Archiv der Kategorie 'Sexism'

Queer Labor Hannover: 11. bis 20. August

Queer Labor Hannover

Hinweis in eigener Sache

Seit Montag veranstaltet das Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung das Gender-Festival Love Me Gender – Gender is Happening mit rund 70 Workshops, Diskussionen, Vorträgen, Ausstellungen, Kunstexperimenten und Lesungen. Am Samstag (11. Juli) um 17 Uhr werde ich mit Volker Beck, Klaus Lederer, Maria do Mar Castro Varela und Ammo Recla im Politischen Salon über das Thema „Homophob sind nur die ‚anderen‘?“ diskutieren. Ort: HBS, Schumannstr. 8, 10117 Berlin. Anmeldung erforderlich!

Kulturkampffeminismus und Gender-Backlash

Ein Topos, der in den Antimigrationsdebatten der letzten Jahre massiv ausgebeutet wurde, war das Thema Geschlechterverhältnisse. Ein Sammelband mit dem Titel Mann wird man, der noch für diesen Monat angekündigt ist, verspricht geistiges Rüstzeug gegen die rechtspopulistische Mobilisierung im Namen des Feminismus:

Junge muslimische Männer sind die neuen Sündenböcke in den westlichen Gesellschaften — sie werden dämonisiert und sensationalisiert. Das seit dem „11. September“ gesteigerte Interesse an muslimisch-migrantischen Geschlechterbeziehungen gilt vornehmlich dem Stereotyp des „aggressiven und patriarchalen Migranten“. Die Frage nach der konkreten Bedeutung von Migration und Religion für die Transformation und (Re-)Konstruktion männlicher Identitäten wird nicht gestellt. Dieser Band schließt die Lücke in der deutschsprachigen Forschung und bringt interdisziplinäre Forschungsergebnisse zu den Schnittstellen von „Migration und Männlichkeit“ sowie „Maskulinität und Islam“ zusammen.

Derweil beschäftigt sich teilnehmende beobachtungen, der erfreulicherweise das Bloggen wieder aufgenommen hat, mit dem antimuslimischen Stehpinkler Henryk M. Broder.

Familie — Keimzelle der Gewalt

Nach der Lektüre des folgend zitierten (und schon etwas älteren) Dossiers hab ich mich tatsächlich gefragt, ob der kontinuierliche Rückgang der Mordzahlen in der BRD seit den frühen 90er Jahren etwas mit dem Anwachsen der Single-Haushalte zu tun haben könnte. Denn immerhin finden mehr als die Hälfte aller hierzulande registrierten Morde und Totschlagsdelikte im familiären Umfeld statt:

Die Familie ist nicht mehr heilig, sie offenbart sich vielmehr als ein Ort von Terror und Gewalt. Keine Woche, in der Zeitschriften und Fernsehen nicht über Quälerei, Mord und Totschlag im Eigenheim berichten. Väter in Lebenskrisen löschen Familien aus, verzweifelte Frauen nehmen ihre Babys mit in den Tod. Voyeuristisch schildern Boulevardblätter, wie ganze Sippen sich sexuell an ihren Kindern vergehen. Pflegebedürftige Alte, so ist zu lesen, werden von ihren ungeduldigen Erben gequält und vernachlässigt. Die Familie, allen im Kopf als ein Hort der Geborgenheit und Wärme, ist mit einem Mal als die gewalttätigste Institution der Gesellschaft demaskiert.

… schrieb 1995 DIE ZEIT, damals noch in ungewöhnlich radikaler Pose. Heute wird das Problem, wie könnte es anders sein, auf die „Ausländer“ respektive Moslems abgeschoben (Stichwort ‚Ehrenmorde'). Die feministische Thematisierung der bürgerlichen Kleinfamilie als Keimzelle der Gewalt ist in Zeiten von „Du bist Zuchtvieh„-Kampagnen offenbar nicht mehr besonders en vogue.

Orientalism and Sexual Rights

It is in the realm of the emergent agenda of sexual rights that made its appearance in the United States and other Western countries in the late 1960s and began to be internationalized in the 1980s and 1990s that talk of sexual practices in the rest of the world, including the Arab world, would be introduced to the international human rights agenda and would be coupled with notions of „civilized“ and „uncivilized“ behavior. […] In the course of such „international“ human rights activism, two prime victims of human rights violations in Arab countries emerged and/or were created: women and „homosexuals.“ While the premodern West attacked the world of Islam’s alleged sexual licentiousness, the modern West attacks its alleged repression of sexual freedoms. The horror of „honor“ crimes taking the life of a quarter of all women murdered in Jordan, for example, would take a life of its own with special reports on American television networks and popular books by alleged native informants. Yet no special television program on U.S. networks investigated the fact that at least one-third of all women murdered in the United States are murdered by their boyfriends or husbands. Nor were these comparisons made when exhibiting real and imaginary Arab „honor“ crimes for television viewers.

From: Joseph A. Massad, Desiring Arabs (Chicago : University of Chicago Press, 2007), 37.

