Archiv der Kategorie 'Racism'

Katholische Nazi-Website spricht von „mongoloiden Abfallmenschen“

Die als katholisches Nachrichtenportal getarnte Nazi-Website kreuz.net spricht in einem ihrer jüngsten Artikel zur Abtreibungsdebatte von „lebensunwerte[n] mongoloide[n] Abfallmenschen“ und stellt sie der Geburt „rassenreine[r] Kinder“ und „Volksgenossen“ gegenüber. Die „Abschlachtung“ ersterer dürfe das Leben letzterer nicht gefährden, so die Quintessenz des anonymen Autors.

In Österreich scheint diese neuartige Synthese von Katholizismus und Nazi-Ideologie im Umkreis von FPÖ (17,5%) und BZÖ (10,7%) mittlerweile ausgesprochen populär zu sein. Dies zeigt nicht nur der Fall des katholischen Nazi-Fundamentalisten Ewald Stadler, der in seinem Land für eine positive Neubewertung der NS-Zeit wirbt. Komisch, dass sich die Antifa damit scheinbar noch nie befasst hat. (Oder gibt’s sowas da unten überhaupt nicht mehr?)

Kulturkampffeminismus und Gender-Backlash

Ein Topos, der in den Antimigrationsdebatten der letzten Jahre massiv ausgebeutet wurde, war das Thema Geschlechterverhältnisse. Ein Sammelband mit dem Titel Mann wird man, der noch für diesen Monat angekündigt ist, verspricht geistiges Rüstzeug gegen die rechtspopulistische Mobilisierung im Namen des Feminismus:

Junge muslimische Männer sind die neuen Sündenböcke in den westlichen Gesellschaften — sie werden dämonisiert und sensationalisiert. Das seit dem „11. September“ gesteigerte Interesse an muslimisch-migrantischen Geschlechterbeziehungen gilt vornehmlich dem Stereotyp des „aggressiven und patriarchalen Migranten“. Die Frage nach der konkreten Bedeutung von Migration und Religion für die Transformation und (Re-)Konstruktion männlicher Identitäten wird nicht gestellt. Dieser Band schließt die Lücke in der deutschsprachigen Forschung und bringt interdisziplinäre Forschungsergebnisse zu den Schnittstellen von „Migration und Männlichkeit“ sowie „Maskulinität und Islam“ zusammen.

Derweil beschäftigt sich teilnehmende beobachtungen, der erfreulicherweise das Bloggen wieder aufgenommen hat, mit dem antimuslimischen Stehpinkler Henryk M. Broder.

Solidarität mit Serkan und Spyros (II)

Café Morgenland über den HJ-Onkel Bruno N., der von zwei Migranten, die er nazistisch bepöbelte, eins auf die Fresse bekam:

„Zu dem Angriff sei es gekommen, nachdem L. vom späteren Opfer Bruno N. aufgefordert wurde, seine Zigarette auszumachen. Daraufhin beschimpfte L. den Rentner laut Anklage als „scheiß Deutscher“. Beim anschließenden Halt der U-Bahn seien alle drei gleichzeitig ausgestiegen. A. ließ über seinen Anwalt erklären, der Rentner habe ihn mit den Worten: „Ihr seid das Volk, das hier Stress macht und rausgehört“ beschimpft. Daraufhin sei er spontan hinter dem Mann hinterher gerannt, habe ihn mit dem Ellenbogen umgestoßen und getreten.“ (Aus Serkans Geständnis im Prozess, AFP 23.6.08)

„Und N. habe auch ein Problem mit Ausländern gehabt, erinnert sich Horn, der ehemalige Schüler der Klasse 10 D: ‚In der 10. Klasse kam er im Sommer einmal ins Klassenzimmer, es ging um Hitzefrei. Beim Rausgehen hat er kurz in die Hände geklatscht und gemeint: ‘Das ist aber eine schlechte Akustik hier. Wir müssen ein paar Neger in die Ecke stellen!‘ Sie hätten einen farbigen Mitschüler in der Klasse gehabt, erinnert sich Horn“.

(Lesenswertes über die Regungen des deutschen Volkszorns und das rassistische Racheurteil der Erben Freislers schreibt auch der Blogger Bikepunk.)

Zucht und Integration

Der Begriff Integration ist somit eine Möglichkeit für Mehrheitsdeutsche, die Spaltung zwischen „Wir“ und „Sie“ zu vertiefen, anstatt diese zu verkleinern; er wird immer wieder als eine Form der Züchtigung benutzt (du stehst unter uns), als eine Form des Othering (du wirst niemals einer von uns sein) und als ein effektives Werkzeug der politischen Rhetorik, eben weil es nicht messbar, undefinierbar und unerreichbar ist.

—Jennifer Petzen, „Wer liegt oben? Türkische und deutsche Maskulinitäten in der schwulen Szene“. In: Ifade (Hrsg.), Insider — Outsider : Bilder, ethnisierte Räume und Partizipation im Migrationsprozess (Bielefeld : transcript, 2005), 167 f.

