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1 Die ideologische Rahmung eines Vergewaltigungstribunals

Die kanadische Linguistin Susan Ehrlich analysiert in ihrem Aufsatz The discursive reconstruction of sexual consent (1998) ein universitäres Disziplinarverfahren gegen einen Studenten, das auf Beschwerde zweier Frauen zustande kam. Beide hatten sich zuvor kennen gelernt und mussten feststellten, dass sie von derselben Person vergewaltigt worden waren. Ehrlich untersucht dabei die vom Tribunal angewandten Verhörpraktiken, in denen die Annahme einer möglichen Mitschuld der Klägerinnen auftaucht und zur teilweisen Legitimation des Verhaltens des Angeklagten führt.

Der vom Angeklagten und den Mitgliedern des Disziplinarausschusses angerufene Topos einer missverständlichen Kommunikation, der implizite Vorwurf an die Frauen, ihre Zurückweisung nicht deutlich genug artikuliert zu haben, bildet den ideologischen Rahmen für die während der Sitzung diskursiv hergestellten Machtbeziehungen. Diese schlagen sich in der Art der Befragung nieder und verhindern, dass alternative Interpretationen des Vorfalls zum Tragen kommen. Ähnlich wie bei anderen Formen institutioneller Wechselrede handelt es sich bei dem Tribunal um eine Form asymmetrischer Kommunikation, in der die grundlegende ideologische, gleichwohl als „natürlich“ und selbstverständlich erscheinende Perspektive von Seiten der Befragenden vorgegeben wird und so den Klägerinnen wenig Raum lässt, ihre eigene Sicht der Dinge zu entfalten.

Der diskursive Hintergrund für die Weise der Befragung bildet dabei die bis in die 50er und 60er Jahre gültige Erfordernis, der Frau einen „Widerstand aus allen Kräften“ aufzuerlegen, um das, was ihr widerfuhr, als Vergewaltigung bewerten zu dürfen. Auch wenn dieses Kriterium, das Männern ein größtmögliches sexuelles Vorrecht einräumte, in der kanadischen und US-amerikanischen Gesetzgebung nicht mehr kodifiziert ist, kann in den standardisierten Verhören vor Gericht noch immer ein androzentrisches Paradigma als wirksam betrachtet werden. Susan Ehrlich nennt es das „Defizitmodell“ von Fehlkommunikation, weil es auf der Annahme beruht, Frauen würden aufgrund einer abweichenden Sprachpraxis ihre sexuellen Zurückweisungen in unverständlicher Weise artikulieren.

Als beispielhaft für diesen neuen geschlechterideologischen Diskurs kann das populärlinguistische Werk von Deborah Tannen (1998), Du kannst mich einfach nicht verstehen, gelten, das davon ausgeht, Jungen und Mädchen würden in ihrer Kindheit in segregierten Sprachkulturen aufwachsen. Bei Gesprächen zwischen ihnen handle es sich folglich bis ins Erwachsenenalter hinein um eine Form „interkultureller Kommunikation“, die als solche besonders fehleranfällig und durch eine Reihe von notwendigen Missverständnissen geprägt sei. Übertragen auf das Beispiel des von Ehrlich untersuchten Vergewaltigungstribunals wird in diesem Konzept unterstellt, weder die Klägerinnen noch der Angeklagte seien in der Lage gewesen, ihre wechselseitigen kommunikativen Akte richtig zu interpretieren. Daran seien jedoch letztlich die Frauen schuld, die ihre Ablehnung ungenügend signalisiert hätten.

So fragt ein männliches Fakultätsmitglied (BW) eine der beiden Klägerinnen (CD):

BW: All that we were trying to flush out is for you to comment on … Are we talking here about a situation in which you basically are saying that Matt is not telling the truth about these things, or is there a possibility that two people could have had different perceptions about what was going on? Sort of vague questions, but what we’re trying to understand is whether you’re telling the tribunal that in your mind Matt is lying to us, or in your mind you could actually say maybe he could understand this a certain way.
CD: I … I honestly don’t know what’s going on in his mind. I don’t know if he’s making it up. I don’t know if he just doesn’t understand what happened. I I don’t know =
BW: = We know that you don’t know but is it possible I guess is the question. Is it possible that he … saw the events differently than you perceived them?
CD: I suppose it’s possible.