Vergewaltigung als Missverständnis?

Seit einigen Jahren wird in der autonomen Linken wieder verstärkt über Vergewaltigung und Sexismus diskutiert. Reader werden gedruckt, Blogs zum Thema angelegt, und auch die Schlammschlachten der Ekel-Atzen fangen wieder an. Ich möchte mich an dieser Debatte nicht beteiligen, da ich Ähnliches bereits Ende der 90er Jahre miterleben durfte und nicht die geringste Lust verspüre, diese Erfahrung zehn Jahre später zu wiederholen. Trotzdem habe ich mir gedacht, dass es sinnvoll sein könnte, ein paar Texte aus der damaligen Zeit wieder verfügbar zu machen, um bestimmte Einsichten nicht einfach verloren gehen zu lassen. Anfangen möchte ich mit einem bislang unveröffentlichen Auszug aus einer linguistischen Hausarbeit, in der das damals immer wieder auftauchende Konstrukt einer Vergewaltigung aus „missverständlicher Kommunikation“ einmal gründlich demontiert wird. Zugleich zeigt es an einem konkreten Beispiel, wie Vergewaltigungstribunale dazu benutzt werden können, aus der Klägerin die Angeklagte zu machen und ihr die moralische Verantwortung für die Tat zu unterschieben. Ich hoffe, einige können mit diesem (eher akademischen) Text was anfangen.

Umfrage belegt rassistische Projektion

Die Drecksmär von den „Frauen schlagenden Muslimen“ lässt sich durch Empirie offenbar nicht widerlegen. Kein Wunder, es handelt sich ja auch um ein rassistisches Phantasma, das die islamische Welt als Hindernis auf dem Weg zur vollen Verwirklichung der „westlichen Werte“ halluziniert:

Umfragen in vier arabischen Staaten, die im Rahmen des diesjährigen Berichts durchgeführt wurden, zeigen, dass die gesellschaftliche Akzeptanz für eine größere Teilhabe der Frau am öffentlichen Leben durchaus vorhanden ist. In Marokko, Ägypten, Jordanien und Libanon wurden jeweils 1000 Männer und Frauen befragt und 98% von ihnen waren der Meinung, dass Mädchen und Frauen bis zur Hochschule die gleiche Bildung genießen sollten wie der männliche Teil der Bevölkerung. […] 97% der Befragten verurteilten zudem das Schlagen der Ehefrau. […] Zudem erklärten 91% der Umfrageteilnehmer, Frauen hätten das gleiche Recht auf Arbeit wie die arabischen Männer.

Dass es in Wahrheit die Deutschen sind, die ihre Frauen schlagen und vergewaltigen (hallo Herr Fischer!), dies dann aber den Muslimen als besonderes Merkmal unterschieben, um sie ausgrenzen, zurechtweisen und sanktionieren zu dürfen, ist natürlich klar. So funktioniert eben Rassismus.

Der Täter ist immer der Ausländer

Es macht einen schon irgendwie fassungslos, wie unverblümt Postantideutsche ihren Rassismus und Sexismus raushängen lassen. Lfodemon, der uns noch im Januar eine heldenmutige Geschichte auftischte, wie er eine Frau in der S-Bahn aus den lüsternen Klauen eines Nichtdeutschen rettete, macht jetzt ein Mädchen zur Sau, das im Mädchenblog über einen sexistischen Übergriff erzählt. „Hauptsache Sexualität“ zitiert er den Titel einer Ausgabe der BAHAMAS, die Vergewaltigung zum schlechten Sex umdefiniert, und wirft der linken Szene vor, sie wolle mit ihrer antisexistischen Praxis eine „Sexualitäts-befreite Zone“ errichten, in der „die unvermittelte Herrschaft des Rackets richtet“. Sexismus ist für Leute wie Lfo nur noch ein Thema, wenn es um Kopftuch, Klitorisbeschneidung und Steinigung — also um das „Fremde“ — geht. Dagegen sollen Frauen bei stinkenden deutschen Männern, die sich gewaltsam an ihrem Gegenüber befriedigen, gefälligst still halten. Denn was ist das schon gegen die Gewalterfahrungen muslimischer Mädchen, die in Jogging-Hosen zum Schwimmunterricht geschickt werden! Postantideutsche interessieren sich für Homophobie und Sexismus offenbar genau dann, wenn es um die Unterfütterung ihres rassistischen Weltbilds geht — darum, Nichtdeutsche zu diskriminieren, auszuschließen und abzuschieben —, ziehen aber die Notbremse, sobald ihr eigenes Verhalten zur Sprache zu kommen droht.

Was ich mich zuletzt noch frage: Warum erleichtert man Leuten wie lfodemon nicht endlich den von ihnen ständig nur verkündeten, aber nie wirklich vollzogenen Abschied aus der Linken, indem man sie bei ihrem Abnabelungsprozess tatkräftig unterstützt? Zu begrüßen wäre das doch allemal.