Archiv der Kategorie 'Iran'

Making sense of the revolution

Die zwei herausragendsten Iran-Analysen der letzten Tage:

  • Ali Schirasi rekapituliert den Aufstieg der Revolutionsgarden zur Macht in klassenanalytischen Begriffen (und man fühlt sich spontan an Marx‘ Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte erinnert),
  • während Slavoj Žižek in der Straßenrevolte gegen den Operettenfaschismus Mahmud Ahmadinedschads (einer Art iranischem Berlusconi) angesichts der „Allahu Akbar“-Rufe und der grünen Bänder eine Wiederkehr der verdrängten authentischen Aspekte des religiös inspirierten Massenaufstands im ersten Jahr der sog. Khomeini-Revolution erkennen will:

    what this means is that there is a genuine liberating potential in Islam – to find a “good” Islam, one doesn’t have to go back to the 10th century, we have it right here, in front of our eyes.

Ich höre schon heftigen Protest! Wer will zuerst?

Wider den antirevolutionären Verbalradikalismus – ein Blogsport-Battle mit Wendy

Wer weiß, was Wendy, unserer sagenhaften Bahamas-GSP-Schimäre, jetzt schon wieder über die Leber gelaufen ist. Erst beschimpft er den linken iranischen Schriftsteller Ali Schirasi auf meta.blogsport als „alten Hetzer“1 (obwohl der alles andere als ein Kumpan von Kriegstreibern und Rassisten ist, wie z.B. der von der Jungle World hofierte „Sprecher“ der imaginären Grünen-Partei des Iran, Kazem Moussavi). Und nun lässt er sich nicht lumpen, noch die revoltierenden persischen Massen, die im Kampf gegen das Mullah-Regime ihr Leben aufs Spiel setzen, als „Aufstandsbewegung von enttäuschten Islamisten“ zu denunzieren. Dafür reicht ihm allein die folgende Feststellung:

Die [iranische] Opposition, die dem deutschen Linken so schöne Wichsvorlagen liefert, begehrt nicht gegen Wahlen und Herrschaft, sondern gegen das schlechte Abschneiden ihres Kandidaten auf.

Dass noch fast jede Revolution mit Forderungen begann, die das System scheinbar nicht in Frage stellten, sondern sich in den approbierten herrschaftlichen Bahnen bewegten, ist Wendy offenbar ein Fremdwort. Dabei liefert Russland dafür das beste Beispiel: der sozialistischen Oktoberrevolution ging mit einiger Notwendigkeit die demokratische Februarrevolution voraus, die wiederum auf der russischen Revolution von 1905 aufsattelte, in welcher tatsächlich so „radikale“ Dinge wie eine konstitutionelle Monarchie gefordert wurden! Slavoj Žižek erklärt, was Wendy offenbar nicht verstehen kann oder will: (mehr…)

Amoklauf der Philosemiten

Am 28. Januar planen die beiden Initiativen I like Israel (ILI) und Honestly Concerned eine Demonstration von Berlin-Alexanderplatz zum Denkmal für die ermordeten Juden unter dem Motto: „Für Israel. Gegen einen neuen Holocaust“. Der Aufruf besteht aus fünf Schlagzeilen:

Irans Präsident Ahmadinedschad plant den Massenmord
Die „Holocaust – Konferenz” in Teheran ist Teil seiner Vorbereitung
Die Entwicklung von Atombomben und Raketen bedroht auch Europa
Der Vergleich mit Hitler ist zutreffend1
Demokraten dürfen nicht schweigen

(mehr…)

Morris‘ plea for pre-emptive genocide

Benny Morris, ein zugegebenermaßen glänzender Historiker, aber zugleich auch ein unerträglicher Sozialdarwinist, ist einigen vielleicht noch von seinem letzten großen Interview mit der Ha‘aretz bekannt, das diese unter den passenden Titel Survival of the Fittest stellte, um den Zynismus von Morris zu brandmarken. Damals sagte er, die Massaker und Vertreibungen während der israelischen Staatsgründung rechtfertigend:

A society that aims to kill you forces you to destroy it. When the choice is between destroying or being destroyed, it’s better to destroy.