(Ehrlich 1998: 158)

Hätte Ehrlich eine genauere formale Analyse des Gesprächs unternommen, wäre ihr sicher aufgefallen, in welch suggestiver Weise der Befragten die Perspektive des Tribunalmitglieds aufgezwungen wird. Zunächst muss sie sich zwischen gerade einmal zwei Alternativen entscheiden: Lügt Matt oder hat er die Situation einfach nur anders wahrgenommen? Das Tribunalsmitglied weiß dabei sehr genau, dass die Unterstellung einer Lüge niemals die präferierte Antwort sein kann. Jemandem eine Lüge vorzuwerfen, gilt erstens gemeinhin als bösartiger Angriff auf die Integrität einer Person, kurz als üble Nachrede, und ist zweitens stets anfechtbar, da zum einen Aussage gegen Aussage steht und zum anderen niemand wissen kann, wie Matt die Dinge in seinem Kopf wirklich wahrnimmt.

Die Befragte erklärt deshalb zögerlich (was durch den zweimaligen Fehlstart indiziert wird), dass sie nicht sagen könne, was Matt sich dabei denke. Damit gibt sich das Tribunalsmitglied jedoch nicht zufrieden. Es unterbricht den Redezug der Befragten und gibt so deutlich seine Missbilligung zu verstehen. Eine Reparatur der Fragestellung, die nun auf eine Ja-Nein-Frage umgerüstet wird, soll der Befragten die Möglichkeit nehmen, differenzierte Ausführungen zu machen und so ihre eigene Perspektive zur Geltung zu bringen. Das Ziel des Fragestellers ist es, seine präferierte Interpretation – dass es sich nämlich um eine unterschiedliche Wahrnehmung der Beteiligten handle –, von der Befragten als legitime Möglichkeit sanktionieren zu lassen, um so für das zu erwartende Urteil die Anerkennung der Klägerin zu erhalten.

Noch deutlicher kommt die ideologische Perspektive des Tribunals an einer anderen Interaktion zum Ausdruck, die sich zwischen der Klägerin Marg (MB) und einer weiteren Fakultätsvertreterin (GK) vollzieht:

1 MB: I kept saying ‘let’s just go to sleep’. I didn’t honestly know what else in my
2 mind to do at that time. For me that was all I could do to tell him I didn’t want to do
3 anything.
4 GK: And did it occur to you through the persistent behaviour that maybe your signals
5 were not coming across loud and clear, that ‘I’m not getting through what I want and
6 what I don’t want?’ Does it occur to you ‘I need to stand up and say something’, ‘I
7 need to move him to the floor?’ This is the whole thing about getting signals mixed up.
8 We all socialize in one way or the other to read signals and to give signals. In that
9 particular context, were you at all concerned your signals were not being read exactly
10 and did you think since signals were not being read correctly for you, ‘should I do
11 something different with my signals?’
12 MB: I did. He made me feel like I wasn’t saying anything, that I wasn’t saying ‘no’
13 and that’s why I asked to talk to Bob, thinking if I couldn’t tell him maybe Bob could
14 tell him. Bob came in the room and said everything was okay just to forget about it and
15 go to sleep. I tried that. I told Matt, I said if the circumstances would have been
16 different, maybe. It was a lie but I mean it was another way for me to try to tell him
17 ‘no’. I mean obviously I just wanted to go to sleep. It wasn’t getting through so I tried
18 different approaches. And in my mind I hoped that they were getting through. I mean, I
19 was making it as clear as I could. I’m not sure if that answers your question or not
20 but …
21 GK: No, it’s because from there to the end you, you had felt that you hadn’t made
22 it clear because at the end you said you were willing to lie and give him this phone
23 number and get rid of him. So all along the way you felt your signals were not read
24 correctly. But the whole thing is, you know, that concerns all of us is that the signals
25 of, you know, between men and women are just, are not being read correctly and I’m
26 not debating who’s lying and who’s telling the truth because it’s not mine to say that.
27 The substance is why, that signals, do you feel at that time your signals were not being
28 read correctly?
(Ebd., S. 159)

Wieder haben wir es mit einer äußerst gewaltsamen Interaktion zu tun, wieder erschöpft sich der Beitrag von Seiten der Vertreterin der Fakultät darin, der Klägerin die eigene theoretische Perspektive aufzuzwingen und wieder gibt die Fragestellerin – und diesmal sogar mit einem expliziten „Nein“ – zu verstehen, dass sie mit der Antwort der Befragten nicht zufrieden ist.

