Archiv der Kategorie 'Analysis'

Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt

Leipzig: Vortrag und Diskussion

Islamische Staaten geraten durch die Verfolgung „Homosexueller“ immer wieder in den Blickpunkt der Medien, und wenn sich hierzulande deklassierte Halbstarke aggressiv gegenüber Schwulen zeigen, fragt man reflexhaft nach ihrem „kulturellen Hintergrund“. Dabei ist die klassische türkische und arabische Liebeslyrik voll von gleichgeschlechtlichen Motiven, die man in der Literatur des „aufgeklärten“ Abendlands vergeblich sucht.

Angesichts dieses Widerspruchs zeichnet der Referent die Konzepte mann-männlicher Liebe und Lust in christlichen und muslimischen Gesellschaften vergleichend nach. Er zeigt den historischen Anteil des Westens an der Formierung antihomosexueller Diskurse in der islamischen Welt und belegt, dass auch in Deutschland – trotz aller gegenwärtigen Liberalität – von einer Auflösung des heteronormativen Korsetts keine Rede sein kann.

Leipzig
Fr., 21. Nov. 2008, 19 Uhr
Hochschule für Grafik und Baukunst (HGB)
Wächterstr. 11, Raum 2.41
Veranstalter: Antira-Referat des StudentInnenRates der Universität Leipzig

Berlin
Do., 11. Dez. 2008, 16 Uhr
Freie Universität Berlin
Habelschwerdter Allee 45, Hörsaal 2
Veranstalter: Allgemeiner Studierendenausschuss (AStA) & Schwulenreferat

Das Land der Kellerkinder

David Jones erklärt am Fall Fritzl, für zivilisierte Nationen unbegreiflich (hell, I‘m being ironic!), die postnazistische Alltagskultur der Österreicher:

When, in August 2006, the pale, haunted-looking Natascha Kampusch fled her evil captor, after eight years in an underground lair in a Viennese suburb, few questioned the assertion of Austrian officialdom: that this was an iniquity which might have occurred anywhere.

The following February, however, when it was discovered that another three children had been locked in a rat-infested hideaway for seven years in Austria’s third city, Linz — this time by their deranged mother, who also managed to conceal their disappearance with breathtaking ease — the doubts began.

And yesterday, following the latest and in many ways most chilling of all Austria’s recent domestic horror stories, there began a cacophonous demand for answers.

[…] „Three cases in one small country are just too incredible. Everyone is asking: ‚Why Austria?‘“ (mehr…)

Neoleninismus II

Hier ist auch bald mal wieder was Antileninistisches zu lesen, versprochen. Aber solange diese Debatte tobt, heißt es auf meinem Blog: Solidarität mit Christel Wegner! Und: ohne Mauer antideutschen Schutzwall ist das nicht meine Revolution.

Wird ein Linker also beschuldigt, dass seine ansonsten lauteren und wohlwollenden Vorschläge im Endeffekt den Grund für den stalinistischen oder maoistischen Terror legen, dann sollte er der liberalen Falle auszuweichen versuchen und diese Anschuldigungen nicht als bare Münze annehmen und sich verteidigen, indem er sich für nicht schuldig erklärt („Unser Sozialismus wird demokratisch sein, Menschenrechte, Würde und Glück respektieren; es wird keine allgemeine obligatorische Parteilinie geben…“): Keineswegs; die liberale Demokratie ist nicht unser endgültiger Horizont. So unangenehm es auch klingen mag, die schrecklichen Erfahrungen des stalinistischen Polit-Terrors dürfen uns nicht dazu bringen, das Prinzip des Terrors selbst aufzugeben – vielmehr sollte man zielstrebiger nach dem „guten Terror“ suchen. Ist die Struktur des wahren politischen Akts der Befreiung nicht per definitionem die einer erzwungenen Wahl und als solche „terroristisch“? Als 1940 die französische Résistance die Einzelnen dazu aufforderte, ihr beizutreten und die deutsche Besatzung Frankreichs aktiv zu bekämpfen, da hieß die implizite Struktur dieses Aufrufs nicht: „Ihr könnt zwischen uns und den Deutschen wählen“, sondern: „Ihr müsst uns wählen! Wenn ihr euch für die Kollaboration entscheidet, dann entsagt ihr eurer eigenen Freiheit!“ Bei einer authentischen Wahl der Freiheit wähle ich das, von dem ich weiß, dass ich es tun muss.