Warum Revolution und Deutschland nicht zusammengeht

„Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas. Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!“

Das mysteriöse Verhältnis der Deutschen zu ihren Bahnhöfen ist nicht nur Lenin aufgefallen. Es ist auch Žižek eine kleine, symptomatische Untersuchung wert:

Warum hat Hamburg drei verschiedene Fernbahnhöfe, die alle an derselben Strecke liegen (Hauptbahnhof, Dammtor und Altona)? Der Unterschied zwischen den beiden ersten, die scheinbar „irrationale“ Tatsache, daß unweit des Hauptbahnhofs ein weiterer Bahnhof (Dammtor) liegt, läßt sich leicht erklären. Die herrschende Schicht wünschte einen Bahnhof, an dem sie den Zug unbehelligt vom „Pöbel“ besteigen konnte. Rätselhafter ist der dritte Bahnhof Altona. Der Ursprung des Namens ist nicht eindeutig geklärt. Während er gewissen Quellen zufolge auf die Tatsache verweist, daß manchen diese dänische Siedlung als „all to nah“ (all zu nah) an Hamburg gelegen erschien, ist die wahrscheinlichere Erklärung „all ten au“, „am Bach“. Fakt bleibt jedoch, daß sich die Hamburger Bürger ab dem frühen 16. Jahrhundert ständig über diese kleine, ursprünglich dänische Siedlung nordwestlich des Stadtzentrums beklagten. Hinsichtlich der „All zu nah“-Theorie darf man also das alte italienische Sprichwort wiederholen: se non e vero, e ben‘ trovato. Selbst wenn es auf der Ebene der Fakten nicht stimmt, ist es gut erfunden. Auf diese Weise funktioniert nach Freud ein Symptom: als hysterische Anklage, die auf faktischer Ebene nicht zutrifft, aber dennoch „gut erfunden“ ist, weil darin das Unbewußte zur Sprache kommt. Und dementsprechend besteht die symbolische Funktion des dritten Bahnhofs (Altona) darin, die Eindringlinge, die all zu nahe sind, in einem angemessenen Abstand zu halten, um so den fundamentalen gesellschaftlichen Antagonismus (Klassenkampf) auf den künstlichen Antagonismus zwischen „uns“ (unserer Nation, in der alle Klassen im selben Gesellschaftskörper vereint sind) und „ihnen“ (den fremden Eindringlingen) zu verschieben und so zu mystifizieren.

[…] Dies impliziert natürlich keineswegs, daß die Art und Weise, wie wir uns auf „sie“ beziehen, sekundär wäre und daß wir einfach das Augenmerk zurück auf jenen Antagonismus richten werden, der „unsere“ Gesellschaft von innen spaltet. Die Art und Weise, wie wir uns auf „sie“, auf das dritte Element, beziehen, ist der entscheidende Indikator dafür, wo wir tatsächlich im Hinblick auf diesen inhärenten Antagonismus stehen.

Slavoj Žižek, Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin (Suhrkamp: Ffm., 2002), 65-67.

Die zwanghafte Bemühung der Psychoanalyse darf man gerne überlesen.

Racialize, Individualize, Discipline & Punish

Lesenswertes Interview der Jungle World mit Elaine Brown, von 1974 bis 1977 Vorsitzende der Black Panther Party:

Eines Ihrer Bücher trägt den Titel »New Age Racism«. Was verstehen Sie unter diesem Begriff?

New Age ist ein Konzept aus den späten sechziger Jahren, mit dem an die Selbstverantwortung appelliert wurde, nach dem Motto: Wenn du dich richtig ernährst, erkrankst du auch nicht an Krebs. Ich benutze den Begriff New Age Racism deswegen, weil heute die Ursache der sozialen Probleme nicht mehr in der Gesellschaft gesucht wird, sondern bei den Individuen. Bill Clinton hat einmal gesagt, dass Martin Luther King beim Anblick der heutigen Situation der Schwarzen sagen würde: Ich starb für eure Freiheit, und was habt ihr damit gemacht?

Clintons Botschaft war, dass es keinen Rassismus mehr gibt. Die Schwarzen waren doch frei, aber sie haben ihre Freiheit vermasselt. So wie man uns weismachen will, dass der Klimawandel deswegen eintritt, weil wir das falsche Haarspray benutzen, will man nicht länger über die Verhältnisse reden, die dazu führen, dass die Hälfte aller Gefängnisinsassen der USA schwarz sind, obwohl der Anteil der Schwarzen an der Gesamtbevölkerung nur 13 Prozent beträgt. Die Missstände seien nicht länger eine Frage des Kapitalismus oder des Rassismus, sondern eine Frage des schlechten Benehmens Einzelner. Das ist die Ideologie des New Age.