Auch wird hier klar, dass die Antwortalternative im zuvor zitierten Verhör, Matt lüge womöglich, nicht nur niemals eine gleichrangige Option war, sondern dass die Klägerin mit einer solchen Unterstellung direkt in eine Falle gelaufen wäre. Denn dass auf dem Vorwurf der Lüge genau wie auf dieser selbst ein schlimmes Stigma lastet, gibt das befragende Tribunalmitglied GK deutlich zu verstehen: „and I’m not debating who’s lying and who’s telling the truth because it’s not mine to say that“ (25f.).

Der Klägerin wird in diesem Zusammenhang sogar die kleine Notlüge, sie sei müde, vorgehalten. Dass sie am Ende „bereitwillig“ (22) zu diesem Mittel gegriffen habe, zeige, dass sie mit ihren sonstigen Versuchen, die sexuellen Avancen von Matt abzuwehren, nicht durchgedrungen sei. Nicht verstanden wird, dass es sich bei Sätzen wie „ich bin müde“ um eine durchaus konventionelle Methode handelt, auf höfliche und allgemein verständliche Weise „nein“ zu sagen, ohne den anderen offen vor den Kopf zu stoßen.

Dass das „Nein“ der Klägerin nicht akzeptiert wurde, hat also weniger damit zu tun, dass es nicht verstanden worden wäre. Vielmehr wurde es von Matt offensichtlich dahingehend umgedeutet, dass nur noch etwas mehr Druck nötig sei, um zum gewünschten Ergebnis zu gelangen: „He made me feel like I wasn’t saying anything, that I wasn’t saying ‘no’“ (12). Susan Ehrlich macht für diese Verdrehung der Bedeutung einer sexuellen Zurückweisung den hegemonial männlichen Hintergrund kultureller Werte und Glaubenssätze verantwortlich, durch den jeder Satz einer Frau gefiltert wird:

„[…] a woman will say ‚no’ with sincerity to a man’s sexual advances, but the ‘no’ gets filtered through a series of cultural beliefs and attitudes that transform the woman’s direct negative into an indirect affirmative: ‘She is playing hard to get, but of course she really means yes’“ (Ehrlich 1998: 156).

In diesem Sinn sind Frauen der Möglichkeit enteignet, überhaupt noch „nein“ zu sagen, ohne so verstanden zu werden, dass sie in Wirklichkeit „ja“ meinten. Sie haben, wie Ehrlich die feministische Sprachwissenschaftlerin McConnel-Ginet zitiert, „die Macht der Benennung“ verloren.

2 Über die Struktur konventionalisierter Zurückweisungen

Ich möchte nun die Diskursanalyse von Susan Ehrlich noch einmal vor dem Hintergrund der Ergebnisse des konversationsanalytischen Beitrags Just say no? von Celia Kitzinger und Hannah Frith (1999) lesen, der untersucht, wie Zurückweisungen in der Alltagskommunikation artikuliert werden. Durch die formale Rekonstruktion des Gegenstandes, von dem der Diskurs über „sexuelle Fehlkommunikation“ in so unbefangener und volkstümlicher Weise spricht, erhält auch Ehrlichs kritische Diskursanalyse zusätzliches Material. Denn von dort fällt einiges Licht auf die Behauptung der Vorsitzenden des Vergewalti­gungstribunals, die diskreten Signale, mit denen die Frauen die sexuellen Annäherungen des Angeklagten zurückgewiesen haben, seien von diesem nicht richtig interpretiert worden.

