Tag-Archiv für 'zizek'

Slavoj Žižek: What does it mean to be a revolutionary today?

A lecture held at the Marxism festival in London, 2009:

(via Subtext)

Making sense of the revolution

Die zwei herausragendsten Iran-Analysen der letzten Tage:

  • Ali Schirasi rekapituliert den Aufstieg der Revolutionsgarden zur Macht in klassenanalytischen Begriffen (und man fühlt sich spontan an Marx‘ Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte erinnert),
  • während Slavoj Žižek in der Straßenrevolte gegen den Operettenfaschismus Mahmud Ahmadinedschads (einer Art iranischem Berlusconi) angesichts der „Allahu Akbar“-Rufe und der grünen Bänder eine Wiederkehr der verdrängten authentischen Aspekte des religiös inspirierten Massenaufstands im ersten Jahr der sog. Khomeini-Revolution erkennen will:

    what this means is that there is a genuine liberating potential in Islam – to find a “good” Islam, one doesn’t have to go back to the 10th century, we have it right here, in front of our eyes.

Ich höre schon heftigen Protest! Wer will zuerst?

Wider den antirevolutionären Verbalradikalismus – ein Blogsport-Battle mit Wendy

Wer weiß, was Wendy, unserer sagenhaften Bahamas-GSP-Schimäre, jetzt schon wieder über die Leber gelaufen ist. Erst beschimpft er den linken iranischen Schriftsteller Ali Schirasi auf meta.blogsport als „alten Hetzer“1 (obwohl der alles andere als ein Kumpan von Kriegstreibern und Rassisten ist, wie z.B. der von der Jungle World hofierte „Sprecher“ der imaginären Grünen-Partei des Iran, Kazem Moussavi). Und nun lässt er sich nicht lumpen, noch die revoltierenden persischen Massen, die im Kampf gegen das Mullah-Regime ihr Leben aufs Spiel setzen, als „Aufstandsbewegung von enttäuschten Islamisten“ zu denunzieren. Dafür reicht ihm allein die folgende Feststellung:

Die [iranische] Opposition, die dem deutschen Linken so schöne Wichsvorlagen liefert, begehrt nicht gegen Wahlen und Herrschaft, sondern gegen das schlechte Abschneiden ihres Kandidaten auf.

Dass noch fast jede Revolution mit Forderungen begann, die das System scheinbar nicht in Frage stellten, sondern sich in den approbierten herrschaftlichen Bahnen bewegten, ist Wendy offenbar ein Fremdwort. Dabei liefert Russland dafür das beste Beispiel: der sozialistischen Oktoberrevolution ging mit einiger Notwendigkeit die demokratische Februarrevolution voraus, die wiederum auf der russischen Revolution von 1905 aufsattelte, in welcher tatsächlich so „radikale“ Dinge wie eine konstitutionelle Monarchie gefordert wurden! Slavoj Žižek erklärt, was Wendy offenbar nicht verstehen kann oder will: (mehr…)

Slavoj Žižek: Use Your Illusions

Gegen linke Desillusionierer vom Schlage Judith Butlers, die anlässlich Obamas historischen Wahlsiegs vor falschen Hoffnungen und einem „kritiklosen Überschwang“ der Gefühle warnte, da diese vermutlich schon bald enttäuscht würden, erinnerte Slavoj Žižek in einem Online-Artikel vom 14. November in der London Review of Books an die geschichtliche Macht von Illusionen und die Naivität des politischen Realismus. Hier einige Auszüge:

Noam Chomsky called for people to vote for Obama ‘without illusions’. I fully share Chomsky’s doubts about the real consequences of Obama’s victory: from a pragmatic perspective, it is quite possible that Obama will make only some minor improvements, turning out to be ‘Bush with a human face’. He will pursue the same basic policies in a more attractive way and thus effectively strengthen the US hegemony, damaged by the catastrophe of the Bush years.

