Tag-Archiv für 'culturalism'

Lesestoff zu antimuslimischem Rassismus (AMR)

Gruppe soziale Kämpfe: „Antimuslimischer Rassismus von oben und von unten. Über die Kulturalisierung sozialer Gegensätze im Neoliberalismus“.

Vorschusslorbeeren

Bestellt und mit Spannung erwartet:

Krisis 32. Kreuzzug und Jihad: Der gefährliche Mythos vom Kampf der Kulturen.

Jungle Welt goes culturalism

Mei, waren das noch Zeiten, als der englische Dichter und Kulturkritiker Matthew Arnold (gest. 1888) culture als „the best that has been thought and said“ definierte — und zwar ganz unabhängig davon, wo es vom Stapel gelassen wurde. Aber Nick Cohen, Renegat der britischen Linken, hält es ja lieber mit der Tradition von Johann Gottfried Herder, der den Kulturbegriff völkisch departmentalisierte:

Die Linke hat im 20. Jahr­hundert die großen Kämpfe um die Gleichberech­tigung der Frauen, gegen den Rassismus und die Homophobie gewonnen. [So, hat sie das?] Aber sie schleppt als Erbe mit sich herum, dass es rassistisch sei, andere Kulturen zu kritisieren, und seien sie noch so autoritär.

Herr Cohen, vielleicht ist es ja auch schon rassistisch, die Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens als „andere Kulturen“ zu betiteln? (Einmal davon abgesehen, wie unverschämt es ist, Homophobie und Rassismus überhaupt unter „Kultur“ zu fassen; in Ihrem eigenen Fall tun sie das doch auch nicht!) Aber da haben Sie und die von Ihnen denunzierte Linke ja mal was gemeinsam aufzuarbeiten. Am besten im Verein mit dem deutschen Kriegsblättchen, das Sie zusammen mit einem rassistischen Pornostar auf seine neu hingerotzten Seiten geholt hat.

„Revolte gegen die Moderne“

Ein relativ spannendes Interview mit Detlev Claussen — einem Soziologen in der etwas altbackenen Tradition von Horkheimer/Adorno — über Fundamentalisierungsprozesse, Identitätspolitik und Xenophobie:

(via IdrawESCAPEplans)

Stop the Clash of Civilizations

Kultureller Rassismus

In Vorbereitung auf eine mündliche Prüfung musste ich in drei Tagen ein kleines Exposé zum Thema „kultureller Rassismus“ verfassen. Das Thema hat sich jetzt zu „‚Kultur‘ und ‚Rasse‘ im Deutschen Kaiserreich“ verschoben. Aber damit ich das Papier nicht ganz umsonst geschrieben habe, mülle ich jetzt einfach mal meinen Blog damit zu! Vielleicht interessiert’s ja jemanden … ;) (mehr…)

„Nichtassimilierbar“: Hirsi Ali über MigrantInnen aus ihrer „Herkunftskultur“

In der aktuellen Jungle World beschert uns der Antirassismuskritiker Udo Wolter eine weitere Lobeshymne auf die niederländische „Islamkritikerin“ Ayaan Hirsi Ali. Letztlich nur eine Verlängerung von Ivo Bozics hier bereits besprochener Kolumne aus der letzten Ausgabe, reicht Wolters Verteidigungsschrift Hirsi Alis persönlichen Einsatz für eine junge Frau aus dem Kosovo abermals als Beleg herum, dass ihre Ansichten zur Asyl- und Einwanderungspolitik trotz ihrer Mitgliedschaft in einer ausländerfeindlichen Partei doch eigentlich ganz nett und liberal seien.