Eine Reihe von konversationsanalytischen Arbeiten hat ausführlich untersucht, wie die Ablehnung von Einladungen bzw. Angeboten sprachlich bewerkstelligt wird, und signifikante Differenzen zu der Art feststellen können, in der man in etwas einwilligt. Einwilligungen enthalten in der Regel: (a) eine simple Akzeptanzbekundung und (b) keine Verzögerung:

  1. A: Why don’t you come up and see me some[time
    B: [I would like to
  2. A: We:ll, will you help me [ou:t.
    B: [I certainly wi:ll.

    (Zit. in: Kitzinger; Frith 1999: 307)

Diese Beispiele sind typisch dafür, auf welch unmittelbare Weise ein „Ja“ formuliert wird: Es gibt keine Pause zwischen Frage und Antwort, vielmehr treten oft sogar Überlappungen auf. Und auch die eigentliche Akzeptanzbekundung ist knapp und bündig.2 Die Ablehnung von Einladungen haben demgegenüber eine ganz andere Form. Eine typische Zurückweisung sieht etwa so aus wie in den folgenden Beispielen:

  1. Mark: We were wondering if you wanted to come over Saturday, f’r dinner.
    (0.4)
    Jane: Well (.) .hh it’d be gread but we promised Carol already.
  2. A: Uh if you’d care to come and visit a little while this
    morning I’ll give you a cup of coffee.
    B: hehh Well that’s awfully sweet of you. I don’t think I can
    make it this morning. .hh uhm I’m running an ad in the
    paper and-and uh I have to stay near the phone.

    (Ebd., S. 301)

Konversationsanalytiker haben gezeigt, dass Zurückweisungen routinemäßig so gestaltet werden, dass sie wenigstens einige der folgenden Merkmale enthalten, nämlich (ebd.):

  1. Aufschübe: z.B. Pausen und Verzögerungen wie im ersten Beispiel die vier Zehntel Sekunden und im zweiten das Schnaufen, das als „gefüllte Pause“ aufzufassen ist.
  2. Vorworte („well“, „ahhh“), die auch als hedges (Hecken) bezeichnet werden, offenbar weil sie wie eine „Absperrung“ zur vorausgehenden Frage funktionieren.
  3. Palliative wie Wertschätzungen, Entschuldigungen, scheinbare Einwilligungen usw. Beispiele dafür sind Komplimente nach dem Muster: „das wäre großartig“ oder „das ist furchtbar nett von dir“, aufgeschobene Zustimmungen wie: „nicht heute, sondern morgen“ sowie das Angebot einer Alternative z.B. als Reaktion auf ein sexuelles Angebot („wollen wir nicht lieber ein bisschen miteinander reden?“).
  4. Rechenschaften, die darüber Auskunft geben, warum die Einladung nicht angenommen werden kann. Dazu gehören vor allem Erklärungen, Rechtfertigungen und Ausreden („ich bin zu müde“). Diese sollen den Sprecher entlasten und den Eindruck vermeiden, die Einladung sei nicht gewollt oder nicht attraktiv.

Diese komplexe Struktur hat ihren Grund darin, dass es sich bei Ablehnungen um normativ unerwünschte Antworten handelt. Dispreferred, wie der Ausdruck in der englischen Terminologie der Konversationsanalyse lautet, sind Zurückweisungen jedoch nicht aufgrund der Psychologie des jeweils Handelnden, sondern gemessen an den Normen von Höflichkeit, die in der Alltagsroutine objektiv eingelassen sind. Es können daher keine unmittelbaren Rückschlüsse auf die Charaktereigenschaften einer Person gezogen werden, wenn sie mit einer „verklausulierten“ Zurückweisung lediglich den Normen folgt, die eine Sprechergemeinschaft für diese Art von Handlungen vorsieht.

In einer „Laienversion“ konversationsanalytischer Theorie sind sich auch die von Kitzinger und Frith zusätzlich befragten Studentinnen der Schwierigkeit bewusst, „einfach nein zu sagen“, wie es einschlägige Ratgeber zur Prävention von ‚Vergewaltigung unter Bekannten’ empfehlen.3 In einer Gruppendiskussion äußern sie:

Liz: It just doesn’t seem right to say no when you’re up there in the situation.
Sara: It’s not rude, it’s not rude – it sounds awful to say this, doesn’t it.
Liz: I know.
Sara: It’s not rude, but it’s the same sort of feeling. It’s like, ‘oh my god, I can’t say no now, can I?’

