Tag-Archiv für 'adorno'

Warum die Manns Horkheimer und Adorno hassten – und das mal völlig zurecht!

„Diese beiden Lumpen!“ Es brach aus ihm heraus. Er wisse, was er sage, ergänzte Golo Mann seine Beleidigung, die er 1989 in einem Fernsehinterview gegen die damals schon verstorbenen Begründer der Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, vorbrachte. So kannte man ihn gar nicht: Der freundliche, scheue, seine Worte wägende Historiker und Schriftsteller, der mit seiner „Deutschen Geschichte“ (1958) und der Wallenstein-Biographie (1971) ein Millionenpublikum damit erstaunt hatte, dass man dem trockenen Stoff der Geschichte so unerhört fesselnde und stilistisch brillante Bücher abringen kann. Und dann diese Entgleisung. In der Tat ist sie nur nachvollziehbar, wenn man die ganze Geschichte kennt, die, nach Jahrzehnten, zum verbalen Ausbruch vor laufender Kamera führte; eine Intrigengeschichte – und die Geschichte einer großen Feindschaft.

Mehr zu Adornos intrigantem Schwulenhass und die Familienrache Erika Manns in der FAZ vom 29. 3. 2009!

Contra Dialektik

Der Blog Audoarchiv hat, neben manchem Schrott (sorry, meine Meinung!), dankenswerterweise auch eine ganze Reihe hörenswerter Vorträge zu verschiedenen, vor allem philosophisch-theoretischen Themen der hiesigen Linken online verfügbar gemacht. Darunter fällt auch ein Vortrag von Michael Koltan — aus seiner Reihe „Dialektik im 20. Jahrhundert“ — über Michel Foucault.

Zwar nervt ein bisschen die Arroganz des Referenten, der immer dort, wo die Sache selbst nicht für ihn oder seinen komischen Freund Hegel spricht, mit schier unnachvollziehbaren Taschenspielertricks oder dem Gestus autoritären Bescheidwissens von oben nachzuhelfen versucht. (Es könnte ja sein, daß der Hörer, wenn man ihn nicht permanent auf die Klugheit Hegels und die Banalität Foucaults hinwiese, sich am Ende noch seine eigenen Urteile macht!) Trotzdem gelingt es ihm durchaus, die wesentliche Gedankengänge von Foucaults Die Ordnung der Dinge (Les mots et les choses, 1966), das allgemein der ersten Phase seines Denkens — der sog. Archäologie des Wissens — zugeordnet wird, sachlich treffend wiederzugeben, weshalb ich das überhaupt nur guten Wissens empfehlen kann. (mehr…)

Adorno an Horkheimer

Narodnik betätigt sich als Zitatschatzjäger, und was soll ich sagen: es gefällt!

Schenkelklopfer

*lol* Antideutsche haben so einen Schaden …

Marx Adorno Bush

Oublier Adorno

ché beschwert sich in einem Blogeintrag über die angebliche Feindschaft linker Schwuler gegen die Kritische Theorie. Nun, ich weiß nicht, wie breit die empirische Basis ist, auf der ché seine Aussagen tätigt ;) … aber ich beantworte den Beitrag wenigstens mal für mich selbst. (mehr…)

Individualisierungskritik bei Adorno und Foucault

Horkheimer/Adorno:

Das Prinzip der Individualität war widerspruchsvoll von Anbeginn. Einmal ist es zur Individuation gar nicht wirklich gekommen. Die klassenmäßige Gestalt der Selbsterhaltung hat alle auf der Stufe bloßer Gattungswesen festgehalten. Jeder bürgerliche Charakter drückte trotz seiner Abweichung und gerade in ihr dasselbe aus: die Härte der Konkurrenzgesellschaft. Der Einzelne, auf den die Gesellschaft sich stützte, trug ihren Makel an sich; in seiner scheinbaren Freiheit war er das Produkt ihrer ökonomischen und sozialen Apparatur. An die je herrschenden Machtverhältnisse appellierte die Macht, wenn sie den Spruch der von ihr Betroffenen einholte. Zugleich hat in ihrem Gang die bürgerliche Gesellschaft das Individuum auch entfaltet. Wider den Willen ihrer Lenker hat die Technik die Menschen aus Kindern zu Personen gemacht. Jeder solche Fortschritt der Individuation aber ist auf Kosten der Individualität gegangen, in deren Namen er erfolgte, und hat von ihm nichts übriggelassen als den Entschluß, nichts als den je eigenen Zweck zu verfolgen. Der Bürger, dessen Leben sich in Geschäft und Privatleben, dessen Privatleben sich in Repräsentation und Intimität, dessen Intimität sich in die mürrische Gemeinschaft der Ehe und den bitteren Trost spaltet, ganz allein zu sein, mit sich und allen zerfallen, ist virtuell schon der Nazi, der zugleich begeistert ist und schimpft, oder der heutige Großstädter, der sich Freundschaft nur noch als „social contact“, als gesellschaftliche Berührung innerlich Unberührter vorstellen kann.

