Archiv der Kategorie 'Marxism'

Slavoj Žižek: What does it mean to be a revolutionary today?

A lecture held at the Marxism festival in London, 2009:

(via Subtext)

Lost and found

Ein Satz, den ich (ver)meinte, bei Walter Benjamin gelesen zu haben, und den ich dann dort jahrelang immerzu vergeblich suchte, hat sich jetzt, auf wundersame Weise, bei Gerschom Scholem wieder angefunden:

Das ganz Neue hat Elemente des ganz Alten, aber dieses ganz Alte ist […] ein vom Traum Verklärtes und Verwandeltes, auf das der Strahl der Utopie gefallen ist.

Wahrscheinlich hab ich’s ursprünglich hierher und es dann, falsch erinnernd, Benjamins „Über den Begriff der Geschichte“ zugeschrieben. Wie auch immer: ich schrecke nicht davor zurück, das als meine implizite Geschichtsphilosophie zu bezeichnen.
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Slavoj Žižek: Use Your Illusions

Gegen linke Desillusionierer vom Schlage Judith Butlers, die anlässlich Obamas historischen Wahlsiegs vor falschen Hoffnungen und einem „kritiklosen Überschwang“ der Gefühle warnte, da diese vermutlich schon bald enttäuscht würden, erinnerte Slavoj Žižek in einem Online-Artikel vom 14. November in der London Review of Books an die geschichtliche Macht von Illusionen und die Naivität des politischen Realismus. Hier einige Auszüge:

Noam Chomsky called for people to vote for Obama ‘without illusions’. I fully share Chomsky’s doubts about the real consequences of Obama’s victory: from a pragmatic perspective, it is quite possible that Obama will make only some minor improvements, turning out to be ‘Bush with a human face’. He will pursue the same basic policies in a more attractive way and thus effectively strengthen the US hegemony, damaged by the catastrophe of the Bush years.

There is nonetheless something deeply wrong with this reaction – a key dimension is missing from it. Obama’s victory is not just another shift in the eternal parliamentary struggle for a majority, with all the pragmatic calculations and manipulations that involves. It is a sign of something more. This is why an American friend of mine, a hardened leftist with no illusions, cried when the news came of Obama’s victory. Whatever our doubts, for that moment each of us was free and participating in the universal freedom of humanity. […]

Obama’s victory is a sign of history in the triple Kantian sense of signum rememorativum, demonstrativum, prognosticum. A sign in which the memory of the long past of slavery and the struggle for its abolition reverberates; an event which now demonstrates a change; a hope for future achievements. The scepticism displayed behind closed doors even by many worried progressives – what if, in the privacy of the voting booth, the publicly disavowed racism will re-emerge? – was proved wrong. One of the interesting things about Henry Kissinger, the ultimate cynical Realpolitiker, is how utterly wrong most of his predictions were. When news reached the West of the 1991 anti-Gorbachev military coup, for example, Kissinger immediately accepted the new regime as a fact. It collapsed ignominiously three days later. The paradigmatic cynic tells you confidentially: ‘But don’t you see that it is all really about money/power/sex, that professions of principle or value are just empty phrases which count for nothing?’ What the cynics don’t see is their own naivety, the naivety of their cynical wisdom which ignores the power of illusions. (mehr…)

Zur Lehre vom Ressentiment

Ein feiner Trick: das System zu kritisieren soll denen vorbehalten bleiben, die an ihm interessiert sind. Die anderen, die Gelegenheit haben, es von unten kennenzulernen, werden entwaffnet durch die verächtliche Bemerkung, daß sie verärgert, rachsüchtig, neidisch sind. Sie haben „Ressentiment“.
Demgegenüber sollte niemals vergessen werden, daß man ein Zuchthaus in keinem Fall und unter gar keinen Umständen kennenlernen kann, wenn man nicht wirklich und ohne Verkleidung als Verbrecher fünf Jahre dort eingesperrt war mit der Gewißheit, daß die goldene Freiheit, nach der man sich in diesen fünf Jahren sehnt, in einem nachträglichen Hungerleben besteht.
Es wirkt wie ein stillschweigendes Abkommen der Glücklichen, daß man über diese Gesellschaft, die weitgehend ein Zuchthaus ist, nur diejenigen als Zeugen gelten lassen will, die es nicht verspüren.

Kain und Abel

Die Geschichte von Kain und Abel ist die mythologisierte Erinnerung an eine Revolution, an eine Befreiungsaktion der Sklaven gegen ihre Herren. Die Ideologen deuteten den Aufstand sogleich als Produkt eines Ressentiments: „— und es verdroß den Kain sehr, und es sank sein Antlitz.“
Sollte die biblische Erzählung aber wörtlich zu nehmen sein, so hätte Kain jenen Begriff erfinden können, als das Blut Abels zum Himmel schrie: „Höre nicht auf dieses Schreien; es schreit aus Ressentiment.“

Aus: Max Horkheimer, Dämmerung.

Schadenfreudige ISF?

