Noteworthy

Aus dem iranischen Strafgesetzbuch II

Vor längerer Zeit habe ich hier schon einmal Auszüge aus dem iranischen Gesetzbuch über die Bestrafung von liwat (Analverkehr unter Männern) gepostet, um einigen absurden Vorstellungen über die Schari‘a entgegenzutreten. Wenn man diese kritisiert — und das halte ich für unverzichtbar! —, dann sollte man das auf der Basis von Tatsachen und nicht von Gerüchten tun. Da ich mir heute die deutsche Übersetzung des iranischen Strafgesetzbuchs durch Silvia Tellenbach ausgeliehen habe und die zahlreichen Falschinformationen über den unsäglichen Prozess gegen Zahra Ebrahimi einen aktuellen Anlass liefern, zitiere ich hier die Passagen, die sich mit den Ta‘zir-Vergehen „gegen das Schamgefühl und die allgemeine Sittlichkeit“ sowie mit der Hadd-Strafe für „unerlaubten Geschlechtsverkehr“ (zina) befassen. (mehr…)

Révisionnisme à l‘Allemande

Halbmond und Hakenkreuz. Das 'Dritte Reich', die Araber und Palästina. Wow, eigentlich war es genau das, worüber ich als nächstes eine Story schreiben wollte: das unsägliche Interview von Klaus-Michael Mallmann, Koautor des Buchs Halbmond und Hakenkreuz, mit der postantideutschen Jungle World. Nun hat das suqong schon sehr viel besser — und mit mehr Faktenwissen — erledigt, als ich das je könnte. Trotzdem möchte ich es mir nicht ganz nehmen lassen, noch etwas bei den Absurditäten dieses Gesprächs zu verweilen. (mehr…)

Zwei Sorten religiöser Machtentfaltung

Nachdem ich jetzt zwei längere Stories über die Homophobie der Haredim in Israel gemacht habe und ich mich ja eigentlich doch eher für Dinge in ihrer historischen Perspektive interessiere, hier zur Abwechslung ein jüdisches Liebesgedicht, vermutlich aus dem 11. oder 12. Jahrhundert n.u.Z.:

Gazelle desired in Spain, wondrously formed,
Given rule and dominion over every living thing;
Lovely of form like the moon, with beautiful stature:
Curls of purple upon shining temple,
Like Joseph his form, like Adionah [Absolom] his hair.
Lovely of eyes like David, he has slain me like Uriah.
He has enflamed my passions and consumed my heart with fire.

How’s that possible? Avram Hein explains: (mehr…)

Faschismus vs. Fundamentalismus

Noch nicht ganz gelesen, aber schon verlinkt: Moshe Zuckermann im Gespräch mit Gerhard Hanloser.

Einige Publizisten sprechen von einem „Islamofaschismus“. Auch George W. Bush hat jüngst wieder verkündet, der Westen befände sich im Krieg mit „Islamic fascists“.

Moshe Zuckermann: Das ist ein hanebüchener Ausdruck. Der islamistische Fundamentalismus hat mit Faschismus, betrachtet man die Analysen des Faschismus, die in den 60er Jahren geleistet wurden, gar nichts zu tun. Wenn wir unter Faschismus verstehen, was sich in einer bestimmten Epoche in Italien, Ungarn, Spanien, später dann als Nationalsozialismus in Deutschland in einer radikalisierten Sonderform formierte, so stellt dies etwas ganz anderes dar als die Bewegungen des radikalisierten Islam. Der Islam ist von ganz anderen Momenten angetrieben und hat ganz andere Zielsetzungen. Das hat nichts miteinander zu tun. Man muss schon den Begriff des Faschismus inhaltlich entleeren, um oberflächliche Ähnlichkeiten ausmachen zu können. Will man mit „Islamofaschismus“ nur ausdrücken, dass es sich um den Kult einer monolithischen Ideologie handelt? Dann muss man sich aber dennoch mit der Tatsache auseinandersetzen, [dass der] islamische Fundamentalismus theokratisch ist, während der Faschismus tendenziell nicht- oder auch antireligiös war. Ich halte diesen Begriff für inhaltsleeres Gerede. Natürlich greifen auch einige europäische Linke das gerne auf, denn was wäre gerade für Linke attraktiver, einen Kampf gegen den „Faschismus“ führen zu können. Der Primat des Staates, wie er im historischen Faschismus eine Rolle spielte, spielt beispielsweise im islamischen Fundamentalismus eher eine untergeordnete Rolle. Oder die Figur des monolithischen „Volksgenossen“ im Nationalsozialismus ist im Islam nicht anzutreffen. Auch die Vorstellung von „Gemeinschaft“ ist im Islam ganz anders als das, was im Begriff der „Volksgemeinschaft“ anklingt. So kann beispielsweise die Ummah auch im Sinne der Diaspora verstanden werden. Von daher glaube ich, dass dieser Begriff eher polemisch als analytisch gebraucht wird. Die Tatsache, dass ihn Bush verwendet, ist im übrigen Grund genug, ihn nicht zu verwenden. Es drängt sich ja eine andere Frage auf, nämlich ob die zu weiten Teilen freiwillig erfolgte Gleichschaltung der USA im Kampf gegen den Fundamental-Islam nach dem 11. September, was die Presse und ähnliches betrifft, nicht als eine Faschisierung der Gesellschaft zu bezeichnen wäre.