Max Horkheimer ; Theodor W. Adorno, „Kulturindustrie“. In: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (Fischer: Frankfurt/M., 1989), 164.

(mehr…)

Klassiker der verkürzten Kapitalismuskritik. Heute: Theodor W. Adorno

Da jetzt wieder vermehrt nach verkürzter Kapitalismuskritik gefahndet wird, hab ich mir diesbezüglich mal einen Theoretiker vorgenommen, der ja gerade bei den antideutschen Kritiker_innen der G8-Mobilisierung in hohem Ansehen steht: den guten alten Theodor W. Adorno. Und natürlich bin ich gleich fündig geworden, weil ich als ehemaliger Fan (those were the 90’s!) nicht erst lange überlegen musste, wo ich nachschlagen soll. So heißt es etwa in der Negativen Dialektik auf S. 150: (mehr…)

Klaus Theweleit revisited

Im Kontext der zunehmenden Rehabilitierung von Wilhelm Reichs These eines „inneren Zusammenhangs“ zwischen Homosexualität und Faschismus in der postantideutschen Linken fand ich es ganz interessant, mir nochmal Klaus Theweleit anzuschauen. Theweleit wird des Öfteren in die Rezeptionslinie dieser These gestellt, die sich bei traditionellen Marxisten wie Bert Brecht und Maxim Gorki ebenso großer Beliebtheit erfreute wie bei den kritischen Theoretikern Erich Fromm und Theodor W. Adorno. Nachdem dieser Topos in der Exil-Linken als Medium der Anti-Nazi-Propaganda popularisiert worden war (so sehr, dass Klaus Mann sich gar zu der Warnung genötigt sah, man sei „im Begriff, aus ‚dem Homosexuellen‘ den Sündenbock zu machen — etwa ‚den Juden‘ der Antifaschisten“), geriet die These nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst für längere Zeit in Vergessenheit. Doch sie erlebte mit der Wiederentdeckung Reichs durch die „Neue Linke“ in den Jahren nach 1968 eine erstaunliche Renaissance. So schreibt Stefan Micheler:

Das Dogma der „natürlichen“ Heterosexualität in Anlehnung an Wilhelm Reich und überkommene Sexualideologien sowie die eigene Heteronormativität wurden also von der Mehrheit der Angehörigen der Studierendenbewegung nicht hinterfragt, sondern unkritisch übernommen. So nachhaltig, dass es immer wieder aufgegriffen wurde und man diese Theorie heute noch z.B. beim „Guru“ linker Männerbild-Theorie, Klaus Theweleit, findet.

Etwas unfair ist die Beschuldigung Theweleits schon, denn wie sehr sein Buch Männerphantasien auch um diese These kreisen mag, er versucht ihr doch zugleich auch zu entkommen:

Daraus kann man ableiten, daß jeder Mann hier, der die Männergesellschaft ablehnt, homosexueller ist als ihre treuesten Anhänger, eben weil er wahrscheinlich überhaupt sexueller ist.
Auf diesem Hintergrund von ‚latenter‘ Homosexualität zu sprechen, erscheint mir als irreführend.