Tatsächlich hat die willkürliche Intervention Hirsi Alis in migrantische Einzelschicksale (ganz nach dem Motto: „Wer Jude ist, bestimme ich!“) nicht das geringste mit einer grundsätzlichen Kritik am niederländischen Abschiebestaat zu tun. Bestenfalls geht es ihr um eine Neuaufstellung der ausländerrechtlichen Sortierweise zu Lasten islamischer ZuwanderInnen „aus ländlichen Gebieten“, denen sie in bester kulturalistischer Manier attestiert, sich „in einer bestimmten Phase des Zivilisationsprozesses“ zu befinden, die „weit hinter derjenigen der Gastländer“ zurückhinke: „Die Niederländer und die Deutschen und die Franzosen haben alle diesen riesigen Fehler gemacht, als sie sagten: in Ordnung, ihre Kinder werden zu Schulen gehen und liberalere oder säkularere Sichtweisen annehmen, und stattdessen bekommt man Bouyeri [den Mörder von Theo van Gogh]“. Man fragt sich, wie die Frau sich selbst erklärt, da sie MigrantInnen aus peripheren und/oder islamischen Ländern doch eigentlich für inkonvertibel hält. Aber nach solchen logischen Ungereimtheiten braucht man Hirsi Ali nicht zu fragen. In ihrer Kultur ist man offenbar noch nicht so weit, auf die innere Schlüssigkeit und Selbstrefentialität von Argumenten zu achten.

PS: Über die Männer, die Ayaan Hirsi Ali zurzeit mit Elogen überschütten, hat Islamophobia Watch eine wunderschöne Story zusammengestellt. Es ist bezeichnend, dass die wenigen kritischen Stimmen, die es in die Medien schaffen, allesamt von feministischen Frauen stammen.

Das Blaue vom Himmel

Dreiste Lügen über ihre Biographie hat nicht nur Ayaan Hirsi Ali aufgetischt, dreiste Lügen serviert uns auch der Jungle-World-Redakteur Ivo Bozic. In seinem Artikel Guten Aufenthalt! behauptet er:

Dass der Betrug plötzlich von rechtskonservativer Seite wieder vorgebracht und skandalisiert wird, hat wohl einen anderen Grund. Denn im Gegensatz zu den Konservativen lehnt die Islamkritikerin Hirsi Ali eine Beschränkung der Einwanderung in die Niederlande ab. Ganz im Gegenteil engagiert sie sich für die Rechte von Asylsuchenden und fordert, dass auch so genannte Wirtschaftsflüchtlinge aufgenommen werden. Dass sich ausgerechnet eine der schärfs­ten Kritikerinnen der niederländischen Inte­gra­tions­politik einer rassistischen Ausländer-Raus-Kampagne verweigert, dürfte dem rechten Lager unverschämt erscheinen. Deshalb richtet sich die Kampagne mit einem Mal auch gegen Hirsi Ali selbst.

Die Wahrheit kann man u.a. dem britischen Guardian, einer etwas respektableren Quelle als der linken Amateurzeitung aus Berlin, entnehmen. Dort heißt es:

A member of the hard-right VVD party, which wants to impose restrictions on the number of immigrants, Ms Hirsi Ali regularly […] attacks the Netherlands‘ liberal immigration policies.

Auf Wikipedia darf man nachlesen, dass eine ihrer wesentlichen politischen Forderungen die Einführung einer „Integrationspflicht“ war: „Wer sich nicht integrieren lassen will, sollte das Land verlassen.“ Zur Begründung ihres Parteiwechsels in die rechtsliberale VVD heißt es in der englischen Wikipedia: „She criticized the PvdA [Partij van de Arbeid] for being blind to the negative effects of immigration from Islamic countries.“ Und in ihrer Abschiedserklärung anlässlich der Niederlegung ihres Abgeordnetenmandats schreibt sie schließlich selbst: „Lastly, I wanted politicians to grasp the fact that major aspects of Islamic doctrine and tradition, as practiced today, are incompatible with the open society.“ Da sie einerseits eine Integrationspflicht fordert, andererseits die Integration von Muslimen in die niederländische Gesellschaft aber für unmöglich hält, liegt die Schlussfolgerung, die manche ihrer Parteifreunde ziehen, auf der Hand: Ausweisung aller Muslime aus den Niederlanden!