(Ebd., S. 303)

Es ist jedoch nicht nur schwierig, ein ungeschminktes „Nein“ zu äußern, es ist auch gar nicht notwendig. Weitere Daten aus dem Corpus konversationsanalytischer Untersuchungen zeigen, dass bereits eine Pause, das erste Element einer konventionalisierten Zurückweisung, als Indiz für eine im nächsten Redezug zu erwartende Ablehnung verstanden wird:

A: If you wanted to: ‘hh you could meet me at UCB an’ I could show you some a’ the other things on the computer.
(.)
maybe even teach you how to programme Basic or something
B: (0.6) Well I don’t know if I’d wanna get all that invo:lved, hh’hhh!
A: It’s really interesti:ng.

(Ebd., S. 307)

Die kurze Pause, die nach Beendigung des Redezugs entsteht, veranlasst A, die Einladung, noch bevor B das Wort ergreift, zu modifizieren und zusätzliche Gründe anzuführen, warum es sich für B lohnen könnte, das Angebot nicht auszuschlagen. Auch nachdem B deutliche Ablehnung signalisiert hat, versucht A noch, B zu überreden. Die Reaktion ist also nach einer ausführlichen Ablehnung keine andere als diejenige, die bereits nach einer Pause von nicht mehr als zwei Zehntel Sekunden einsetzt.4

Drei weitere Beispiele zeigen, dass es kein Einzelfall ist, eine Pause auf eine Einladung als Ablehnung oder zumindest deren Ankündigung zu interpretieren:

  1. C: So I was wondering would you be in your office
    on Monday (.) by any chance?
    (2.0)
    Probably not
  2. R: What about coming here on the way
    (.)
    Or doesn’t that give you enough time?
  3. C: Well you can both stay.
    (0.4)
    Got plenty a’ room.
  4. (Ebd., S. 308)

In Beispiel I nimmt C bezeichnenderweise die Antwort seines Gegenübers vorweg: Nach zwei Sekunden Pause ist nichts mehr anderes zu erwarten als eine Ablehnung. In Beispiel III versucht C die Gründe auszuräumen, von denen er denkt, dass sie ausschlaggebend für die durch die kurze Pause antizipierte Zurückweisung sein könnten. In Beispiel II versucht R bereits nach einer Pause von höchstens zwei Zehntel Sekunden den möglichen Einwand seines Adressaten zu erraten.

Doch nicht nur Pausen, sondern auch Palliative, wie sie schwache Zustimmungen darstellen, werden meist als Ablehnung interpretiert. Das zeigt das folgende Beispiel:

A: ‘hhhhh Uh will you call ‘im tunight for me,=
B: =eYea:h,
(.)
A: Plea::se,

(Ebd., S. 309)

Trotz B’s formaler Einwilligung interpretiert A diese als Zurückweisung, denn er hält die Sache nicht für erledigt.5 Stattdessen reagiert er mit einem langgezogenen „Plea::se“, also mit dem Versuch, B durch Betteln doch noch zur gewünschten Handlung zu überreden. Grund dafür ist, dass das „Yea:h“ nicht besonders enthusiastisch war und noch dazu leicht verzögert kam. „Normal“ wäre eine Überlappung mit dem vorhergehenden Redebeitrag gewesen.

An diesen Beispielen gemessen, erscheint die Behauptung, Männer könnten Frauen missverstehen, wenn sie ihr „Nein“ nicht explizit und deutlich genug artikulieren, eher befremdlich. Denn in kaum einem Fall aus der Alltagskommunikation wird man ein wörtliches Nein als Reaktion auf eine Einladung, eine Bitte oder ein Angebot finden. Im Rahmen eines drohenden sexuellen Übergriffs kommt die Angst hinzu, den Täter durch eine ungeschminkte Zurückweisung, die, wie wir hier sehen, allen sprachlichen Konventionen widerspricht, vor den Kopf zu stoßen und so eine Eskalation der Situation zu bewirken.

