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Aufschlag in der Wüste des Realen

Der homophobe Anschlag auf einen LGBTQ1-Jugendtreff in Tel Aviv, der zwei Menschen das Leben kostete, bringt auch die beiden regressiven Pole der deutschen Linken: Antiimps und „Anti-D“s, wieder zum Tanzen – jedenfalls wenn man die abgefahrenen Kommentarspalten bei Indymedia liest. Im Grunde verwundert das nicht, denn das Thema Homophobie wurde jahrelang dazu benutzt, Linke und Liberale auf die Seite Israels zu ziehen und (wenn auch manchmal nur implizit) eine ideologische Legitima­tion für die systematische Entrechtung der Palästinenser_innen zu liefern.

Entsprechend hat sich auch in Israel seit einiger Zeit eine Art politischer Arbeitsteilung etabliert: Während der ultraorthodoxe Innenminister Eli Yi­shai (Shas) „Homosexuelle und Lesben“ in der Knesset als „kranke Menschen“ bezeichnet, denen er eine „schnelle Genesung“ (und die baldige Erfindung einer chemischen Medikation) wünscht, benutzt der faschistische Außenminister Avigdor Liebermann (Jisra‘el Beitenu) das Thema, um „die internationale schwule Gemeinschaft“ für Israels politische Ziele „zu rekrutieren“ (Ha‘aretz). (mehr…)

Letzter Vortrag in Berlin

SetarAm Donnerstag wird es in Berlin zum vierten und vorläufig letzten Mal einen Vortrag zum Thema „Homo­phober Moslem, toleranter Westen? Europa und die Hetero­normalisierung der islamischen Welt“ geben.

Ort: Buchladen Müßiggang, Reichenberger Str. 63a (Keller).
Zeit: Do, 30. Juli ’09, 19 Uhr.

Da die Räumlichkeiten leider etwas begrenzt sind, gilt es entweder frühzeitig da zu sein oder sich sicherheitshalber eine alternative Abend­gestaltung zu überlegen.

Übrigens: danke für die Werbung des „letzten linken Studenten“ Jörg Sundermeier, der sich in der taz auf bewährtem intellektuellen Niveau mit meinem Klappentext auseinander­gesetzt hat. Ich freue mich schon auf seine kompetenten Diskussions­beiträge am Donnerstagabend – und natürlich den feierlichen Vortrag eines nach persischem Muster verfassten Ghasels von Graf August von Platen-Hallermünde! (An Kerzen und Setar-Unter­malung ist bereits ge­dacht.) ;)

My interests according to del.icio.us

My interests according to del.icio.us

(wordle.net via meta)

Touche pas à mon copain!

Jabber-Protokoll

LIMO: linksmotivierte „potentielle straftäter“ (= polit. aktivist_innen)

Slavoj Žižek: What does it mean to be a revolutionary today?

A lecture held at the Marxism festival in London, 2009:

(via Subtext)

Gib dem LKA keine Chance!

Ich hab mal geschaut: die meisten Antifa-Gruppen haben ihre E-Mail-Adresse bei web.de oder gmx.de. Hallo? Ist die Debatte über Vorratsdatenspeicherung so an euch vorbeigegangen? Bei diesen Hostern schaut die Polizei einfach nach, unter welcher IP das Postfach abgerufen wird, geht dann zum jeweiligen Internet-Service-Provider und schon hat sie euren Namen. Leichter kann man’s ihr wirklich nicht machen. Wie wär’s denn mit india.com als Mail-Hoster oder irgendeinem anderen Anbieter außerhalb der EU?

Es scheint wirklich keinerlei Grundwissen über die einfachsten Sicher­heitsvorkehrungen im Internet mehr zu existieren. Da könnt ihr euch sowas Kompliziertes wie TOR und PGP echt sparen! Wie wär’s denn mal, auf ’nem Antifa-Camp eine praktische Einführung in den Daten-Selbst­schutz zu organisieren, statt sich die zehntausendste Propaganda-Veranstaltung über den Nahostkonflikt reinzuziehen? So schwer ist das doch wirklich nicht mit dem Safer Internet. Informationen schützen!