There is nonetheless something deeply wrong with this reaction – a key dimension is missing from it. Obama’s victory is not just another shift in the eternal parliamentary struggle for a majority, with all the pragmatic calculations and manipulations that involves. It is a sign of something more. This is why an American friend of mine, a hardened leftist with no illusions, cried when the news came of Obama’s victory. Whatever our doubts, for that moment each of us was free and participating in the universal freedom of humanity. […]

Obama’s victory is a sign of history in the triple Kantian sense of signum rememorativum, demonstrativum, prognosticum. A sign in which the memory of the long past of slavery and the struggle for its abolition reverberates; an event which now demonstrates a change; a hope for future achievements. The scepticism displayed behind closed doors even by many worried progressives – what if, in the privacy of the voting booth, the publicly disavowed racism will re-emerge? – was proved wrong. One of the interesting things about Henry Kissinger, the ultimate cynical Realpolitiker, is how utterly wrong most of his predictions were. When news reached the West of the 1991 anti-Gorbachev military coup, for example, Kissinger immediately accepted the new regime as a fact. It collapsed ignominiously three days later. The paradigmatic cynic tells you confidentially: ‘But don’t you see that it is all really about money/power/sex, that professions of principle or value are just empty phrases which count for nothing?’ What the cynics don’t see is their own naivety, the naivety of their cynical wisdom which ignores the power of illusions. (mehr…)

Paulus gegen das Christentum gewendet

Ach, was soll’s, noch ein letzter:

[Weltwoche:] Sie veröffentlichen seit kurzem erstaunlich milde Gedanken über das Christentum.

[Žižek:] Ich bin aggressiver Atheist. Vom Christentum beziehe ich lediglich das formale Prinzip, das, wie ich finde, gegen das Christentum als Religion eingesetzt werden soll.

Unverstandene Binsenweisheit

So, das vorläufig letzte Zitat in meiner Žižek-Reihe ist natürlich nichts als ein Seitenhieb auf „anti“deutsche Žižek-Fans, die mich in den letzten Tagen so genervt haben:

Wenn man die israelische Besetzung der Westbank bedingungslos ablehnt, sollte man die antisemitischen Übergriffe in Westeuropa, die sich selbst als „exportierte Intifadah“, d.h. als Solidaritätsbekundung mit den unterdrückten Palästinensern rechtfertigen, genauso bedingungslos ablehnen (von Angriffen auf Synagogen in Deutschland bis zu Hunderten von antisemitischen Vorfällen in Frankreich im Herbst 2001). Man darf hier kein „Verständnis“ zeigen. Es darf keinen Platz geben für die Logik des „Aber man muß die Angriffe auf die Juden in Frankreich als eine Reaktion auf das brutale Vorgehen der israelischen Armee verstehen!“, genauso wenig wie für die Logik des „Aber man kann die militärische Reaktion ja verstehen; wer hätte keine Angst nach dem Holocaust und zweitausend Jahren Antisemitismus!“ Auch hier sollte man sich der doppelten Erpressung widersetzen: Wenn man für die Palästinenser ist, ist man eo ipso antisemitisch, und wenn man gegen den Antisemitismus ist, muß man eo ipso pro Israel sein. Die Lösung ist nicht ein Kompromiß, das „rechte Maß“ zwischen den beiden Extremen, sondern man muß beide Projekte radikal bis zum Schluß verfolgen, die Verteidigung der Rechte der Palästinenser und die Bekämpfung des Antisemitismus.

Slavoj Žižek, Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin (Suhrkamp: Ffm., 2002), 67 Fn. 8.

Mehr über Žižeks aktuelle Positionen zum Nahostkonflikt und die neuesten Antisemitismusvorwürfe gegen den slowenischen Philosophen…

Neoleninismus II

Hier ist auch bald mal wieder was Antileninistisches zu lesen, versprochen. Aber solange diese Debatte tobt, heißt es auf meinem Blog: Solidarität mit Christel Wegner! Und: ohne Mauer antideutschen Schutzwall ist das nicht meine Revolution.