Seine Ablehnung geradeheraus zu äußern, ist jedoch auch gar nicht notwendig, um verstanden zu werden. Bereits minimale Elemente wie eine Pause genügen, um ein „Nein“ zu indizieren. Die Behauptung einer geschlechtsspezifischen Fehlkommunikation als Ursache einer Vergewaltigung unter Bekannten ist daher wohl nicht mehr als eine ideologische Phrase, die dazu geeignet ist, den Täter zu entschuldigen. So ist sich auch der Konversationsanalytiker Michael Moerman sicher:

“In any society, the recurrent and systematic attainment of misunderstanding between members of social categories who regularly converse with one another must thus be regarded as an artful, complicit, and damning accomplishment.” (zit. n. Kitzinger; Frith 1999: 311)

3 Relektüre der Tribunalssitzung

Kehren wir mit den Ergebnissen aus der Konversationsanalyse noch einmal zurück zum Diskurs über Vergewaltigung, wie er sich in dem von Ehrlich untersuchten Tribunal manifestiert. An der ideologischen Rahmung durch das „Defizitmodell von Fehlkommunikation“ beteiligt sich indirekt auch der Angeklagte Matt (MA) mit der Aussage, dass die Klägerin, von der in diesem Fall die Rede ist, es versäumt habe, ihm ein schlichtes Nein zu übermitteln, woraus er jedoch, anders als die Tribunalmitglieder, auf ein Einverständnis hinsichtlich seiner Handlungen schließt:

MA: Uhm she was just reciprocationg and we were fooling we were fooling around. This wasn’t .. heh this wasn’t something that she didn’t want to do.
HL: How did you know?
MA: How did I know?
HL: Yeah.
MA: Because she never said ‘no’, she never said ‘stop’ and when I was kissing her she was kissing me back … and when I touched her breasts she didn’t say no.

(Ehrlich 1998: 152 f.)

Ein ähnliches Beispiel seiner Argumentation liefert Matt in der folgenden Befragungssequenz:

GK: One last question, if Marg was asleep and there’s testimony that says that she’s asleep and we have testimony that says it’s debatable whether she was asleep=
MA: =Mhmm=
GK: =Uh why do you continue caressing her?
MA: Well as I said last week what occurred was that we had gotten back into bed and we started kissing and she said that she was tired, you know, she never said like ‘no’, ‘stop’, ‘don’t’, you know, ‘don’t do this’ uhm ‘get out of bed’.

(Ebd., S. 155)

Doch die Konversationsanalyse zeigt gerade, dass „no“, „stop“, „don’t“, „don’t do this“ keine Bestandteile von normalen Zurückweisungen darstellen, wie sie alltäglich von Sprechern realisiert und auch problemlos verstanden werden.

Matt behauptet außerdem, dass die Angeklagte ihm sogar signalisiert habe, dass sie wenigstens nicht grundsätzlich abgeneigt sei, mit ihm sexuellen Kontakt zu haben:

HL: Yeah so she told you under different circumstances [she ]
MA: [Yeah]
HL: might be willing to engage in sexual activity with you.
MA: Under the circumstances which she explained to me=
HL: =Right with everyone in the room.
MA: Well yeah I mean the=
HL: =So she did tell you at some point that she didn’t want to have sexual activity with you with everyone in the room. Am I right?
MA: At that point she did.

(Ebd., S. 154)

Das aber, was Matt retrospektiv als prinzipielle Einwilligung in seine Handlungen interpretiert, ist Teil einer konventionellen Ablehnung, die, wie gezeigt, aus wenigstens einigen der folgenden Elementen: Pause, Vorwort, Palliativ und Rechenschaft, besteht. Bei der Behauptung, dass sie unter anderen Umständen bereit wäre, mit Matt Sex zu haben, handelt es sich um ein klassisches Palliativ der Klägerin in Form einer Vertröstung. Zweifellos muss sie daher von ihm als Bestandteil einer Zurückweisung verstanden worden sein.