Wer ist der Homophobeste im Land?

Auch Henryk M. Broder ist sauer, wenn die Unterdrückung von Homosexuellen „und anderen Randgruppen“ mal woanders thematisiert wird als in der islamischen Welt. Dabei zeigt sich gerade in Russland, dass sich die verschiedenen Religionen in dieser Frage überhaupt nichts nehmen. Auch wenn es für Peter Tatchell mal wieder typisch ist, dass er ausgerechnet am Beispiel von Moskau die Rolle von jüdischen und islamischen Klerikern, die dort jeweils nur eine kleine Minderheit repräsentieren, völlig unangemessen in den Vordergrund rückt und auch sonst wild um sich schlägt — etwa auf die verblichene „antischwule“ Sowjetunion —, sind die von ihm ausgegrabenen Zitate doch bezeichnend:

Much of the anti-gay sentiment that is sweeping Russia has been whipped up by religious leaders. Threatening violence against Moscow Gay Pride, the chief mufti of Russia’s Central Spiritual Governance for Muslims, Talgat Tajuddin, said: „Muslim protests can be even worse than these notorious rallies abroad over the scandalous cartoons.“

„The parade should not be allowed, and if they still come out into the streets, then they should be bashed. Sexual minorities have no rights, because they have crossed the line. Alternative sexuality is a crime against God,“ he said, calling on members of the Russian Orthodox Church to join Muslims in mounting a violent response to Moscow Gay Pride.

Mit einem islamischen Mufti anzufangen, wenn es darum geht, die homophobe Pogromstimmung in Russland zu erklären, ist zwar ziemlich meschugge. Aber was soll’s. Schließlich wird ja auch der Rolle der russisch-orthodoxen Kirche noch ein kurzer Absatz gewidmet:

Russian Orthodox leaders responded by lobbying Mayor Luzhkov to ban the parade. A spokesperson declared that homosexuality is a „sin which destroys human beings and condemns them to a spiritual death“.

Mehr Aufmerksamkeit, gemessen an der Zeichenzahl, erhalten freilich die Juden, denn scheinbar ist Russland — nimmt man Tatchells Bericht zum Maßstab — nicht nur ein islamisch infiltriertes, sondern vor allem auch ein unglaublich verjudetes Land, in dem ein einziges Wort des Chef-Rabbis genügt, um die nationalen Massen in Wallung zu versetzen:

Not to be left out, Russia’s chief rabbi, Berl Lazar, said that if a Gay Pride parade was allowed to go ahead it would be „a blow for morality“. He stopped short of calling for violence, but warned that the Jewish community would not stand by silently. „Sexual perversions“, he said, did not have a right to exist. Lazar declared that Gay Pride marches were „a provocation“ similar to the cartoon depictions of Mohammed.

Na immerhin ist die interreligiöse Solidarität im fernen Moskau noch intakt.