Dies alles euphemisiert Bozic zu einer „besonders kritischen“ Haltung zum „Kulturrelativismus gegenüber der islamischen Comunity“ — eine Position, die neben Ayaan Hirsi Ali auch Pim Fortuyn vertreten habe. So macht die Jungle World durch ihre Eulogie auf Hirsi Ali ganz nebenbei auch einen ermordeten Faschisten wieder hoffähig.

Kulturrelativistisch ist aber vor allem Ivo Bozic selbst, der klassisch rechte Stammtischparolen nicht mehr als solche benennen will, wenn sie von einer Migrantin formuliert werden. Auf diese positiv-rassistische Einstellung, die sich weigert, Hirsi Alis Machenschaften ernst zu nehmen — insbesondere die Erstellung ihrer Fake-Biographie „Ich klage an“ — spielte das NRC-Handelsblad kürzlich mit folgender Karikatur an:

Fokke und Sukke
Fokke und Sukke begreifen Hirsi „Ali“ vollkommen — „Du musst es im Kontext einer Kultur sehen“ … „des Mangels an Scham und Ehrgefühl“.

Ivo Bozic wehrt sich folglich dagegen zu begreifen, dass Hirsi Ali eine klassische Vertreterin der Neuen Rechten ist, die mit ihrem Verweis auf die nicht-assimilierbare Kultur der „Anderen“ ihre Forderung nach einer restriktiven Einwanderungspolitik begründet. Hierzu Pierre-André Taguieff:

Die grundlegende rassistische Kategorisierung drückt sich deshalb heute nicht mehr in einer hierarchischen Klassifikation menschlicher Rassen aus, sondern anhand eines augenscheinlich weniger brutalen Kriteriums: das Assimilierbare wird gegen das Nicht-Assimilierbare gestellt. […] Eines der besten Beispiele hierfür ist die Beschuldigung bestimmter Minderheiten, durch einfachen Kontakt Hauptverursacher einer Destabilisierung und Dekomposition der nationalen Identität zu sein. Vorrangig werden hierzu „Nicht-im-Lande-Geborene“ ausgewählt, die als „Fremde/Ausländer“ identifiziert werden. Denn die „fremden/ausländischen“ Minderheiten werden ihrem Wesen nach als gefährlich wahrgenommen, da sie als natürlicherweise Heterogene angesehen werden. Eine substantialistische Vorstellung der eigenen nationalen Identität bedingt als ideologische Kehrseite die Zuschreibung einer prinzipiellen Heterogenität der von den „Fremden“ geteilten Identitäten. […] Es ist ein rassistischer Diskurs, der sich unter dem Etikett einer „nationalen Bevorzugung“ als eine normale Reaktion empörter, „überfluteter“, sich legitim gegen eine Invasion oder Aggression verteidigender französischer Bürger darstellt. Und seine Ideologen (z.B. J. Y. Gallou, J. Madiran) versichern, daß das Prinzip der nationalen Diskriminierung, das sie verteidigen, nichts mit einer Aufforderung zur rassischen Diskriminierung gemein hat. Die strategische Wende besteht darin, sich gegen den Vorwurf des Rassismus zu verteidigen, indem eine voluntaristische und kontraktuelle Konzeption der Nationalität bejaht wird. Der in den Nationalismus integrierte Neorassismus kann so eine republikanische Tradition beanspruchen. […] Diese Verschiebung erlaubt es uns, von einer Erweiterung oder Generalisierung der ursprünglich antijüdischen Vorstellungen und Argumente zu sprechen. Die nationalistisch-xenophobe Vision der nichtassimilierbaren Araber, die im Begriff sind, Frankreich (oder das okzidentale Europa) durch eine „Immigrationsinvasion“ zu erobern, beinhaltet zumal in ihren organisierten Formen erweiterte und rückübersetzte judeophobe Traditionen.