Doch Matt stilisiert sich als „kultureller Idiot“, der auf den wörtlichen Gehalt eines Sprechakts pocht, ohne dessen konventionalisierte Bedeutung in Betracht zu ziehen. Diese gespielte Naivität wird ihm dabei von den Tribunalmitgliedern unter Rückgriff auf populärlinguistische Theorien, die von so etwas wie unterschiedlichen Signalsystemen zwischen den Geschlechtern ausgehen, ohne Zögern abgenommen. Stattdessen werden die Klägerinnen dafür verantwortlich gemacht, dass sie ihre Zurückweisungen nicht wörtlich als „Nein“ artikuliert haben, sondern, wie wir nach den Ergebnissen des letzten Kapitels feststellen können, entsprechend den kulturellen Normen, die eine Sprechergemeinschaft für eine solche Handlung vorsieht.

Dass Matt die Rolle des „kulturellen Idioten“ auch während der Vergewaltigung spielte, lässt sich zudem an der bereits zitierten Äußerung: „He made me feel like I wasn’t saying anything, that I wasn’t saying ‘no’“ von Seiten einer der Klägerinnen ablesen. Darüber hinaus weisen auch andere in der Sitzung des Tribunals verhandelten Äußerungen auf mehrfache und an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassende Zurückweisungen hin, etwa, wenn die Klägerin äußert: „let’s just go to sleep“. Hierbei handelt es sich um ein konventionelles Palliativ, das eine Alternative zu den sexuellen Handlungen ins Spiel bringt, die von der Sprecherin offenbar nicht gewünscht sind.

Dass die Klägerin Marg (MB) dabei am Ende nicht zum letzten ihr verbleibenden Mittel, dem der körperlichen Gegenwehr griff, erklärt sie überzeugend mit ihrer Angst vor einem Kampf und der Möglichkeit physischer Verletzungen. So heißt es in der Befragung durch das Fakultätsmitglied GK:

29 GK: What I’m trying to say and I I realize what I’m saying is not going. … You never
30 make an attempt to put him on the floor or when he leaves the room, to close the door
31 behind him or you know you have several occasions to lock the door. You only have
32 to cross the room. Or to move him to the floor, but these things are offensive to you?
33 MB: I was afraid. No one can understand that except for people that were there. I
34 was extremely afraid of being hurt. Uhm: as for signals, they were being ignored. I
35 tried I mean maybe they weren’t being ignored I don’t know why he didn’t listen to
36 them. I shouldn’t say they were being ignored but he wasn’t listening. And I kept
37 telling him, I kept telling him, I was afraid to ask him to sleep on the floor. It crossed
38 my mind but I didn’t want to get hurt. I didn’t want to get into a big fight. I just
39 wanted to go to sleep and forget about the whole entire night.
(Ebd., S. 160)

Hier wird deutlich, dass über das „Defizitmodell von Fehlkommunikation“ die juristische Forderung nach einem „Widerstand aus allen Kräften“ (utmost resistence standard) indirekt wieder Einzug hält: Wenn angeblich die Signale einer sexuellen Zurückweisung aufgrund vermeintlich unterschiedlicher pragmatischer Systeme nicht durchdringen (die Behauptung, der Angeklagte habe sie einfach ignoriert, erscheint den Tribunalmitgliedern aufgrund ihrer ideologischen Rahmung durch das Defizitmodell nicht statthaft), fällt die Verhinderung der Vergewaltigung wieder vornehmlich in die Pflicht des Opfers. Dessen unangemessene Reaktionen werden so zum Fokus einer kritischen Befragung, während der Täter als unschuldiger Dummkopf davon kommt.

Die sich so vollziehende Verkehrung der Rolle von Klägerin und Angeklagtem kommt schließlich in dem das Verhör abschließenden Dialog deutlich zum Ausdruck:

HL: Do you have anything more that or specific to say to the panel about the evidence that you’ve heard and uh that Matt has given?
MB: The truth? I mean I don’t know what else to reply to. You think, at least I do, that you know you’re walking down the street and someone grabs you. I was prepared for that I thought, but you don’t expect someone that you know to do that and when it’s happening, I mean, you do whatever you have to survive. ((crying)) I mean I was just thinking how to survive that second. I mean I didn’t care if that meant getting back into bed with him. If he didn’t hurt me I didn’t care at that second. I mean I have gotten back into bed, I should have yelled, I should have done something, but, I was in a room full of people that weren’t helping me and somebody was trying to hurt me. I did whatever I could to get by. I don’t know what else to tell you.