Slavoj Žižek, Die Tücke des Subjekts (Suhrkamp : Ffm. 2001), 527 f.

Neoleninismus I

In Die Tücke des Subjekts versucht sich Slavoj Žižek unter anderem an einer Art zeitgenössisch-philosophischen Aktualisierung von Lenins berühmter Sentenz: „Der Linkradikalismus ist die Kinderkrankheit des Kommunismus“. Es ist eines der Bücher, die ich rauf und runter gelesen habe und weiterempfehlen kann, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich das wirklich alles teile. Anregend war es aber allemal:

Der Begriff des Ideals der égaliberté als einer realen/unmöglichen unbedingten Forderung, die mit jeder Positivierung verraten wird, eine Forderung also, die sich nur in diesen kurzen Zwischenmomenten des Macht/Polizei-Vakuums verwirklichen kann, wenn das „Volk“ sich „spontan“ außerhalb der offiziellen repräsentativen Politmaschinerie organisiert (man vergleiche die Faszination, die die „basisdemokratisch, spontan einberufenen Räte“ aus der frühen und „authentischen“ Phase der Revolution auf viele Linke ausübt), rückt die radikal-revolutionären Puristen in gefährliche Nähe zu jenen Konservativen, die versuchen, den notwendigen und unvermeidlichen Verrat oder „Rückfall in den Terror“ jedweder Revolution zu beweisen, so als ob die einzig mögliche Verwirklichung der égaliberté die Roten Khmer oder der Leuchtende Pfad seien. Man ist hier geneigt zu sagen, dass eine leninistische Politik der wahre Kontrapunkt zu dieser kantianischen marginalistischen linken Haltung ist, die auf ihrer eigenen inhärenten Unmöglichkeit beharrt. (mehr…)

Kontinuitäten deutschen Denkens

Wenn Neoliberale bloggen, liest sich das ungefähr so:

Bei Mises und Hayek kann der geneigte Leser sich ein Bild davon machen, daß das Verhängnis des 20. Jahrhunderts sehr viel damit zu tun hat, daß ausgerechnet Deutschland, das Land der Staatsvergottung par excellence, zum Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts geistiges Ausfuhrland, (oder wie man heute wohl sagen würde: „Exportweltmeister“) gewesen ist. Ganz im Banne deutschen intellektuellen Einflusses stehend, verließen schließlich auch die angelsächsischen Länder – zeitverzögert – den Weg der Freiheit und begaben sich mit Beveridge-Reformen und F.D.R.’s „New Deal“ auf die Bismarckianische Straße zur Knechtschaft.

Da das weder neu noch besonders originell ist, hat Foucault diesen Diskurs bereits vor 30 Jahren einmal gründlich durch die Mangel genommen. Hier ein Ausschnitt: (mehr…)

Neoliberalismus als „deutsche Ideologie“

Deshalb, aus diesem Grunde wollte ich die Organisation dessen untersuchen, was man das deutsche Modell und seine Verbreitung nennen könnte, wobei es natürlich klar ist, daß dieses deutsche Modell, wie ich es zu beschreiben versucht habe und wovon ich Ihnen nun einige Verbreitungsformen zeigen möchte, nicht das so oft herabgewürdigte, verbannte, öffentlich bloßgestellte und beschimpfte Modell des Bismarckschen Staates ist, der sich zum Hitler-Staat entwickelt. Das deutsche Modell, das sich ausbreitet und das in Frage steht, das deutsche Modell, das zu unserer Gegenwart gehört, das ihr unter seinem wirklichen Zuschnitt eine Struktur und ein Profil gibt, dieses deutsche Modell ist die Möglichkeit einer neoliberalen Gouvernementalität.