Ich zitiere ja ungern Antideutsche, aber in diesem Fall kann ich’s mir nicht verkneifen:

Denn mit inniger Genugtuung liest man Schlagzeilen wie: »Finanzmanager in Kalifornien tötet sich und seine Familie« (FAZ, 8. Oktober 2008). Dass der kommende Untergang des Kapitals im Nervenzusammenbruch, als suizidaler Amoklauf einiger (viel zu weniger) seiner Funktionäre sich antizipiert, das ist gar nicht so übel – schade nur, dass die Charaktermasken des Kapitals in ihrer Mehrheit so empfindsam nicht sind, als dass man auf die Schirrmachers, Ackermanns, Merkels hoffen dürfte.

Ob jetzt wieder einer „struktureller Antisemitismus“ schreit?

Sein Beileid jedenfalls sollte man sich, wenn man Kommunist ist, eher für diese Leute reservieren:

»Bei der Verteilung von Almosen an Arme sind in Indonesien (…) 22 Menschen zu Tode gekommen. Dutzende wurden im Gedränge um die Nahrungsmittelpakete verletzt. (…) Mehrere tausend Menschen drängten sich vor dem Haus eines reichen Geschäftsmannes in Pasuran in Ostjava, als dieser Päckchen an Bedürftige verteilen ließ … Die Menschen in der ersten Reihe wurden gegen die Gitter gedrängt, wo sie erdrückt wurden. Die Päckchen hatten einen Wert von umgerechnet je 2,25 Euro.«

Marxismus-Mystizismus III

Ich fand „Wertkritik“ ja mal interessant. Aber der Versuch, alles in eine hegelianische Wesens-Erscheinungs-Logik zu pressen, führt mittlerweile zu einem Obskurantismus, bei dem es einem nur noch die Sprache verschlägt. Michael Reich beobachtet das an einem Text des EXIT!-Redakteurs Martin Dornis, der nicht davor zurückschreckt, sogar noch den Tod aus der Marxschen Kategorie des Werts zu deduzieren:

Nun kann man auf diese Art und Weise Alles und Nichts aus Jedem und Etwas ableiten, es bleibt von der logischen Struktur der Argumentation her immer wahr. Wenn der Wert alles ist, ist Alles der Wert und so auch der Tod. Vielleicht ist das richtig, vielleicht auch nicht, zeigen könnte man das nur am Material und dieses Material wäre nicht in der Deduktion irgendwelcher Eigenschaften aus dem Wertverhältnis zu suchen, sondern nur in einer Analyse der Verhältnisse des Sterbens selbst. Aber Martin Dornis‘ Text enthält nichts dergleichen. Daher wäre wohl die einzig richtige Überschrift: Der Wert und der Wert.

Spannend ist allerdings auch, dass Dornis, nach einer pflichtschuldigen Distanzierung von den „Antideutschen“ kurz nach Beginn des Irak-Kriegs vor fünf Jahren, jetzt wieder zu seinen Leipziger Szene-Wurzeln zurückkehrt. Denn im Grunde ist sein Text „Der Wert und der Tod“ nichts anderes als eine Paraphrase auf Gerhard Scheit, der in der Sachsen-Metropole noch immer als ein bedeutender Theoretiker und wichtige Referenzfigur gilt. (mehr…)

Austromarxistischer Neookkultismus

Im Moment hab ich ja keene Zeit zum Bloggen, aber diese Perle Mozartkugel des zeitgenössischen Wiener Avantgarde-Marxismus (siehe auch hier, hier und hier) darf ich meinen cisalpinen Leser_innen einfach nicht vorenthalten. Es deduziert … Herr Magister Gerhard Scheit:

Während der NS-Staat die Ware Arbeitskraft in der Arbeit zur Vernichtung aufgehen ließ, rechnet der Islam schon fix damit, dass die Arbeitskraft, die zur Ware wird, politisch bedeutungslos ist. […] Der Gegensatz der Ware, der Gegensatz von Tauschwert und Gebrauchswert wird am eigenen Leib aufgelöst. Das Individuum muss jederzeit bereit sein, den von ihm dargebotenen Gebrauchswert, die Arbeitskraft, auszulöschen – als Opfer, das für die Nation und umma zu bringen ist im Kampf mit jenem Gegenvolk.

Angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der das nichtidentisches zitiert, als würde das alles irgendeinen Sinn ergeben, fällt mir als Kommentar eigentlich nur noch eines ein: „Hurz!

Honeckers wehrhafte Demokratie — eine Bilanz

Nachdem ich einem Freund ein paar alte Ausgaben der Bahamas aus den späten 90ern verliehen hatte, kam ich auf den Gedanken, mal selbst wieder in den ein oder anderen Artikel zu schauen und ein kleines Cut-up von Texten aus einer Zeit zu erstellen, als diese Leute noch nicht ganz zur Vorhut eines neuen Rassismus vom Schlage Herres und Ulfkottes verkommen waren. — Der folgende Text von Justus Wertmüller aus der Nr. 25 (1998) ist eine — darf man’s sagen? — leninistische Intervention gegen die Renaissance des demokratischen Sozialismus in der Programmatik der „Radikalen Linken“ (RL), die 1989 mit der Parole „Nie wieder Deutschland“ zum Kristallisationspunkt für die Entstehung der ersten Generation Antideutscher geworden war, mit den heutigen Kindersoldaten der NATO bis auf den Namen allerdings nicht viel gemein hat: (mehr…)