C‘est l‘Eglise!

Eine Religion, die derart Anspruch erhebt auf die tägliche Regierung der Menschen in ihrem wirklichen Leben unter dem Vorwand ihres Heils und im Maßstab der Menschheit, das ist die Kirche, und es gibt dafür in der Geschichte der Gesell­schaften kein weiteres Beispiel. Ich denke, daß sich hier, mit dieser Institutionalisierung einer Religion als Kirche – und ich muß dies recht knapp ausführen – ein Machtdispositiv zumin­dest in seinen großen Linien formt, das nirgendwo sonst zu finden ist, ein Machtdispositiv, das niemals aufgehört hat, sich innerhalb von fünfzehn Jahrhunderten zu entwickeln und im großen und ganzen zu verfeinern, sagen wir, vom zweiten, dritten Jahrhundert nach Christus bis zum 18. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Die pastorale Macht, die vollkommen an die Organisation einer Religion als Kirche gebunden ist, der christlichen Religion als christlicher Kirche, diese pastorale Macht hat sich zweifellos im Laufe dieser fünfzehn Jahr­hunderte währenden Geschichte beträchtlich verändert. Zwei­fellos wurde sie in verschiedene Formen deplaziert, disloziert, transformiert, integriert, doch wirklich abgeschafft wurde sie im Grunde genommen nie. Und wenn ich das 18. Jahrhundert als Ende des pastoralen Zeitalters ansetze, ist es wahrscheinlich, daß ich mich nochmals irre, denn die pastorale Macht, die als Macht ausgeübt wird, ist in ihrer Typologie, ihrer Organisation, in ihrer Funktionsweise tatsächlich etwas, von dem wir uns zweifellos noch immer nicht frei gemacht haben.

Michel Foucault, Sicherheit, Territorium, Bevölkerung : Geschichte der Gouvernementalität 1 : Vorlesung am Collège de France 1977-1978. Hrsg. v. Michel Sennelart, übers. v. Claudia Brede-Kronersmann u. Jürgen Schröder. Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 2006. 218 f.

Sexuelle Machtergreifung

Grandios – der Vortrag/Aufsatz von Dagmar Herzog über die religiöse Rechte in den Vereinigten Staaten und ihren nahezu widerstandslosen Durchmarsch auf sexualpolitischem Terrain:

In den Anfangsjahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts: Der Diskurs über Sex in den USA grenzt inzwischen ans Halluzinatorische. Der Verkauf von Vibratoren ist in dreizehn Bundesstaaten nicht erlaubt, weil, wie ein Gericht in Alabama formuliert, Regierungen ein legitimes Interesse daran haben, „das Streben nach artifiziell herbeigeführten Orgasmen“ zu unterbinden. Apotheker in mehreren Bundesstaaten dürfen den Verkauf von Kontrazeptiva an unverheiratete Frauen – trotz Arztrezept – verweigern, falls unehelicher Sex mit ihrem „Gewissen“ im Konflikt stehen sollte. […] Zwanzigtausend Anti-Onanie-Päckchen (samt Bibel und Warnungen auch vor Flirt, begehrlichen Blicken und „unreinen Gedanken“) werden an amerikanische Soldaten und Soldatinnen in Afghanistan und im Irak verschickt. […] Die seit 2006 verfügbare Impfung gegen das Human Papilloma Virus, der unter anderem genitale Warzen und Gebärmutterhalskrebs verursacht, löste eine lautstarke Kampagne gegen die flächendeckende Impfung junger Mädchen aus: Eine verringerte Angst vor Krankheit, so wird argumentiert, leiste womöglich vorehelichem Sex Vor­schub. Und an sogenannten „Reinheitsbällen“ (purity balls) geloben junge Mädchen von Florida bis Colorado in schicken Kleidern vor Gott und ihren Papis […], dass sie ihre Virginität bis zur Hochzeitsnacht erhalten werden. (mehr…)