Archiv der Kategorie 'Marxism'

Neoleninismus II

Hier ist auch bald mal wieder was Antileninistisches zu lesen, versprochen. Aber solange diese Debatte tobt, heißt es auf meinem Blog: Solidarität mit Christel Wegner! Und: ohne Mauer antideutschen Schutzwall ist das nicht meine Revolution.

Wird ein Linker also beschuldigt, dass seine ansonsten lauteren und wohlwollenden Vorschläge im Endeffekt den Grund für den stalinistischen oder maoistischen Terror legen, dann sollte er der liberalen Falle auszuweichen versuchen und diese Anschuldigungen nicht als bare Münze annehmen und sich verteidigen, indem er sich für nicht schuldig erklärt („Unser Sozialismus wird demokratisch sein, Menschenrechte, Würde und Glück respektieren; es wird keine allgemeine obligatorische Parteilinie geben…“): Keineswegs; die liberale Demokratie ist nicht unser endgültiger Horizont. So unangenehm es auch klingen mag, die schrecklichen Erfahrungen des stalinistischen Polit-Terrors dürfen uns nicht dazu bringen, das Prinzip des Terrors selbst aufzugeben – vielmehr sollte man zielstrebiger nach dem „guten Terror“ suchen. Ist die Struktur des wahren politischen Akts der Befreiung nicht per definitionem die einer erzwungenen Wahl und als solche „terroristisch“? Als 1940 die französische Résistance die Einzelnen dazu aufforderte, ihr beizutreten und die deutsche Besatzung Frankreichs aktiv zu bekämpfen, da hieß die implizite Struktur dieses Aufrufs nicht: „Ihr könnt zwischen uns und den Deutschen wählen“, sondern: „Ihr müsst uns wählen! Wenn ihr euch für die Kollaboration entscheidet, dann entsagt ihr eurer eigenen Freiheit!“ Bei einer authentischen Wahl der Freiheit wähle ich das, von dem ich weiß, dass ich es tun muss.

Slavoj Žižek, Die Tücke des Subjekts (Suhrkamp : Ffm. 2001), 527 f.

Warum Revolution und Deutschland nicht zusammengeht

„Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas. Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!“

Das mysteriöse Verhältnis der Deutschen zu ihren Bahnhöfen ist nicht nur Lenin aufgefallen. Es ist auch Žižek eine kleine, symptomatische Untersuchung wert:

Warum hat Hamburg drei verschiedene Fernbahnhöfe, die alle an derselben Strecke liegen (Hauptbahnhof, Dammtor und Altona)? Der Unterschied zwischen den beiden ersten, die scheinbar „irrationale“ Tatsache, daß unweit des Hauptbahnhofs ein weiterer Bahnhof (Dammtor) liegt, läßt sich leicht erklären. Die herrschende Schicht wünschte einen Bahnhof, an dem sie den Zug unbehelligt vom „Pöbel“ besteigen konnte. Rätselhafter ist der dritte Bahnhof Altona. Der Ursprung des Namens ist nicht eindeutig geklärt. Während er gewissen Quellen zufolge auf die Tatsache verweist, daß manchen diese dänische Siedlung als „all to nah“ (all zu nah) an Hamburg gelegen erschien, ist die wahrscheinlichere Erklärung „all ten au“, „am Bach“. Fakt bleibt jedoch, daß sich die Hamburger Bürger ab dem frühen 16. Jahrhundert ständig über diese kleine, ursprünglich dänische Siedlung nordwestlich des Stadtzentrums beklagten. Hinsichtlich der „All zu nah“-Theorie darf man also das alte italienische Sprichwort wiederholen: se non e vero, e ben‘ trovato. Selbst wenn es auf der Ebene der Fakten nicht stimmt, ist es gut erfunden. Auf diese Weise funktioniert nach Freud ein Symptom: als hysterische Anklage, die auf faktischer Ebene nicht zutrifft, aber dennoch „gut erfunden“ ist, weil darin das Unbewußte zur Sprache kommt. Und dementsprechend besteht die symbolische Funktion des dritten Bahnhofs (Altona) darin, die Eindringlinge, die all zu nahe sind, in einem angemessenen Abstand zu halten, um so den fundamentalen gesellschaftlichen Antagonismus (Klassenkampf) auf den künstlichen Antagonismus zwischen „uns“ (unserer Nation, in der alle Klassen im selben Gesellschaftskörper vereint sind) und „ihnen“ (den fremden Eindringlingen) zu verschieben und so zu mystifizieren.