Dieses Argument wiederholt Morris nun in einem von Hannes Stein ins Deutsche übertragenen Essay, der heute in der neurechten Tageszeitung Die Welt veröffentlicht wurde. (mehr…)

Aus dem iranischen Strafgesetzbuch II

Vor längerer Zeit habe ich hier schon einmal Auszüge aus dem iranischen Gesetzbuch über die Bestrafung von liwat (Analverkehr unter Männern) gepostet, um einigen absurden Vorstellungen über die Schari‘a entgegenzutreten. Wenn man diese kritisiert — und das halte ich für unverzichtbar! —, dann sollte man das auf der Basis von Tatsachen und nicht von Gerüchten tun. Da ich mir heute die deutsche Übersetzung des iranischen Strafgesetzbuchs durch Silvia Tellenbach ausgeliehen habe und die zahlreichen Falschinformationen über den unsäglichen Prozess gegen Zahra Ebrahimi einen aktuellen Anlass liefern, zitiere ich hier die Passagen, die sich mit den Ta‘zir-Vergehen „gegen das Schamgefühl und die allgemeine Sittlichkeit“ sowie mit der Hadd-Strafe für „unerlaubten Geschlechtsverkehr“ (zina) befassen. (mehr…)

Zwischen Revolte und Reprivatisierung

Ein relativ guter Artikel über das Schicksal von Zahra Ebrahimi — einer iranischen Serienschauspielerin, der wegen ihrer Rolle in einem Sex-Video die Auspeitschung droht — findet sich in der gestrigen Ausgabe der FAZ. Im Unterschied zu den reißerischen Boulevard-Texten, die neben voyeuristischen Einlagen auch viele phantasievolle Behauptungen über das iranische Rechtssystem enthalten (hier macht die FAZ allerdings keine Ausnahme), gewährt der Artikel vor allem einen Blick auf die gespaltene Lebenssituation der iranischen Jugend unter der repressiven Gewalt der Theokraten und den reaktionären Backlash seit dem Machtantritt von Präsident Ahmadinedschad. Einige Informationen, wie die Förderung der schiitischen Zeitehe unter dem ehemaligen Staatspräsidenten Rafsandschani, waren selbst für mich neu: (mehr…)

Ninja Nuns? Nahhh … Iranian Policewomen

Der Iran und die Bombe

Wenn man so manchen antideutschen Artikel liest, könnte man denken, der Iran wolle sich Nukleartechnik zulegen, um damit Israel einzuäschern. Die Mullahs seien so verrückt, dass sie es sogar auf einen Krieg ankommen ließen, um ihren eliminatorischen Wahn zu befriedigen. Wie wenig das mit der Realität zu tun hat, demonstriert eine (zugegeben etwas längliche, aber bereits am Anfang sehr aufschlussreiche) Analyse des GegenStandpunkt mit dem Titel „Iran — Aufsichtsobjekt der Großmächte“ (22,9 MB, 1:40 h), in dem sowohl der amerikanische als auch der iranische und der europäische Imperialismus auf seine Zwecke hin untersucht werden.

Selbstverständlich geht es dem Iran zunächst einmal darum, durch den Aufstieg zur Atommacht einen Regimewechsel abzuwenden, den die US-Regierung bereits annonciert hat, als sie diesen Staat offiziell auf die „Achse des Bösen“ setzte — eine Liste von Feindstaaten, die sie in den nächsten Jahrzehnten mit militärischen Mitteln abzuarbeiten gedenkt. Darüber hinaus versucht der Iran durch Beherrschung von Nukleartechnologie, sein imperialistisches Gewicht in der Region zu erhöhen. Der GegenStandpunkt zieht hier einen interessanten Vergleich zu Deutschland, das sich zur Zeit des seligen Franz Josef seine Kernkraftwerke nicht etwa aus rein energiepolitischen Gründen zugelegt habe, sondern um in den Kreis der Atommächte aufzusteigen, die wenigstens prinzipiell über das Wissen und die nötige Technik verfügen, eine Atombombe zu bauen.

Israels Sicherheitsbedenken werden dadurch sicher nicht gegenstandslos, sehr wohl aber das dämliche Argument von Antideutschen, beim Iran hätte man es mit einem Staat zu tun, der nach völlig anderen Maßstäben kalkuliert als seine westlichen Konkurrenten.