Wird ein Linker also beschuldigt, dass seine ansonsten lauteren und wohlwollenden Vorschläge im Endeffekt den Grund für den stalinistischen oder maoistischen Terror legen, dann sollte er der liberalen Falle auszuweichen versuchen und diese Anschuldigungen nicht als bare Münze annehmen und sich verteidigen, indem er sich für nicht schuldig erklärt („Unser Sozialismus wird demokratisch sein, Menschenrechte, Würde und Glück respektieren; es wird keine allgemeine obligatorische Parteilinie geben…“): Keineswegs; die liberale Demokratie ist nicht unser endgültiger Horizont. So unangenehm es auch klingen mag, die schrecklichen Erfahrungen des stalinistischen Polit-Terrors dürfen uns nicht dazu bringen, das Prinzip des Terrors selbst aufzugeben – vielmehr sollte man zielstrebiger nach dem „guten Terror“ suchen. Ist die Struktur des wahren politischen Akts der Befreiung nicht per definitionem die einer erzwungenen Wahl und als solche „terroristisch“? Als 1940 die französische Résistance die Einzelnen dazu aufforderte, ihr beizutreten und die deutsche Besatzung Frankreichs aktiv zu bekämpfen, da hieß die implizite Struktur dieses Aufrufs nicht: „Ihr könnt zwischen uns und den Deutschen wählen“, sondern: „Ihr müsst uns wählen! Wenn ihr euch für die Kollaboration entscheidet, dann entsagt ihr eurer eigenen Freiheit!“ Bei einer authentischen Wahl der Freiheit wähle ich das, von dem ich weiß, dass ich es tun muss.

Slavoj Žižek, Die Tücke des Subjekts (Suhrkamp : Ffm. 2001), 527 f.

Warum Revolution und Deutschland nicht zusammengeht

„Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas. Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!“

Das mysteriöse Verhältnis der Deutschen zu ihren Bahnhöfen ist nicht nur Lenin aufgefallen. Es ist auch Žižek eine kleine, symptomatische Untersuchung wert:

Warum hat Hamburg drei verschiedene Fernbahnhöfe, die alle an derselben Strecke liegen (Hauptbahnhof, Dammtor und Altona)? Der Unterschied zwischen den beiden ersten, die scheinbar „irrationale“ Tatsache, daß unweit des Hauptbahnhofs ein weiterer Bahnhof (Dammtor) liegt, läßt sich leicht erklären. Die herrschende Schicht wünschte einen Bahnhof, an dem sie den Zug unbehelligt vom „Pöbel“ besteigen konnte. Rätselhafter ist der dritte Bahnhof Altona. Der Ursprung des Namens ist nicht eindeutig geklärt. Während er gewissen Quellen zufolge auf die Tatsache verweist, daß manchen diese dänische Siedlung als „all to nah“ (all zu nah) an Hamburg gelegen erschien, ist die wahrscheinlichere Erklärung „all ten au“, „am Bach“. Fakt bleibt jedoch, daß sich die Hamburger Bürger ab dem frühen 16. Jahrhundert ständig über diese kleine, ursprünglich dänische Siedlung nordwestlich des Stadtzentrums beklagten. Hinsichtlich der „All zu nah“-Theorie darf man also das alte italienische Sprichwort wiederholen: se non e vero, e ben‘ trovato. Selbst wenn es auf der Ebene der Fakten nicht stimmt, ist es gut erfunden. Auf diese Weise funktioniert nach Freud ein Symptom: als hysterische Anklage, die auf faktischer Ebene nicht zutrifft, aber dennoch „gut erfunden“ ist, weil darin das Unbewußte zur Sprache kommt. Und dementsprechend besteht die symbolische Funktion des dritten Bahnhofs (Altona) darin, die Eindringlinge, die all zu nahe sind, in einem angemessenen Abstand zu halten, um so den fundamentalen gesellschaftlichen Antagonismus (Klassenkampf) auf den künstlichen Antagonismus zwischen „uns“ (unserer Nation, in der alle Klassen im selben Gesellschaftskörper vereint sind) und „ihnen“ (den fremden Eindringlingen) zu verschieben und so zu mystifizieren.

[…] Dies impliziert natürlich keineswegs, daß die Art und Weise, wie wir uns auf „sie“ beziehen, sekundär wäre und daß wir einfach das Augenmerk zurück auf jenen Antagonismus richten werden, der „unsere“ Gesellschaft von innen spaltet. Die Art und Weise, wie wir uns auf „sie“, auf das dritte Element, beziehen, ist der entscheidende Indikator dafür, wo wir tatsächlich im Hinblick auf diesen inhärenten Antagonismus stehen.

Slavoj Žižek, Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin (Suhrkamp: Ffm., 2002), 65-67.

Die zwanghafte Bemühung der Psychoanalyse darf man gerne überlesen.