[…] Dies impliziert natürlich keineswegs, daß die Art und Weise, wie wir uns auf „sie“ beziehen, sekundär wäre und daß wir einfach das Augenmerk zurück auf jenen Antagonismus richten werden, der „unsere“ Gesellschaft von innen spaltet. Die Art und Weise, wie wir uns auf „sie“, auf das dritte Element, beziehen, ist der entscheidende Indikator dafür, wo wir tatsächlich im Hinblick auf diesen inhärenten Antagonismus stehen.

Slavoj Žižek, Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin (Suhrkamp: Ffm., 2002), 65-67.

Die zwanghafte Bemühung der Psychoanalyse darf man gerne überlesen.

Neoleninismus I

In Die Tücke des Subjekts versucht sich Slavoj Žižek unter anderem an einer Art zeitgenössisch-philosophischen Aktualisierung von Lenins berühmter Sentenz: „Der Linkradikalismus ist die Kinderkrankheit des Kommunismus“. Es ist eines der Bücher, die ich rauf und runter gelesen habe und weiterempfehlen kann, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich das wirklich alles teile. Anregend war es aber allemal:

Der Begriff des Ideals der égaliberté als einer realen/unmöglichen unbedingten Forderung, die mit jeder Positivierung verraten wird, eine Forderung also, die sich nur in diesen kurzen Zwischenmomenten des Macht/Polizei-Vakuums verwirklichen kann, wenn das „Volk“ sich „spontan“ außerhalb der offiziellen repräsentativen Politmaschinerie organisiert (man vergleiche die Faszination, die die „basisdemokratisch, spontan einberufenen Räte“ aus der frühen und „authentischen“ Phase der Revolution auf viele Linke ausübt), rückt die radikal-revolutionären Puristen in gefährliche Nähe zu jenen Konservativen, die versuchen, den notwendigen und unvermeidlichen Verrat oder „Rückfall in den Terror“ jedweder Revolution zu beweisen, so als ob die einzig mögliche Verwirklichung der égaliberté die Roten Khmer oder der Leuchtende Pfad seien. Man ist hier geneigt zu sagen, dass eine leninistische Politik der wahre Kontrapunkt zu dieser kantianischen marginalistischen linken Haltung ist, die auf ihrer eigenen inhärenten Unmöglichkeit beharrt. (mehr…)

Okkulter Marxismus

Es gibt eine vielzitierte Geschichte über Diderot und Euler, derzufolge es Euler in einer öffentlichen Debatte in St. Petersburg gelang, den Freidenker Diderot in Verlegenheit zu bringen, indem er behauptete, einen algebraischen Beweis für die Existenz Gottes zu besitzen: „Monsieur, es ist (a+b^n)/n = x, also existiert Gott; antworten Sie!“

Die Geschichte ist natürlich frei erfunden. Keine Fiktion ist allerdings das urkomische Zitat von Stephan Grigat über die Herleitung seiner außenpolitischen Präferenzen aus der Marxschen Gleichung „x Ware A = y Ware B“, das negative potential in seinem Weblog ausgegraben hat. Doch nicht nur das, Grigat hat über diese die ganze „antideutsche“ Weltanschauung scheinbar wie eine Nußschale umschließende Formel sogar eine eigene Dissertation geschrieben, die jetzt in einem Freiburger Fachverlag für Marxismus-Mystizismus erschienen ist. Ob die Lektüre allerdings auch so ein Spaß ist wie die von Gerhard Scheits intellektueller suicide attack?

Justice vs. Power

Zum Thema Universalismus gibt es eine spannende Debatte zwischen Noam Chomsky und Michel Foucault, die sich 1971 vor einer niederländischen Fernsehkamera darüber stritten, ob bürgerliche Werte wie „Gerechtigkeit“ und „Befreiung der menschlichen Natur“ als Leitbegriffe einer sozialistischen Revolte taugen. Foucault weist diese Vorstellung entschieden zurück:

Die Ideologie zum globalen Krieg

Nochmal ein schöner Klassiker, den man gar nicht oft genug hören kann: Peter Decker über Imperialismus, Rassismus und das neue Feindbild Islam:

Den ganzen Vortrag gibt’s hier.

Genosse Thälmann antwortet!


(via)

Klassiker der verkürzten Kapitalismuskritik. Heute: Theodor W. Adorno

Da jetzt wieder vermehrt nach verkürzter Kapitalismuskritik gefahndet wird, hab ich mir diesbezüglich mal einen Theoretiker vorgenommen, der ja gerade bei den antideutschen Kritiker_innen der G8-Mobilisierung in hohem Ansehen steht: den guten alten Theodor W. Adorno. Und natürlich bin ich gleich fündig geworden, weil ich als ehemaliger Fan (those were the 90’s!) nicht erst lange überlegen musste, wo ich nachschlagen soll. So heißt es etwa in der Negativen Dialektik auf S. 150: (mehr…)