(Bd. 2, S. 330)

Gegen Reich, Adorno und Brecht holt er sogar zu einem gut platzierten Gegenschlag aus:

Homosexualität also? Das Stichwort scheint fällig — aber bringt es weiter? Homosexualität, vor allem die ‚latente‘, die über erhebliche Mengen gestauter Triebenergie verfügt, die auf aggressive Entladungen drängt, ist von manchen Autoren als wesentlicher Bestandteil der Aggressionslust des soldatischen Mannes genannt worden. Wilhelm Reich etwa schrieb:

Man konnten nun während des Krieges die Beobachtung machen, daß diejenigen, welche starke heterosexuelle Bindungen oder vollwertige Sublimierungen aufwiesen, den Krieg ablehnten; dagegen waren diejenigen die brutalsten Draufgänger, die das Weib als Klosett betrachteten und latent oder manifest homosexuell waren.

[…]

Die Vorstellungen über Homosexualität sind so diffus und von Abwehr bestimmt (und zwar auch unter den Analytikern selbst), daß man davon ausgehen muß, der Begriff Homosexualität löse alles andere eher, denn ein Verständnis aus: eine Reihe von Vorurteilen, falschen Vorstellungen und eigener Abwehr setzt sich in Bewegung, um bei der krampfhaften Sicherheit anzukommen, daß Homosexuelle auf jeden Fall erst mal die anderen seien: Fremde, oder sogar Feinde, die einem selbst ganz und gar nicht gleichen, die man dingfest machen kann in einem Begriff wie dem des tough guy etwa, den Adorno vor Augen hatte, als er seinen Aphorismen die Behauptung zufügte: „Totalität und Homosexualität gehören zusammen.“ Im Zusammenhang der Adornoschen Wertvorstellungen kommt dieser Satz einer Vernichtung dessen gleich, den diese totalitäre Krankheit befallen hat. Interessant wird dieser Vorwurf erst dadurch, daß Adorno den angeblichen Haß des tough guys gegen die „Effeminierten“ mit der ausgesprochen männerbündlerischen Replik bedenkt, daß „am Ende“ die tough guys selbst „die eigentlich Effeminierten“ seien. Handelt es sich also um einen Streit unter Männern, wer der ‚eigentliche Mann‘ sei? Ist die denkbare Schande die, effeminiert zu sein?
Oder nehmen wir den Mann Brecht, der in seinem Arbeitsjournal am 27. 5. 42 vermerkt hat:

sitze nachmittags für eine stunde mit feuchtwanger in seinem schönen garten. er erzählt, sie haben jetzt hormoninjektionen in der armee, welche homosexualität restlos entfernen (allerdings alle paar monate erneuert werden müssen). so macht jetzt auch den homosexuellen die armee keinen spaß mehr.

Als Leute, denen die Armee aus freien Stücken Spaß macht, fallen die Homosexuellen auch hier unter die Feinde (werden aber eigenartigerweise auch von der Armee nicht gemocht?) Und Brecht selbst? Er, der so zurückhaltend mit Bemerkungen war, die etwas von seinen Gefühlen den Menschen gegenüber, mit denen er eng zusammenlebte, verraten hätten können, nennt eben jenen Lion Feuchtwanger, in dessen Garten sitzend er sich so gern über schwierige Fragen der Kunst und der Politik unterhielt in der vielleicht offensten Notiz seines Journals einen „wirklichen Freund“.
Der Verdrängungsapparat des Feuchtwanger-Freundes Brecht funktioniert nicht schlecht, wenn er ohne Widerspruch die Möglichkeit akzeptieren kann, daß Homosexualität durch einen solchen Eingriff „restlos“ zu beseitigen wäre.
Halten wir fest: diese Anti-Homosexuellen haben in ihrer Haltung zumindest etwas sehr Männertümelndes. Ausgedrückt wird das mit einer Selbstsicherheit, die deutlich die Differenz betont und in der so etwas wie eine Befriedigung mitschwingt, daß man selbst über dezentere, ‚männlichere‘ Mittel verfüge, als jene Schrecklichen, die gegen ihre perversen Lüste Spritzen brauchen, wo man selbst doch mit einem klugen materialistischen Gespräch über die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit auskommt oder mit den freudigen Erschütterungen, die die Niederkunft eines mächtigen Aphorismus begleiten.

(Bd. 1, S. 61 ff.)