Michel Foucault, Vorlesung am 7. März 1979, in: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II (Suhrkamp : Ffm., 2006), 269.

Der Krieg als Vater aller Dinge

Da Che, der Sympathie mit „Anti“deutschen ansonsten unverdächtig, seinen Leser_innen die neue Phase 2 empfohlen hat, ging ich mir die gleich mal kaufen. Angetan hat’s ihm besonders eine Passage aus einem Artikel, der vom Ressortleiter „Ausland“ der linksbellizistischen Wochenzeitung Jungle World besorgt wurde: Jörn Schulz.

Vordergründig (und im Einklang mit der objektiven Entwicklung in den USA) zum außenpolitischen „Realismus“ zurückfindend, vertritt der Mann in Wirklichkeit eine krude Histomat-Weltanschauung, wonach das Ziel in den peripheren Ausbeutungszonen des Weltsystems erstmal eine „nachholende kapitalistische Entwicklung“ sowie die „Durchsetzung von Lohnarbeit und Warenproduktion als gesellschaftliche Prinzipien“ sein müssten — gerade so, als hätte er noch nie davon gehört, dass die „Unterentwicklung“ der sog. Dritten Welt Effekt ihrer abhängigen Entwicklung vom kapitalistischen Weltmarkt ist und nicht etwa der Tatsache zu verdanken, dass ihre Integration in den Kapitalismus noch nicht hinreichend bewerkstelligt wäre. (mehr…)

Serkan hat keine Chance!

Als Ende November 1992 die Großmutter und die zwei kleine Töchter der türkischen Familie Arslan in Mölln durch zwei Jungdeutsche, Michael Peters und Lars Christiansen verbrannt wurden, war Serkan gerade mal fünf Jahre alt. Er hat davon kaum etwas mitbekommen.

Er wuchs in „zerrütteten“ Verhältnissen auf. Der Vater Alkoholiker, die Mutter und die Kinder wurden geschlagen, bis sich die Mutter vom Vater trennte. Irgendwann schob der deutsche Staat den Vater in die Türkei ab, Serkan blieb „dahoam“. Wo sollte er auch hin?

Er war hier geboren und aufgewachsen – wenn es überhaupt Aufwachsen genannt werden kann, als „Kümmeltürke“ beschimpft, in der Schule gehänselt, auf der Strasse gegängelt zu werden; und vor Allem jene ewigen Hassblicke, die ihm herabwürdigend entgegengeschleudert wurden. Allein unter den Deutschen. Er landete mit 11 Jahren in einem Erziehungsheim.

Das „Erziehen“ hat gerade mal ein Jahr gedauert. Er war wieder auf der Strasse. Mal verübte er einen Autoeinbruch, mal ließ er etwas mitgehen, um so zumindest seinen Abstieg selber zu bestimmen. Und es ging so weiter. Die „Türkenbrut“, der „Kanake“, der sich nicht benimmt „in unserem Land“, wo es „früher so was nicht gegeben hat“. Er wurde so lange wie ein Stück Dreck, wie Ungeziefer behandelt, bis er soweit war; eine Wanze halt, die man jederzeit zwischen den Fingern zerquetschen kann, ohne mit der Wimper zu zucken.

Sie haben ihm nichts gelassen. Er schaffte es trotzdem, ein Stück Würde zu behalten, so als einen rettenden Strohhalm, um weiter atmen zu können: Er legte Grenzen fest, die die Anderen mit ihrem Vernichtungswahn nicht überschreiten dürften, Grenzen, innerhalb derer er lebendig wurde, und bei deren Verletzung er zurückschlug, als Nachweis dessen, dass es ihn noch gibt.

So auch am 20. Dezember in der Münchner U-Bahn.
(Weiterlesen bei Café Morgenland …)