(Ebd., S. 165)

Bezeichnend ist, dass das Tribunalmitglied HL an die Klägerin Marg die Aufforderung zu einer letzten Stellungnahme richtet. Dies deshalb, weil die Frage: „Haben Sie dem Gericht abschließend noch etwas zu sagen?“ eigentlich für den Angeklagten in einem Strafprozess gedacht ist, dem stets das letzte Wort vorbehalten bleibt. Hier, vor allem, erhält er noch einmal die Möglichkeit, sich bei seinem Opfer zu entschuldigen und seine Tat zu bereuen, was ihm beim Urteil meist strafmildernd angerechnet wird. Dass diese Frage nun an die Klägerin gestellt wird, ist eine groteske Verdrehung, die jedoch mit Berichten übereinstimmt, wonach eine Klägerin in einem Vergewaltigungsprozess von Richtern immer wieder einmal versehentlich als Angeklagte angesprochen wird, nachdem sie zuvor aufgrund ihres angeblich „unangemessenen Verhaltens“ oder ihrer sittlich „zweifelhaften“ Biographie ins Kreuzfeuer der Kritik geraten war.

[…]

  1. Es gibt allerdings keine Untersuchungen darüber, ob die Annahme eines sexuellen Antrags ebenso ungeschminkt vollzogen wird. [zurück]
  2. So heißt es in einem klassischen Handbuch mit dem Titel The Assertive Woman: “It is crucial that you give a simple ‚no’ rather than a long-winded statement filled with excuses, justifications, and rationalizations about why you are saying ‘no’. It is enough that you do not want to do this, simply because you do not want to do it.” (zit. n. Kitzinger/Frith 1999: 298). In einem anderen Ratgeber liest man: “Telling the man that you do not want to have sex by saying things like ‘I really don’t know if we should do this’, ‘Not now, can’t we wait?’ or ‘I really like you but I’m not sure’ is not effective. All these statements can be misconstrued as meaning that you need a little more urging to be cooperative.” (Zit. n. Kitzinger/Frith 1999: 305). [zurück]
  3. Man beachte: B verbalisiert die Zurückweisung, ohne explizit „Nein“ zu sagen. Vielmehr benutzt sie die von der Konversationsanalyse herausgestellte klassische Struktur für Ablehnungen. [zurück]
  4. Ein ähnliches Beispiel dafür, wie Bejahungen als Ablehnungen funktionieren können, ist das der second assessments: “Effective agreements ordinarily require some upgrading relative to the assessment with which they are agreeing. Same-valence assessments which are not upgraded, or simple agreement tokens, can constitute ‘weak agreements’, and can be taken as tantamount to virtual disagreement or non-agreement. Commonly, the producers of the first assessment respond to such weak agreements with upgrades.” (Schegloff 1997: 177) [zurück]

Literatur

  • Abel, Maria (1988): Vergewaltigung : Stereotypen in der Rechtsprechung und empirische Befunde. Weinheim; Basel. ( = Ergebnisse der Frauen­for­schung; 15)
  • Ehrlich, Suan (1998): „The discursive reconstruction of sexual consent.“ In: Discourse & Society. Bd. 9(2): 149-171.
  • Günthner, Susanne (1992): „Sprache und Geschlecht: Ist Kommunikation zwischen Frauen interkulturelle Kommunikation?“ Linguistische Berichte 138, S. 123-143.
  • Kitzinger, Celia; Hannah Frith (1999): „Just say no? : The use of conversation analysis in developing a feminist perspective on sexual refusal.“ In: Discourse & Society. Bd. 10(3): 293-316.
  • Schegloff, Emanuel A. (1997): „Whose text? Whose context?“ In: Discourse & Society. Bd. 8(2): 165-187.
  • Tannen, Deborah (1998): Du kannst mich einfach nicht verstehen : Warum Männer und Frauen aneinander vorbeireden. München.
  • Weis, Kurt (1986): „Vergewaltigung: Auswirkungen und soziale Bedeutung.“ In: Rolf Gindorf (Hrsg.) ; Erwin Haeberle (Hrsg.), Sexualität als sozialer Tatbestand. Berlin.