Doch am Ende bleibt Theweleit selber in dieser These gefangen, wenn er auch „die Disposition zur Männerliebe“ als „das allgemeinste kollektive Triebschicksal“ bestimmt, welches „bei uns (sic!) keiner besonderen psychischen Disposition des einzelnen“ bedürfe (Bd. 2, S. 330), weil die Entwertung des ‚Weiblichen‘ in dieser Gellschaft universal sei:

An den Frauen hängt in der männlich dominierten Gesellschaft viel zuwenig ‚Welt‘, als daß sie mit ‚erfahrenen‘ Männern konkurrieren könnten. Schon deshalb erscheinen sie als viel weniger liebenswert. Der Traum vom Heldenleben, von Stärke, Aufstieg und Glanz, Esprit und Jagd, von der Weite, die zu erobern, vom Gipfel, der zu erklimmen ist, von der strahlenden Schönheit des ‚freien Männerhelden‘, dem dies gelingt — wie sollte er sich an Frauen haften können, an die privaten, eingeschlossenen Wesen, die mit dem Schmutz des Alltäglichen in Beziehung stehen, nicht aber mit den Taten der Großen, die den Weltlauf bestimmen.

(Bd 2, S. 328)

Theweleit schafft es nicht, aus den Widersprüchen auszubrechen, die er einen nach dem anderen vor sich aufhäuft. So schreibt er in einer Fußnote:

Um es noch einmal zu betonen: Der Terror kommt nicht aus der Homosexualität; aber Männerbünde neigen zur Ausbildung ‚homosexueller‘ Praktiken, die, selber aggressiver Art, zum Umklappen in jede andere Form der Aggressivität fähig sind. Das gilt aber für ihre ‚heterosexuellen‘ Praktiken im Prinzip auch.

(Bd. 2, S. 332)

Also was jetzt? Wenn „Homosexualität“ gar nicht der Grund ist, aus dem sich die Aggressivität des faschistischen Rackets erklären lässt; wenn dessen „heterosexuelle“ Praktiken des gleichen Wesens sind: was sollte dann der ganze Ausflug überhaupt?

Der Grund für Theweleits Irrtümer ist schnell erklärt: es ist sein Hang zur Psychologisierung des Faschismus. Die Freicorps, die er zum Ausgangspunkt seiner Untersuchung macht, basierten nicht auf „unbewusst erotischen“ Phänomenen, sondern wurden ganz schlicht durch eine Ideologie zusammengehalten, die zu analysieren sich sein Buch konsequent weigert. Dabei hatte Klaus Mann bereits 1934 alles Nötige dazu geschrieben:

Das ‚Bündische‘, sagt man, habe stets homoerotischen Charakter, und auf dem ‚bündischen‘ Prinzip basiere der Faschismus. Lassen wir das Problem beiseite, bis zu welchem Grade der wirklich Invertierte immer dem ‚Bündischen‘ zuneigt — er ist oft einsamkeitssüchtig und scheu, man hat ihm einen asozialen Charakter vorgeworfen. Sogar aber vorausgesetzt, alle Invertierten suchten den Männerbund und der Männerbund habe stets die invertierte Note: worauf es ankommt, ist nur der Geist, in dem der Bund geschlossen wurde, nicht der erotische Kitt, durch den er zusammenhält.

Theweleit dagegen verblieb mit seinen Männerphantasien konsequent im Bannkreis der antiautoritären Bewegung, die allen Ernstes glaubte, das Kernproblem läge in einer patriarchalen Erziehung. Umso weniger verwundert es, dass die 68er im Zuge ihres allmählichen Rechtsrucks nur einen neuen Typus des Faschisten hervorgebracht haben: Figuren wie Rainer Langhans, die zwar von „Männertümelei“ nichts wissen wollen, rechtsextreme Ideologiebruchstücke aber umso zeitgemäßer unter die Leute bringen.

Mehr noch aber gelang es den 68ern, jede Forschung über die Mittäterschaft von Frauen an der Realisierung des deutschen Mordprogramms 20 Jahre lang mit dem verlogenen Hinweis abzuwürgen, dass die Frauen doch die eigentlichen Opfer des deutschen Faschismus gewesen seien (denn über die Juden, die als einzige qua Kollektiv verfolgt worden waren, sprachen die 68er höchst ungern). Es war dann schließlich die feministische Frauenforschung selbst, die in den 90er Jahren den Mythos von den deutschen Frauen als Opfern des Nationalsozialismus ein für allemal begraben hat.