Ich finde es immer wieder verblüffend, dass Statistiken, die in Deutschland quer durch die politische Bank zur Hetze gegen Migrant_innen verwendet werden — nämlich dass „Ausländer“ an Straftaten überproportional beteiligt seien —, im Diskurs über Schwarze in den USA allein für die Gewalt rassistischer Verhältnisse stehen. Es ist wie verhext: Selbst die Jungle World käme nie auf die Idee, die mit „Südländern“ vollgepropften Gefängnisse als Teil einer die gesamte deutsche Gesellschaft durchziehenden rassistischen Maschinerie zu deuten. Denn auch hier wird die „Kriminalität“, die von migrantischen Jugendlichen „ausgeht“, noch immer diesen selbst vorgehalten statt den Verhältnissen, die sie dort positionieren, wo man zum Delinquenten* (gemacht) wird.

    * Delinquent – The concept that eventually replaces that of the „prisoner“, according to Foucault. The delinquent is created by the operation of the carceral system and the human sciences, and strictly separated from other popular illegal activities. He is part of a small, hardened group of criminals, identified with the lower social classes. Most importantly, he is defined as „abnormal“, and analyzed and controlled by the mechanisms that Foucault describes. There are several advantages in replacing the criminal by the delinquent: delinquents are clearly set apart from the rest of society, and therefore easy to supervise and control. A small, controlled group is far easier to cope with than the alternative: large roaming bands of brigands and robbers, or revolutionary crowds. In part, Foucault argues that the figure of the delinquent was a response to the danger presented by the lower orders in the nineteenth century. [zurück]

Watchblog Islamophobie stellt Betrieb ein

Das Watchblog Islamophobie ist an diesem Wochenende leider abgeschaltet worden. Hauptgrund ist die Erkrankung von Bigberta, deren langjähriges Engagement von Huib Riethof hier noch einmal gewürdigt wird.

Im Hintergrund dürften aber auch die Angriffe durch Udo Ulfkotte eine Rolle spielen, der mit seiner Organisation Pax Europa den „Counter-Jihad“ ausgerufen hat und seit einiger Zeit an einer Allianz rechter europäischer Parteien gegen den „Islam in unseren Städten“ schmiedet. Durch Klagen konnte er die Betreiber des Watchblogs, welche ihm u.a. diverse antisemitische Äußerungen nachgewiesen hatten, in gleichermaßen ruinöse wie nervenaufreibende Prozesse verwickeln, die, um es vorsichtig auszudrücken, der Gesundheit von Bigberta sicher nicht förderlich gewesen sind.

Von mir daher die allerbesten Wünsche für ihre baldestmögliche Genesung in der Hoffnung, dass sie ihre wichtige Arbeit bald unter einem günstigeren Stern fortsetzen kann! Bis dahin der Link auf ein Projekt, das, ohne es in seiner thematischen Breite ersetzen zu können, gleichwohl in mancher Hinsicht verspricht, die Nachfolge des Watchblogs anzutreten: das Blog POLITISCH KORREKT von Dietmar Näher. Bitte aktualisiert eure Links!

Serkan hat keine Chance!

Als Ende November 1992 die Großmutter und die zwei kleine Töchter der türkischen Familie Arslan in Mölln durch zwei Jungdeutsche, Michael Peters und Lars Christiansen verbrannt wurden, war Serkan gerade mal fünf Jahre alt. Er hat davon kaum etwas mitbekommen.

Er wuchs in „zerrütteten“ Verhältnissen auf. Der Vater Alkoholiker, die Mutter und die Kinder wurden geschlagen, bis sich die Mutter vom Vater trennte. Irgendwann schob der deutsche Staat den Vater in die Türkei ab, Serkan blieb „dahoam“. Wo sollte er auch hin?

Er war hier geboren und aufgewachsen – wenn es überhaupt Aufwachsen genannt werden kann, als „Kümmeltürke“ beschimpft, in der Schule gehänselt, auf der Strasse gegängelt zu werden; und vor Allem jene ewigen Hassblicke, die ihm herabwürdigend entgegengeschleudert wurden. Allein unter den Deutschen. Er landete mit 11 Jahren in einem Erziehungsheim.

Das „Erziehen“ hat gerade mal ein Jahr gedauert. Er war wieder auf der Strasse. Mal verübte er einen Autoeinbruch, mal ließ er etwas mitgehen, um so zumindest seinen Abstieg selber zu bestimmen. Und es ging so weiter. Die „Türkenbrut“, der „Kanake“, der sich nicht benimmt „in unserem Land“, wo es „früher so was nicht gegeben hat“. Er wurde so lange wie ein Stück Dreck, wie Ungeziefer behandelt, bis er soweit war; eine Wanze halt, die man jederzeit zwischen den Fingern zerquetschen kann, ohne mit der Wimper zu zucken.

Sie haben ihm nichts gelassen. Er schaffte es trotzdem, ein Stück Würde zu behalten, so als einen rettenden Strohhalm, um weiter atmen zu können: Er legte Grenzen fest, die die Anderen mit ihrem Vernichtungswahn nicht überschreiten dürften, Grenzen, innerhalb derer er lebendig wurde, und bei deren Verletzung er zurückschlug, als Nachweis dessen, dass es ihn noch gibt.

So auch am 20. Dezember in der Münchner U-Bahn.
(Weiterlesen bei Café Morgenland …)