Doch davon einmal abgesehen ist Peter Tachells hysterische Art, Politik zu betreiben, ob ihrer Fehlleistungen ausgesprochen lehrreich. Wenn sowohl die religiösen Führer des Landes als auch die atheistische Sowjetunion seliger Zeiten, wenn sowohl die russischen Faschisten und Rechtsnationalisten als auch die Regierung mitsamt ihrem „Volk“ auf Lesben und Schwulen herumtreten, dann könnte man doch mal auf den Gedanken kommen, Homophobie nicht bloß als das Anhängsel spezifischer Gruppenideologien, sondern als das Signum einer bestimmten Epoche zu betrachten. Aber ein solcher Blick verbietet sich verständlicherweise für jemanden, der Politik nur als das Geschäft der Personalisierungen kennt; einen, der für die Kritik gesellschaftlicher Formverhältnisse „Name und Adresse“ braucht.

Deshalb sei zuguterletzt auf einen alten Ritus der orthodoxen Kirche verwiesen, der irgendwann im Laufe der europäischen Modernisierung vergessen wurde, aber, wenn es ihn noch gäbe, sicher auch Tatchell die eine oder andere Träne abgenötigt hätte:

Adelphopoiesis (Slav. pobratimstvo, lit. ‘brother-making’) is an ecclesiastical rite found in the old in the service books of the Orthodox Church which was used to bind together two members of the same-sex. […] There are different versions of this rite, but its chief elements are as follows: (1) the brothers to be are positioned in the church before the lectern, upon which rest the Cross and the Gospel; the older of the two stands to the right while the younger stands to the left; (2) prayers and litanies are said that ask that the two be united in love and that remind them of examples of friendship from church history; (3) the two are tied with one belt, their hands are placed on the Gospel, and a burning candle is given to each of them; (4) the Apostle (1 Cor 12:27 to 13:8) and the Gospel (John 17:18-26) are read; (5) more prayers and litanies like those indicated in 2 are read; (6) Our Father is read; (7) the brothers to be partake of the presanctified gifts from a common cup; (8) they are led around the lectern while they hold hands, the following troparion being sung: “Lord, watch from heaven and see”; (9) they exchange kisses; and (10) the following is sung: “Behold, how good and how pleasant it is for brethren to dwell together in unity!” (Ps. 133:1).

Und was schließlich daraus geworden ist …

Dem Revisionismus auf der Spur

Vor mehreren Wochen hat die BAHAMAS eine antideutsche Konferenz abgehalten und jetzt, in ihrer neuen Ausgabe, die meisten der gehaltenen Vorträge in überarbeiteter Form publiziert. Einer der so entstandenen Artikel ist Uli Krugs Im Bann des Etatismus. Ich möchte mich gar nicht an den ärmlichen Inhalten abarbeiten, sondern vielmehr auf die „anti“deutsche Marx-Revision aufmerksam machen, die in diesem Artikel gleich einer Freudschen Fehlleistung an einem einzigen Satz zum Vorschein kommt. (mehr…)

Rufmord an einem Antifaschisten

Einen ziemlich grotesken Text über die sexualemanzipatorische Zeitschrift „Gigi”, der dieselbe in die Nähe von Neonazis rückt, hat das Ein-Mann-Projekt BIFFF veröffentlicht. Hintergrund ist wohl ein Rechtsstreit, der zwischen beiden Seiten tobt. Eigentlich könnte man darüber wortlos hinweggehen, wenn nicht zwei dubiose und darüber hinaus latent bis manifest homophobe Internet-“Journalistinnen“, nämlich Tanja Krienen und Gudrun Eussner, diesen Artikel für ihre Denunziationszwecke entdeckt hätten. (mehr…)

Die Rückkehr der „gefährlichen Klassen“

Ganz im Gegensatz zu gewissen Leuten, die die Riots in Frankreich aus ihrem rassistischen Weltbild heraus deuten, wie die deutsche Querfront-Autorin Gudrun Eussner, welche die aufständischen Jugendlichen mit Nicolas Sarkozy als „Abschaum“ und mit Theodore Dalrymple als „Barbaren vor den Toren von Paris“ bezeichnet, erscheint es mir sinnvoll, sich noch einmal den Begriff der classes dangereuses — der gefährlichen Klassen — anzuschauen. (mehr…)