Anspruch nach — um ein „Handbuch des politischen Islam“ handeln soll.

Warum es diesen Anspruch nicht erfüllt, erklärt Lohlker ausführlich, über viele Seiten hinweg, an zahllosen, dem Band entnommenen Einzelbeispielen, in denen sich teils eine krasse Unkenntnis des Gegenstands, teils eine für ein Handbuch völlig unangemessene Neigung zum Tendenziösen und Pamphlethaften offenbart. Mehr noch aber zeigt sich in dem Werk ein gerade für linke Autor_innen — und als solche sollen sich Schmidinger und Larise nach wie vor verstehen — verblüffender Mangel, die eigene, „aufgeklärte“ Gesellschaft (Österreich!) noch kritisch ins Visier zu nehmen.

Die Folge ist eine Totalverschiebung jeglicher denkbaren Kritik an Verhältnissen, die für den Alpenstaat ganz und gar konstitutiv sind, wie Homophobie, Antisemitismus und politischer Konservatismus, auf den religiösen Anderen in Gestalt muslimischer Klein- und Kleinstverbände, die trotz ihrer oftmals moderaten Position auf dem Abweg einer „Hermeneutik des Verdachts“ samt und sonders in eine ideologische Nähe zur ägyptischen Muslimbruderschaft gerückt werden. Lohlker: (mehr…)

Slavoj Žižek: Use Your Illusions

Gegen linke Desillusionierer vom Schlage Judith Butlers, die anlässlich Obamas historischen Wahlsiegs vor falschen Hoffnungen und einem „kritiklosen Überschwang“ der Gefühle warnte, da diese vermutlich schon bald enttäuscht würden, erinnerte Slavoj Žižek in einem Online-Artikel vom 14. November in der London Review of Books an die geschichtliche Macht von Illusionen und die Naivität des politischen Realismus. Hier einige Auszüge:

Noam Chomsky called for people to vote for Obama ‘without illusions’. I fully share Chomsky’s doubts about the real consequences of Obama’s victory: from a pragmatic perspective, it is quite possible that Obama will make only some minor improvements, turning out to be ‘Bush with a human face’. He will pursue the same basic policies in a more attractive way and thus effectively strengthen the US hegemony, damaged by the catastrophe of the Bush years.

There is nonetheless something deeply wrong with this reaction – a key dimension is missing from it. Obama’s victory is not just another shift in the eternal parliamentary struggle for a majority, with all the pragmatic calculations and manipulations that involves. It is a sign of something more. This is why an American friend of mine, a hardened leftist with no illusions, cried when the news came of Obama’s victory. Whatever our doubts, for that moment each of us was free and participating in the universal freedom of humanity. […]

Obama’s victory is a sign of history in the triple Kantian sense of signum rememorativum, demonstrativum, prognosticum. A sign in which the memory of the long past of slavery and the struggle for its abolition reverberates; an event which now demonstrates a change; a hope for future achievements. The scepticism displayed behind closed doors even by many worried progressives – what if, in the privacy of the voting booth, the publicly disavowed racism will re-emerge? – was proved wrong. One of the interesting things about Henry Kissinger, the ultimate cynical Realpolitiker, is how utterly wrong most of his predictions were. When news reached the West of the 1991 anti-Gorbachev military coup, for example, Kissinger immediately accepted the new regime as a fact. It collapsed ignominiously three days later. The paradigmatic cynic tells you confidentially: ‘But don’t you see that it is all really about money/power/sex, that professions of principle or value are just empty phrases which count for nothing?’ What the cynics don’t see is their own naivety, the naivety of their cynical wisdom which ignores the power of illusions. (mehr…)