Tag-Archiv für 'history'

Especially in the Middle East

Ganz beiläufig liefert Tom Segev in Es war einmal ein Palästina eine aufschlussreiche Quelle über gleichgeschlechtliche Liebe in der britischen Mandatszeit. Ohne irgendwelche Etiketten zu applizieren (wie das unter deutschen Antifas als Rassifizierungsstrategie so beliebt ist), erzählt er die Liebesgeschichte von Sari, dem Sohn von Khalil as-Sakakini, einem etwas bekannteren christlich-arabischen Autor, Dichter und palästinensischen Nationalisten, dem in Segevs Gesellschaftsbiographie eine tragende narrative Rolle zukommt. Die Sakakinis waren eine sehr kosmopolitisch eingestellte Familie, deren Vater bekannt dafür war, sich als Gründer der Dusturiyyah-Schule für „die geistige Befreiung der Schüler, sexuelle Aufklärung, humanistische und sozialistische Ideen“ einzusetzen (was ihn allerdings nicht davon abhielt, in seinem Tagebuch mit Al-Husseini und den deutschen Nazis zu sympathisieren). Die Erzählung setzt kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein, als Sari mit einem Magistertitel in Politikwissenschaft von der Universität Michigan/USA zurückkehrt, um im amerikanischen Konsulat von Jerusalem eine Stelle anzutreten: (mehr…)

A schoolboy’s friendship

Benjamin Disraeli, 19th-century novelist, Conservative statesman and twice prime minister, on boys love in the British upper class:

At school, friendship is a passion. It entrances the being; it tears the soul. All loves of after-life can never bring its rapture, or its wretchedness; no bliss so absorbing, no pangs of jealousy or despair so crushing and so keen! What tenderness and what devotion; what illimitable confidence; infinite revelations of inmost thoughts; what ecstatic present and romantic future; what bitter estrangements and what melting reconciliations; what scenes of wild recrimination, agitating explanations, passionate correspondence; what insane sensitiveness, and what frantic sensibility; what earthquakes of the heart and whirlwinds of the soul are confined in that simple phrase, a schoolboy’s friendship! Tis some indefinite recollection of these mystic passages of their young emotion that makes grey-haired men mourn over the memory of their schoolboy days. It is a spell that can soften the acerbity of political warfare, and with its witchery can call forth a sigh even amid the callous bustle of fashionable saloons.

From: Benjamin Disraeli (1844), Congingsby, Chapter IX.

A friendship of the strongest kind

Picturing Men 1Jonathan Katz interprets the American 19th-century construction of male-male love in a college guy’s secret diary:

On February 2, 1837, Albert Dodd, then nineteen or twenty years old, contemplated in his diary the emotional ups and downs of his past year at Washington College (now Trinity), in Hartford, Connecticut: “First, the friend I loved,” a classmate, John Heath, “the first one whom I had ever truly loved in this wide world, became estranged from me, as I indeed did from him.” […]

Dodd wondered what to name his feeling for Heath: “It is not friendship merely which I feel for him, or it is friendship of the strongest kind. It is a heartfelt, a manly, a pure, deep, and fervent love.” This is literally a defining moment in his diary. Dodd toyed with the word “friendship,” but then rejected if for “love,” qualified as especially intense. Adding qualifiers to the terms “love” and “friendship” was one of the main ways that men of this time affirmed their special feeling for men. […] (mehr…)

Thomas Jefferson’s „liberal“ approach

In a peculiar twist, Thomas Jefferson [1743 – 1826], a man who is usually noted as a[n] enlightened voice in American history, drafted a proposed revision of Virginia’s laws. In it, he specified that the penalty for sodomy among men should be castration, and for women, a hole should be cut in the nasal cartilage [dt. „Nasenscheidewand“] of at least one half inch in diameter apparently in the belief that torture was preferable to the death penalty. Jefferson’s proposal was unique not only because it specified mutilation as a punishment, but because he broke with the English tradition and included women in his definition of sodomy. Fortunately, Jefferson’s „liberal“ approach was never made law.

Source: gayhistory.com

Warum die Manns Horkheimer und Adorno hassten – und das mal völlig zurecht!

„Diese beiden Lumpen!“ Es brach aus ihm heraus. Er wisse, was er sage, ergänzte Golo Mann seine Beleidigung, die er 1989 in einem Fernsehinterview gegen die damals schon verstorbenen Begründer der Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, vorbrachte. So kannte man ihn gar nicht: Der freundliche, scheue, seine Worte wägende Historiker und Schriftsteller, der mit seiner „Deutschen Geschichte“ (1958) und der Wallenstein-Biographie (1971) ein Millionenpublikum damit erstaunt hatte, dass man dem trockenen Stoff der Geschichte so unerhört fesselnde und stilistisch brillante Bücher abringen kann. Und dann diese Entgleisung. In der Tat ist sie nur nachvollziehbar, wenn man die ganze Geschichte kennt, die, nach Jahrzehnten, zum verbalen Ausbruch vor laufender Kamera führte; eine Intrigengeschichte – und die Geschichte einer großen Feindschaft.

Mehr zu Adornos intrigantem Schwulenhass und die Familienrache Erika Manns in der FAZ vom 29. 3. 2009!

Lost and found

Ein Satz, den ich (ver)meinte, bei Walter Benjamin gelesen zu haben, und den ich dann dort jahrelang immerzu vergeblich suchte, hat sich jetzt, auf wundersame Weise, bei Gerschom Scholem wieder angefunden:

Das ganz Neue hat Elemente des ganz Alten, aber dieses ganz Alte ist […] ein vom Traum Verklärtes und Verwandeltes, auf das der Strahl der Utopie gefallen ist.

Wahrscheinlich hab ich’s ursprünglich hierher und es dann, falsch erinnernd, Benjamins „Über den Begriff der Geschichte“ zugeschrieben. Wie auch immer: ich schrecke nicht davor zurück, das als meine implizite Geschichtsphilosophie zu bezeichnen.
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Die Stunde der Revisionisten

„Es wird der Versuch gemacht, 1968 zu schlachten“. Interview mit Jutta Dittfurth:

Reaktionär Luhmann

Niklas Luhmann Während meines Grundstudiums wurde ich in fast jedem Seminar mit Niklas Luhmann traktiert, und ich brauchte eine gewisse Zeit, um herauszufinden, was dieser Mensch mit seinem sachfreien Denken eigentlich bezweckte. Seitdem finde ich es extrem nervig, wenn ein paar wenige Linke meinen, aus ihm etwas „herausholen“ zu können. Denn offenbar haben sie nicht ganz verstanden, welche Tradition das ehemalige NSDAP-Mitglied mit seinem Werk fortsetzte: die des sog. technokratischen Konservatismus, zu dessen wichtigsten Exponenten in der frühen BRD die bereits im „Dritten Reich“ auf einen Lehrstuhl berufenen Soziologen Helmut Schelsky und Arnold Gehlen gehörten. (mehr…)